[52/52-Challenge] Deine Schuld

Sonntag, 26. April 2015 | Kommentieren
Im Augenblick sind meine Musen mal wieder hochproduktiv (oder auf Drogen, so genau weiß ich das noch nicht) und liefern mir eine Idee nach der anderen. Ich glaube nicht, dass das von Dauer ist, aber hier ist nun Challenge-Szene Nr. 27.
Und damit: Ja, ich bin nun offiziell in der 2. Hälfte von Stichworten. 50% sind geschafft! :D

Stichwort: Eiche
Wörter: 693

Deine Schuld

Du hast es zerstört.
Warum hast du es nicht gut sein lassen können? Warum konntest du dich nicht heraushalten? Was war so schwer zu verstehen an "Lass mich in Ruhe"?
Du dachtest immer, du wärst die Beste, die Tollste, die Klügste, aber ich sage dir etwas: Du bist es nicht, warst es nie und so, wie ich das jetzt sehe, wirst du es auch nie werden. Ohne dich wäre es so viel einfacher gewesen. Ohne dich hatte ich einen Weg, wo nur noch eine Sackgasse ist. Ohne dich hatte ich ein Leben. Ohne dich hatte ich eine Chance, in dieser beschissenen Welt klarzukommen, aber du musstest alles kaputt machen.
Erinnerst du dich: Ich hab dich mal gefragt, was du mit deinem Leben anfangen willst und du hast geantwortet: "Anderen Menschen helfen." Dieses Ziel wirst du nie erreichen, glaub mir. Du bist unfähig dazu. Jeder könnte anderen helfen. Jeder außer dir. 

Du hättest mir helfen können. Du hättest mich einfach nur in Ruhe lassen müssen, dann hätte ich den ganzen Mist irgendwie wieder auf die Reihe bekommen. Ich hätte einen Weg gefunden, mit allem fertig zu werden. Ich hab immer einen gefunden.
Wenn du diesen Brief liest, hatte das Immer ein Ende. Wegen dir. Ohne dich wäre alles anders gekommen. Ohne dich wäre Johnson wahrscheinlich nicht einmal auf die Idee gekommen, nach mir zu suchen.
Was erzähle ich? Wahrscheinlich interessiert es dich nicht einmal. Es interessiert dich genau so wenig wie meine Bitten, mein Flehen, endlich aus meinem Leben zu verschwinden. Du hast es nicht kapiert. Nie.
Jetzt ist es zu spät.
Du hattest so viele Chancen, alles besser zu machen. Mich zu retten. Jede einzelne hast du mit Füßen getreten. Ich weiß, irgendwann einmal waren wir einmal das, was du, oberflächlich wie du bist, Freunde nennen würdest, aber erwarte nicht, dass ich auch nur noch ein freundliches Wort für dich hätte. Du hast mich benutzt, wie du so viele andere benutzt hast. Du hast mich in den Abgrund getrieben und mir jede Hilfe hinaus verwehrt.
Du hast mich zerstört, Madison.


Weinend kniete sie neben ihm, hielt den zerknitterten Brief in der Hand und betete, all das wäre nicht real. Warum hatte er das gedacht? Sie waren beste Freunde gewesen - seit der sechsten Klasse, seit acht Jahren. Wie konnte er ihr die Schuld geben für die Fehler, die er gemacht hatte? Sie hatte ihn immer abhalten wollen. Hatte ihm helfen wollen, damit er endlich fort von diesen zwielichtigen Gestalten kam.
"Warum, Seth?", fragte sie schluchzend und sah hinauf in die Krone der Eiche, als lägen dort die Antworten die sie niemals mehr bekommen sollte. Nicht von ihm. Der Wind rauschte leise in den Blättern, die Abendsonne funkelte durch Lücken im Geäst. Hier hatten sie sich vor etwas mehr als acht Jahren nach der Schule getroffen, gespielt und in kindlicher Manier beschlossen, Freunde zu sein. Hier endete es. "Hast du das geplant?"
In der Ferne hörte sie die Sirene des Krankenwagens, den sie wenige Minuten zuvor alarmiert hatte. Kein Arzt konnte ihm mehr helfen. Niemand. Unter seinem Kopf, dort, wo die Kugel eingedrungen war, hatte sich bereits eine Blutlache gebildet. Eine Waffe sah sie nirgends. Nur der Brief hatte zerknittert in seiner Hosentasche gesteckt, ein Brief mit ihrem Namen darauf. Sie hatte ihn an sich genommen.
Sie wischte sich mit dem Ärmel ihrer Jacke über die Augen und versuchte, wieder klarer zu sehen, so erfolglos das auch war. Tief durchatmend blickte sie hinunter auf die letzten Zeilen des Briefes, die, die sie noch nicht gelesen hatte.

Wenn du das, was du mir angetan hast, Hilfe nanntest, hilf niemals wieder jemandem. Niemals. Lass anderen ihr Leben. Lass ihnen die Chance, glücklich zu sein. Lebendig.
Mir hast du all das versaut, Madison.
Du bist schuld. An allem.

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