[52/52-Challenge] Busfahrt

Sonntag, 26. April 2015 | Kommentieren
Stichwort: Traum
Wörter: 1330


Busfahrt

Ich ließ das Büro hinter mir, die Aktentasche in der Hand. Die Bushaltestelle war keine zwanzig Meter vom Haupteingang entfernt. Einige Kollegen aus anderen Abteilungen, die ich höchstens vom Sehen, überwiegend jedoch gar nicht kannte, warteten dort bereits. Der einzige Grund, warum ich sie als Kollegen erkannte, war, dass sie an der fast schon unternehmenseigenen Haltestelle warteten. In Anzug oder Kostüm mussten sie einfach zur Firma gehören. Ansonsten gab es hier in der Nähe nur noch zwei Fabrikbauten und eine Logistikhalle. Aktentaschen, Röcke und Krawatten gehörten dort sicher nicht zur Standardausrüstung der Mitarbeiter.
Ich stellte mich zu ihnen, ohne die Blicke und gemurmelten Grüße zu erwidern. Warum musste mein Wagen überhaupt kaputt sein? Warum konnte sich die verdammte Werkstatt nicht ein einziges Mal beeilen?! Nein, stattdessen musste ich heute mit dem Bus erst von Termin zu Termin und nun nach Hause fahren. Ich war Key-Account-Manager für unseren wichtigsten Kunden. Unter anderem. Nun stand ich hier, an der Haltestelle, mit Büroangestellten, Hausmeistern und unbedeutenden Kundenbetreuern des betriebsinternen Call-Centers. Hier lief eindeutig etwas falsch.
Endlich bog der Bus um die Ecke und stoppte an der Haltestelle. Die Türen öffneten sich und ich stieg ein. Das Tagesticket hatte noch immer Gültigkeit - wie oft ich es heute schon benutzt hatte, daran wollte ich gar nicht erst denken. Das eine Ticket reichte definitiv für die nächsten paar Jahre. Allzu bald wollte ich mir das nicht wieder antun.
Ich wählte einen mittigen Sitzplatz, unweit von der hinteren Tür, sodass ich weder inmitten launischer Jugendlicher noch zwischen tratschenden Frauen und nach Schweiß stinkenden Männern sitzen musste. Ein wenig hatte ich aus den vergangenen Fahrten des Tages gelernt. Die Aktentasche stellte ich zwischen meine Füße, mein Blick wanderte hinaus. Warten. Wieder einmal. Ich hasste es.
Ruckelnd fuhr der Bus an und über das Brummen des Motors erhob sich Gemurmel in unterschiedlichsten Tonlagen. Ich versuchte, es so gut wie möglich auszublenden und fragte mich zum wiederholten Mal an diesem Tag, ob das laute Brummen normal war oder einen Getriebeschaden anzeigte. Wenn mein Wagen so laut brummte - wenn er überhaupt hörbar brummte - stimmte etwas nicht und es wurde Zeit für die Werkstatt. Hoffentlich ging es dem Bus nicht ebenso. Ich wollte endlich heim.
Nach und nach füllte sich der Bus. Mit jeder Haltestelle stiegen mehr Menschen ein. Mit jedem zusätzlichen Menschen wurde die Luft dicker. Bald war ich froh über meinen Platz am Ausgang, an dem ich wenigstens ab und an einmal etwas frische Luft bekam. Ein junger Mann ließ sich neben mir in den Sitz sinken, die Arme verschränkt, den Blick - nachdem er mich kurz gemustert hatte - stur geradeaus.
Ich widmete mich wieder dem tristen Ausblick, der sich mir von meinem Fensterplatz aus bot, zunehmend genervt von den lauter werdenden Unterhaltungen und den Bassklängen, die aus den Kopfhörern der Jugendlichen hinter mir wummerten. Allmählich kamen mir die Straßenzüge wieder bekannter vor, das Leben hinter der Scheibe wirkte geordneter, sauberer als noch vor fünf Minuten.
Ich griff nach meiner Aktentasche, als meine Haltestelle angesagt wurde. "Lassen Sie mich bitte durch", forderte ich den jungen Mann neben mir auf und erhob mich.
Er bewegte sich keinen Zentimeter. "Setzen Sie sich. Wir fahren noch ein paar Stationen."
Empört blickte ich auf ihn hinunter - und sah das metallische Aufblitzen von etwas, das sich nun deutlich spürbar gegen meinen Oberschenkel drückte. Er hob kurz den Arm, damit ich die Pistole, die er damit verdeckte, besser sehen konnte. Ich schluckte und ließ mich zurück in meinen Sitz sinken.
"Was wollen Sie?" Ich hatte es gewusst: In meiner Position mit dem Bus zu fahren, war keine gute Idee gewesen. Überhaupt nicht. Männer wie ich fuhren nicht Bus; das hatte seine Gründe. Verdammte Werkstatt! Wenn mir etwas zustieß, sollte ich sie verklagen!
Doch was wollte der junge Kerl neben mir? Geld? Meine Tasche? Warum überfiel er mich mitten im Bus, wo es so viele Zeugen gab? 
"Nichts", erwiderte er ruhig, den Blick weiterhin nach vorn gerichtet. Verstohlen beobachtete ich ihn aus dem Augenwinkel. "Mein Boss will sich mit Ihnen unterhalten."
Boss? "Wer?" War ich jemandem mit mächtigen Verbündeten auf den Schlips getreten? Nein, das war immer noch Sache der Juristen und Banker. Ich war Key-Account-Manager. So etwas passierte mir nicht. Oder hatte mein Hauptkunde Kontakte, die sich nun, warum auch immer, an mich wandten? Hatte er mit den falschen Leuten Geschäfte gemacht, die auf die Firma zurückfielen? Zuzutrauen wäre es ihm... Gott, das musste alles ein Traum sein! Ein Albtraum. Und alles nur, weil die verdammte Werkstatt nicht ihr Serviceversprechen von der Sofortreperatur hielt. Ich würde sie verklagen. Ob mir nun etwas geschah oder nicht. Allein die Umstände zwangen mich regelrecht dazu.
"Wo bliebe die Überraschung, wenn ich es Ihnen jetzt schon sage? Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Fahrt."
Ich konnte ein Schnauben nicht verhindern. Meinte er ernst, was er sagte? Er, der mich mit einer Waffe bedrohte und mir gleichzeitig sagte, ich sollte mich entspannen?! "Was wollen Sie? Oder Ihr Boss", versuchte ich es erneut.
Eine Antwort erhielt ich nicht, spürte allerdings allzu deutlich, wie sich der Lauf der Pistole fester gegen mich drückte - im Sitzen traf es nicht länger meinen Oberschenkel, sondern ungefähr die Höhe meiner Niere.
"Schon verstanden", murmelte ich. Möglicherweise verringerte sich der Druck der Waffe gegen mich ein bisschen, vielleicht bildete ich es mir auch nur ein. Wunschdenken.
Schweigend starrte ich nun nicht mehr aus dem Fenster, sondern auf den fast kahlen Hinterkopf meines Vordermannes. Das Smartphone lag in meiner linken Hosentasche. Wenn ich es unbemerkt in die Hand bekäme, könnte ich die Polizei... Nein, um auch nur die Nummer einzugeben, musste ich es aus der Tasche ziehen und das würde er sicher bemerken. Und wenn ich davonlief, sobald wir ausstiegen? Würde er auf mich schießen, wenn ich mich zwischen Passanten bewegte? Wenn es dort, wo er aussteigen wollte, überhaupt Passanten gab... Bis wohin fuhr dieser Bus eigentlich?
"An der nächsten steigen wir aus", teilte er mir nach einiger Zeit mit. Ich nahm es stumm zur Kenntnis. Ein kurzer Blick aus dem Fenster bestätigte meine Befürchtungen. Die Gegend war nicht sonderlich belebt. Ich kannte sie nicht. So viel zur Flucht... Wieder kehrte der Gedanke an seinen Boss, wie er ihn genannt hatte, zurück. Wer war er? Warum hatte er nicht einfach anrufen und um ein Gespräch bitten können? Warum wurde ich stattdessen im Bus überfallen?
"Endhaltestelle!"
Ich schreckte aus meinen Gedanken und sah mich hastig um. Wo...?
"Mister, Sie müssen jetzt aussteigen. Weiter fährt der Bus nicht", teilte mir der Fahrer mit. Verschwunden war der Mann mit Halbglatze vor mir. Verschwunden war der junge Kerl mit der Pistole neben mir.
Ich nickte dem Fahrer zu, griff mir meine Aktentasche und verließ auf unsicheren Beinen den Bus. Ich war am Hauptbahnhof. Meine Haltestelle hatte ich verpasst. Ich musste... eingeschlafen sein. Anders konnte ich es mir nicht erkläre . Der Kerl mit der Waffe... ein Traum?
Diese verdammte Werkstatt!
Genervt sah ich mich nach dem nächsten Bus um, der zu meiner Haltestelle fuhr. Und glaubte, für einen Augenblick den jungen Mann aus meinem angeblichen Traum verschwinden zu sehen.

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