[52/52-Challenge] Leserbrief

Mittwoch, 29. April 2015 | Kommentieren
Stichwort: Endlos
Wörter: 961

Leserbrief

"Was ist mit dem Brief?"
"Welcher Brief?"
"Der von dem Mann, der seine Schwester sucht. Drucken wir ihn?"
Ratlose Blicke. Mit einem solchen Brief hatte es noch keiner in einer Redaktionssitzung zu tun. Erst gestern war er angekommen - in einem unscheinbaren weißen Umschlag mit blauem Stempel und schwarzer Tinte, der nichts von seinem emotionalen Inhalt preisgab.
"Wir drucken doch keine Briefe!", empörte sich Schulze, ein überkorrekter, geradliniger Journalist, der hauptsächlich für den Politik- und den Wirtschaftsteil schrieb. "Richtige Inhalte brauchen wir."
"Leserbriefe hatten wir schon, Herr Kollege. Außerdem würden wir dann endlich mal wieder mehr Kontakt zu den Lesern bekommen", erwiderte Hille vom Feuilleton. "Warum also nicht?"
"Das ist doch kein Leserbrief!" Wieder Schulze, noch empörter. Kopfschüttelnd und Unverständliches vor sich hin grummelnd lehnte er sich zurück.
"Ich hab ihn nicht gelesen", räumte Paulsen von den Anzeigen ein, "aber um Suchen kümmere immer noch ich mich. Warum drucken wir ihn nicht inmitten der anderen Kontaktanzeigen?"
"Der Mann sucht keinen Lebenspartner, sondern seine Schwester!" Hille. Auch er schüttelte nun den Kopf.
"Warum machen wir keine richtige Story daraus?" Frau Lindt, ebenfalls Feuilleton, lehnte sich vor und gestikulierte wild mit den Händen. "Ich sehe es schon vor mir: 'Familie vergisst nicht - Die lange Suche eines Lesers nach seiner Schwester'. Wir setzen uns mit dem Herrn Hauser zusammen und bringen eine ganze Serie dazu. Erst der Brief und dann persönliche Erinnerungen an seine Schwester, wie sie getrennt wurden, wie er nach ihr sucht. Allein dieser Brief hat so viel Potenzial!"
"Das ist doch vollkommen überzogen!", riefen Schulze und Paulsen aus einem Mund. Selbst Hille und der bisher zu diesem Thema stumme Redaktionsleiter Kunze nickten zustimmend.
Enttäuscht lehnte sich Frau Lindt zurück. "Und wenn wir nur eine ganz kleine Story daraus machen? Ein kleines bisschen mehr als nur der Brief?", fragte sie leise in den Raum hinein. Die Ignoranz der Kollegen antwortete.
"Drucken sollten wir ihn schon", erhob Kunze zum ersten Mal die Stimme. "Da stimme ich dem Kollegen Hille vollkommen zu. Aber in die Anzeigen passt er nicht recht. Da geht er auch unter, so wäre es ganz und gar unnütz. Eine komplette Serie, wie Frau Lindt vorgeschlagen hat, ist schon zu viel." Er seufzte, fuhr mit dem Stift über seine Notizen, als suche er den roten Faden, und seufzte ein zweites Mal. "Wo bringen wir ihn also unter? Wir sind uns sicher einig, dass Politik und Wirtschaft ausscheiden. Auch das Feuilleton erscheint mir etwas unpassend. Der Lokalteil vielleicht? Oder gleich die Kinder- und Leserseite? Was meinen Sie, Frau Wessner? In dem Bereich müssten Sie doch auf dem aktuellsten Stand sein. Haben wir noch Platz?"
Frau Wessner, klein und unscheinbar am anderen Ende des Tisches, rückte ihre Brille zurecht. "Stadtfest, Umbau am Gymnasium, Neustrukturierung der Stadtwerke, Vereinsjubiläum der Angler", zählte sie mit Blick auf ihre Notizen auf. "Nein, nein, der Lokalteil ist voll. Und für die Leserseite sind auch wieder viele Kommentare zum Aktuellen eingegangen. Nein, nein, da gibt es keinen Platz mehr. Es sei denn, einer der Kollegen möchte für die Ausgabe eine Seite ans Lokale abtreten?"
"Auf keinen Fall!"
"Nein!"
"Als hätten wir nicht selbst genug Inhalt!"
"Kürzen Sie doch, dann passt das!"
"Wir müssen genauso schauen, dass wir nicht zu viel schreiben, Frau Kollegin."
"So weit käme es noch, dass jetzt schon andere Rubriken beschnitten werden." Schulze schnaubte. "Auf keinen Fall."
"Bitte, werte Kollegen, kommen Sie wieder zur Ruhe. Es war bloß ein Vorschlag", versuchte Kunze zu schlichten und erntete dafür nur genervte Blicke und weiteres Schnauben.
"Wie sieht es denn eigentlich mit dem Titelbild aus? Haben wir da was?", schaltete sich Frau Lindt erneut ein.
Kunze schüttelte den Kopf.
"Das bleibt frei; zu den guten Themen gibt es dieses Mal keine Fotos", erklärte Schulze entschieden.
Langsam lehnte Frau Lindt sich vor und betrachtete einen Kollegen nach dem anderen. "Was spräche denn dagegen, den Brief als Titelfoto mit kurzem Kommentar in der Bildbeschreibung einzufügen?"
"Nichts", stellte Hille fest und Paulsen fügte hinzu: "Ein Foto ist sogar besser als abgetippter Text."
"Nichts", wiederholte Schulze in abfälligem Ton. "Für so ein großes Bild haben wir keinen Platz. Im EU-Parlament spielt gerade die Musik, die Ukraine-Krise ist noch immer aktuell und zu Snowden gibt es auch was Neues. Das muss auf der Titelseite angerissen werden!"
"Das Stadtfest braucht auch einen Textblock!"
"Wo kommen wir denn da hin?", rief Hille. "Sollen die Kollegin Lindt und ich uns jetzt auch noch um einen Block auf der ersten Seite streiten? Das führt doch zu nichts!"
"Aber-", fing Schulze an, wurde jedoch sofort von Kunze unterbrochen: "Herr Hille hat ganz Recht. Der Brief kommt auf die Titelseite und damit ist es gut mit dem Thema. Kümmern Sie sich bitte um den Kommentar dazu, Frau Lindt."
"Aber Europa!"
"Herr Schulze, sie haben vier Seiten für Wirtschaft und Politik, da werden Sie genügend Platz haben. Drei Anrisse für die Randspalte der Titelseite will ich noch von Ihnen haben. Unter den Brief kommt ein kurzer Artikel zum Stadfest, Frau Wessner. Ob Anriss oder nicht, ist mir egal. Bis siebzehn Uhr will ich alle Texte auf dem Tisch."
Damit erhob sich Redaktionsleiter Kunze und ließ seine verdatterten Kollegen allein im Besprechungsraum zurück. Irgendwann würden ihm diese endlosen Diskussionen noch den letzten Nerv rauben...

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