[52/52-Challenge] Die gläserne Stadt

Mittwoch, 22. April 2015 | Kommentieren
Stichwort: Regenbogen
Wörter: 561

Die gläserne Stadt

Ich saß am Fenster und schaute hinaus in den Garten. Ein leichter Sommerregen hatte eingesetzt, während die Sonne weiterhin schien. Sicher würde es nicht mehr lange dauern, bis irgendwo am Himmel ein Regenbogen auftauchte.
Ich musste lächeln, als ich an die Geschichte dachte, die mir meine Mutter früher über Regenbögen erzählt hatte. Keine Geschichte von Goldtöpfen, Kobolden oder Einhörnern. Keine Geschichte von Wassertropfen, in denen sich das Licht brach wie in abertausenden Kristallen und die ein wunderschönes Farbenspiel an den Himmel malten. Sie erzählte mir die Geschichte von der gläsernen Stadt - der Stadt des Lichts, wie sie sie auch nannte.

Fern von jeder anderen menschlichen Stadt, fern von jedem Dorf und jeder Straße, die von Menschen genutzt wird, verbirgt sich inmitten eines tiefen Waldes eine Stadt ganz aus Glas, das aus Licht gefertigt scheint. Es ist eine ruhige, friedliche Stadt, in denen jene leben, deren Zeit unter den Menschen, wie wir sie kennen, vergangen ist. Ihnen wird dort ein neues Leben geschenkt, fernab von Gewalt, Feindseligkeit, Krieg und Terror. Dafür ist in der gläsernen Stadt kein Platz. Es ist ein Ort des Friedens, des Glücks und der Liebe. Vielleicht kommt daher die Geschichte vom Koboldgold. Den Finder soll es ebenso glücklich machen wie ein Leben in der lichten Stadt. Traut man der Geschichte, so kann der Goldtopf genau wie die Stadt gefunden werden - mittels des Regenbogens als stiller Wegweiser und Mahnung.
Die gläserne Stadt ist nicht nur ein Ort des Friedens, eine lichte Kapsel inmitten der lauten, grauen Welt. All die negativen Dinge, die unter den Menschen geschehen und von denen Krieg, Rassismus und Terror oft nur die Höhepunkte sind, erreichen als Berichte auch die gläserne Stadt. Das Schlechte selbst wird niemals dorthin getragen, doch ihre Bewohner erfahren von dem, was in ihrer alten Heimat vor sich geht. Wann immer das Schlechte überhandnimmt, sendet die gläserne Stadt eine Botschaft, die zu Frieden aufrufen soll. Eine Botschaft, die das Licht mit sich führt. Ein Zeichen, dass die Tränen des Himmels mit dem Licht der Sonne zu etwas Wundervollem geeint werden können, das in seiner farbigen Schönheit die Menschen bezaubert innehalten lässt.
Einen Regenbogen.
Er ist Bote und Botschaft der gläsernen Stadt, ausgesandt, wann immer es an der Zeit ist, negative Emotionen und Gedanken zu vertreiben, damit Frieden und Licht von Neuem erstarken können. Und wann sollte diese Botschaft wirkungsvoller sein als im Übergang zwischen Regen und Sonne? Der Regen, der selbst die Luft rein wäscht und schließlich die Sonne, die nicht nur Licht und Wärme spendet, sondern die Menschen hinauslockt und damit den Blick öffnet, um den Regenbogen zu entdecken.


Ich lächelte. Wie oft mir meine Mutter diese Geschichte erzählt hatte, wusste ich nicht mehr, aber sie war für mich stets präsenter als Geschichten von Einhörnern und Koboldgold, die andere in Verbindung mit dem Regenbogen kannten.
Auch an diesem Tag zeigte sich das Farbenspiel sanft am Himmel. Eine neue Botschaft der gläsernen Stadt.

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