[52/52-Challenge] Durch die Blume

Freitag, 17. April 2015 | Kommentieren
Stichwort: Rose
Wörter: 600


Durch die Blume
"Flynn, wir haben einen Einsatz. Senator Carter wurde in seinem Appartement ermordet." 
Er schaute von seinem Rechner auf, ließ den Blick über die Uhr über der Tür huschen und seufzte. Freitag, sieben nach zwölf. Eigentlich hätte er jetzt Mittagspause und eigentlich hatte er auch geplant, an diesem Tag eher zu gehen; endlich Überstunden abbauen, von denen er mehr als genug hatte. Endlich den Kopf freibekommen und vielleicht neue Ideen finden. 
Chance vertan.
Flynn schaltete den Computer auf Standby, streckte sich ausgiebig und folgte seinem Kollegen schließlich nach draußen zum Wagen. Ein toter Senator - so viel zum Thema "ruhiges Wochenende"...

"Was haben wir?"
"Seine persönliche Assistentin hat ihn gefunden. Durchtrennte Halsschlagader. Die Tatwaffe wurde noch nicht gefunden. Keine sonstigen Verletzungen, soweit ich sehen kann. Todeszeitpunkt liegt zwischen elf und zwei Uhr gestern Nacht. Genaues kann ich euch sagen, wenn ich ihn auf dem Tisch habe." 
Flynn nickte dem Gerichtsmediziner zu. Senator Carter war in seinem Wohnzimmer gestorben, auf dem Ohrensessel. Vermutlich wurde er von hinten angegriffen. Den ersten Untersuchungsergebnissen zufolge gab es keine Einbruchspuren. Entweder hatte Carter seinen Mörder selbst eingelassen oder die entscheidende Spur war noch nicht gefunden worden. Er tendierte zu ersterem. Die letzten Male war es genau so gewesen.
Die Ahnung hatte er gehabt, seitdem ihn sein Kollege über den Mord informiert hatte, doch sicher war er erst gewesen, nachdem er die Leiche gesehen hatte. Eine Person des öffentlichen Lebens, tot, in der gleichen Position wie in den letzten Fällen, die gleiche Todesursache, die gleiche Situation. 
Zum sechsten Mal.
Sechs Morde und sie hatten noch immer kein aussagekräftiges Profil. Keine Kameraaufnahmen, keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren. Flynn war als leitender Ermittler eingesetzt worden, nachdem klar war, dass es sich um einen Serientäter handelte. Allmählich zweifelte er an sich selbst. Wie konnte sechs Mal in Folge jemand in ein gesichertes Gebäude eindringen, einen Mord begehen und anschließend wieder verschwinden, ohne auch nur den Hauch einer Spur zu hinterlassen?
"Glaubst du, das war unser Phantom?"
Flynn nickte, ohne zu seinem Kollegen zu schauen. Nur eines fehlte noch, dann konnte er sich absolut sicher sein... "Gibt es einen Hinterausgang, zu einem Balkon, einem Garten oder so?"
"Von der Küche aus geht es auf eine Terrasse, von der aus eine Treppe runter in den Garten führt. Die Terrassentür war verschlossen."
"War die Spurensicherung schon dort?"
Sein Kollege nickte. "Haben nichts gefunden, weder drinnen noch draußen."
Flynn wandte sich schweigend ab. Eine Ahnung zog ihn in die Küche, hinaus auf die Terrasse, von der man einen wunderbaren Blick auf die weiten Gartenanlagen hatte. Keine Aussicht, die ihn interessierte. Er ging die Treppe hinunter, Stufe für Stufe, den Blick schweifend, bis er entdeckte, wonach er insgeheim gesucht hatte.
Auf dem Steinsockel am Fuße der Treppe, mit direktem Blick hinauf zum Wohnzimmer, lag der letzte Hinweis, den er gebraucht hatte. Die Botschaft, die nie mehr war, als die Verbindung zu einem Phantom ohne Namen, ohne Gesicht. Ein Phantom, das ihn zu verhöhnen schien.
Er hörte Schritte hinter sich, sein Kollege, und meinte, ohne den Blick vom Sockel zu wenden: "Die Spurensicherung soll sich nochmal hier umsehen. Er hat uns beobachtet."
Eine einzelne Rose lag dort und er war sich sicher, in der Gerichsmedizin würden sie Blutspuren auf den roten Blütenblättern finden. 
Blut des nächsten Opfers.

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