[52/52-Challenge] Polizist auf Zeit

Donnerstag, 9. April 2015 | Kommentieren
Hey!
Die heutige Szene ist wieder Teil eines potenziellen größeren Projektes. Ich hoffe, ihr kommt mit ihr einigermaßen zurecht, denn mich hat der Protagonist auch verwirrt ;)

Stichwort: Hoffnung
Wörter: 1048

Polizist auf Zeit

Die Treppe, die ihn hinunter ins Kellergewölbe führte, war feucht und rissig. Stellenweise waren Stücke aus den Stufen herausgebrochen und er hatte Mühe, nicht abzurutschen. Hatte das Gebäude selbst von außen noch halbwegs gepflegt ausgesehen, wurde anhand des Kellers nun deutlich, dass es schon seit Jahren nicht mehr genutzt wurde. Kein Wunder, dass der Kerl sich an diesem Ort verschanzt hatte. Hier würde nicht allzu schnell jemand nach ihm suchen.
Vor ihm, hinter einer verwitterten Holztür, öffnete sich ein Gang, der vor Jahren einmal weiß gestrichen gewesen sein mochte. Die Farbe blätterte bereits von den Wänden und wo sie noch erhalten war, hatte sie sich grau verfärbt. Eine einzige Neonröhre flackerte in langsamem Takt - ging aus, kurz wieder an, tauchte den Gang mal in kaltes weißes Licht, beließ ihn mal in Dunkelheit.Zielstrebig ließ er den Gang hinter sich, erreichte einen kleinen Raum, von dem mehrere Türen abgingen und folgte nach kurzem Lauschen einem weiteren Gang. Vor sich, hinter einem Vorhang statt der Tür, erkannte er das beständige Leuchten einer weiteren Lampe und hörte die Schritte einer weiteren Person. Na also. Jetzt musste der Kerl nur tatsächlich den Jungen bei sich haben, sonst hatte er den gesamten Weg umsonst auf sich genommen.
Entschlossen schob er den Vorhang zur Seite und trat in den schwach beleuchteten Raum, eine Hand zur Sicherheit auf die Glock an seinem Gürtel gelegt. Er hörte das Klicken einer Waffe, die entsichert wurde, und drehte sich gelangweilt um, ohne den Griff um seine eigene Pistole auch nur geringfügig zu festigen.
"Machen Sie sich nicht lächerlich. Wenn Sie mich erschießen, wimmelt es hier in wenigen Minuten von Polizisten." Der Schwarzhaarige ihm gegenüber schloss seinen Griff fester um die Waffe, einen Finger am Abzug, als er die Polizeimarke an seinem Gürtel entdeckte. Neben sich hörte er ein gedämpftes Wimmern und als er ihm für einen Augenblick mit den Augen folgte, entdeckte er, an einen Stuhl gefesselt und geknebelt, den Jungen, den ihm sein Chef auf einem Foto gezeigt hatte. Bingo.
"Ich will Ihnen ein Angebot machen", fuhr er entspannt fort, ohne dem Jungen weitere Beachtung zu schenken, der eindeutig neue Hoffnung gefasst hatte, als ihm klar wurde, dass der Neuankömmling ein Polizist war. Sein sollte.
Der Schwarzhaarige schnaubte. "Du bist'n Cop."
"Und? Wäre ich wirklich ein ernstzunehmender Polizist, wüsste längst die ganze Task-Force, wo Sie sich befinden. Also nehmen Sie die Waffe runter. Wir sollten reden."
"Worüber?" Die Pistole sank keinen Zentimeter, aber der Finger löste sich vom Abzug.
Er deutete mit einem Nicken in Richtung des gefesselten Jungen, der unter der Aufmerksamkeit zusammenzuckt. "Ihn."
"Was willst du, Cop?" Die Waffe wurde gesichert, aber weiterhin oben gehalten. Wenigstens etwas.
"Ich will nichts, aber mein Boss hat ein Angebot. Er will den Kleinen haben, kann ihn aber erst in etwa zwei Monaten gebrauchen. Bis dahin gehört er Ihnen."
Die Waffe sank und verschwand in ihrem Holster. Der Schwarzhaarige betrachtete ihn misstrauisch. Mehrfach glitt sein Blick zu der Polizeimarke. "Warum sollte mich das interessieren?"
"Seine Eltern sind nicht in der Lage, ein vernünftiges Lösegeld zu bezahlen. Sorgen Sie dafür, dass er die nächsten zwei Monate am Leben bleibt, und Sie bekommen 50.000 $. Für jede Woche länger 5000 zusätzlich." Die Geldgier, die mit den genannten Beträgen in den Augen des Schwarzhaarigen deutlich wurde, widerte ihn an, aber er ignorierte es. Ebenso, wie er das leise Wimmern des Jungen ignorierte, der wohl versuchte, ihn doch noch von seiner Rettung zu überzeugen. Die Hoffnung darauf konnte er sofort wieder begraben. "Als einzige Einschränkung dürfen Sie ihn nicht ernsthaft verletzen." Er musterte den Schwarzhaarigen einen Augenblick. "Kein Missbrauch."
"50.000?" Scheinbar waren seine Gedanken beim Geld hängen geblieben. Egal, vielleicht erleichterte ihm das sein Vorhaben.
Er nickte. "Gesichert." In Erinnerung an seinen Status fügte er mit einem schwachen Lächeln hinzu: "Von mir erfahren die Cops nichts. Die können mich mal."
"Wenn du mich verarschst, Cop, seid ihr beide tot", drohte der Schwarhaarige ihm mit Blick auf den Jungen.
Er zuckte mit den Schultern, während er belustigt dachte: "Versuch's doch." Er sprach es nicht aus, sondern sagte stattdessen: "Zwei Monate. Ich meld mich ab und an bei Ihnen." Das schien den Schwarzhaarigen nicht sonderlich zu interessieren - er nahm es schweigend zur Kenntnis.
Mit einem letzten Blick auf den Jungen, der mit flehendem Blick zu ihm aufsah, wandte er sich ab und verließ den Keller. Er hatte die Nachricht überbracht, jetzt mussten sie warten. Sie alle. Warten und hoffen, das alles so funktionierte wie geplant.
Er trat hinaus auf die Straße, zog sein Smartphone hervor und wählte im Laufen die Nummer des Boss. "Erledigt", sagte er lediglich, als auf der anderen Seite der Leitung der Anruf angenommen wurde. Ein zufriedenes Brummen antwortete ihm, dann war die Leitung tot. Das Telefon verschwand in seiner Hosentasche.
Aus der Innentasche seiner Jacke fischte er ein weiteres, deutlich älteres Handy heraus und wählte eine Nummer, die als "Räuber" eingespeichert war. Er musste einige Augenblicke warten, ehe abgenommen wurde.
"Ist alles glatt gelaufen. Der Kleine ist bei ihm, aber ich trau dem Kerl nicht. Hab ihm gesagt, dass er den Jungen in Ruhe lassen soll. Hoffe, der hält sich dran."
"Halt ein Auge drauf, aber bleib vorerst beim Plan. Sag Bescheid, wenn du weißt, warum der Kerl den Kleinen unbedingt will."
"Logisch. Was ist mit der Cop-Nummer?"
Er hörte leises Lachen am anderen Ende. "Tauch ab und kümmer dich um die wirklich wichtigen Sachen. Ich sorg dafür, dass sie dich nicht vermissen."
"Geht klar." Er legte auf. Wurde Zeit, in die nächste Runde ihres Spiels einzusteigen. Hoffentlich funktionierte der Plan...

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