[52/52-Challenge] Vom Schreiben

Samstag, 21. März 2015 | Kommentieren
Heute gibt es mal einen Text, der wirklich aus meiner Perspektive kommt. Wünsche euch viel Spaß mit meinen beiden Musen!

Wörter: 1152
Stichwort: Vernunft


Vom Schreiben

Das weiße Blatt starrt mich an. Ich starre zurück. Kurz die Frage, wie ich beginnen soll, dann greife ich zum Stift und schreibe die ersten Worte. Sie fließen auf das Papier, ohne großes Zutun, ohne weiteres Grübeln. Aus den ersten Worten werden zehn, zwanzig, hundert. Eine erste Seite. Wie viele es noch werden, weiß ich nicht. Fragt später wieder.
Heute scheint das Plotbunny besonders lebhaft zu sein. Es ist nicht schwer, den Gedanken zu folgen und sie niederzuschreiben, Welten zu schaffen, Charaktere zum Leben zu erwecken.
Schließlich einige letzte Worte, der letzte Punkt. Die Seite ist fast komplett beschrieben, die Szene ist vollständig. Für einen Augenblick schweigt die Muse. Ich lehne mich zurück, atme durch und beginne zu lächeln.
Plotbunnies, Musen, KreaTIEFs... In meinem Freundeskreis brauche ich nur selten damit anzufangen. Zu häufig sind die befremdeten Blicke, das Stirnrunzeln und dieses unausgesprochene "Geht es dir auch wirklich gut?", wenn die Bunnies mal wieder hüpfen, das Tief nervt oder die Musen (schon wieder) Mist gebaut haben.
Ja, mir geht es gut. Wirklich. Ich hab kein Fieber und bin auch nicht auf Drogen.
Ja, ich meine vollkommen ernst, was ich von mir gebe, auch wenn ich weiß, wie komisch das für manche klingt.
Und ja, ich weiß, dass ihr das wahrscheinlich nicht versteht, sofern ihr nicht selbst schreibt. Es gab eine Zeit, als ich anfing mit Schreiben, da ging es mir wie euch. Da klang all das reichlich seltsam und mein Kopf sagte mir mit dieser nervig trockenen Ich-weiß-es-besser-Stimme: "Lass den Schwachsinn." Heute ist es normal. Zugegeben, was das Schreiben angeht, habe ich noch nie gern auf meinen Kopf gehört. Wer braucht schon spröde Vernunft, wenn er Fantasie hat?
Ach ja, bevor ich es doch vergesse - und ich vergesse gerne mal was, wenn die Ideen durcheinander flattern: Nein, ich glaube nicht, dass dieser Zustand krankhafte Züge hat. Ansteckend könnte er trotzdem sein, aber nur, wenn ihr euch darauf einlasst.
Das Schreiben ist schon manchmal komisch. Welchem Hobby-Autoren erzähle ich etwas Neues, wenn ich von der Euphorie erzähle, mit der neue Ideen begrüßt werden? Oder von ellenlangen Diskussionen mit der lieben Muse, weil sie nicht mitspielen möchte.
Musen sind ja generell so ein Mysterium: Sie tauchen auf, liefern Ideen, nehmen die Ideen manchmal aber auch gleich wieder mit, ohne vorher eine Kopie für den Schreiberling zu machen, und verschwinden auf unbestimmte Zeit. Versuche, sie anzulocken, scheitern, zumindest bei mir, regelmäßig. Dafür tauchen sie genau dann auf, wenn man sie eigentlich überhaupt nicht gebrauchen kann: in der Vorlesung, beim Arzt, während der Arbeit und mit besonders großer Freude mitten in der Klausur.
"Ignorier' sie", mag jetzt der eine oder andere Unwissende sagen. Ja, die Idee ist nicht schlecht. Theoretisch ist sie sogar verdammt gut, denn die liebe Muse wuselt ja nur in meinem Kopf und eigene Gedanken kann man bekanntlich beeinflussen, richtig? Wozu hat man denn sonst den Verstand?
Doch wie so viele Theorien, die eigentlich perfekt scheinen, scheitert auch diese an der Praxis. Eine Muse kann man nicht einfach ignorieren. Wenn sie auftaucht, will sie, dass das Plotbunny - also die Idee, für alle, die nicht ganz so tief in der Materie stecken - entsprechend gewürdigt wird. Und das geht nur mit Aufmerksamkeit. Hartnäckige Plotbunnies von noch hartnäckigeren Musen wird man nicht einfach so los. Die kleben fest. Und wenn man sie mal (scheinbar) los bist, kommen sie mit einer Tube extrastarkem Sekundenkleber wieder. Garantiert.
Wenn ich ehrlich bin, möchte ich auch gar nicht, dass die Musen wieder verschwinden, denn ich will schreiben und zum Schreiben brauche ich Ideen und Ideen bekomme ich nur, wenn meine Musen gute Laune haben. Ein Teufelskreis - die Warnung nur mal kurz am Rande, überlegt euch also vorher, auf was ihr euch einlasst.
"Warum redet die eigentlich immer von Musen in der Mehrzahl?", könnte jetzt die Frage auftauchen.
Vorab sei gesagt: Die gewöhnliche Muse ist nicht unbedingt ein Rudeltier. Sie gehört eher zu den Einzelgängern, aber es gibt eben auch solche, die keine Lust auf "gewöhnlich" haben.
Meine zum Beispiel. Wenn ich ganz genau hinschaue, sind es bei mir nämlich zwei. Die eine ist die, die ich einfach Muse nenne. Ein lieber Ideenbringer, der manchmal bockig ist, aber eigentlich wirklich liebenswürdig und mir den Großteil meiner Plotbunnies spendiert.
Und dann gibt es noch die Nummer Zwei, die inzwischen Luzifer-Muse getauft wurde. Warum Luzifer? Nun ja, ganz einfach: Luzifer geht mit dem Teufel einher und wer diese Muse kennt, der weiß, dass sie absolut teuflich ist. Wirklich. All die Szenen, die in Gewalt ausarten, sich um irgendwelche persönlichen Abgründe kümmern oder einfach nur von Grund auf böse sind... Ratet mal, woher die kommen? Von meiner lieben Muse ganz bestimmt nicht.
Ich hab also zwei Musen, gut und schön. Um zu verstehen, dass ich deswegen nicht mit einer Doppelportion Ideen gesegnet bin, sondern trotzdem gern mal Schreibblockaden - die bekannten KreaTIEFs - habe, muss man meine Musen nur mal erleben. Es könnte perfekt sein, wenn die beiden sich verstünden.
(Konjunktiv ist schon etwas Böses oder?)
Jedenfalls sind meine Musen nur selten wie Zwillinge und viel häufiger wie Katz und Maus. Gestern zum Beispiel, da ist die Luzifer-Muse mit einer Idee meiner Muse geflüchtet, damit ich die ja nicht aufschreiben kann, und doof, wie meine Muse ist, ist sie heulend hinterher gerannt. Als die Ideen dann irgendwann wiederkamen, mutierte die Luzifer-Muse doch tatsächlich zu einem wütenden Rumpelstilzchen-Verschnitt, worüber sich meine Muse köstlich amüsiert hat.
Ihr seht schon, mit den beiden ist so einiges los und wenn sie sich mal grün sind, kommen die tollsten Plotbunnies heraus. Aber wie gesagt: Wenn. Bis dahin begnüge ich mich mit dem, was ich von den beiden bekomme.
Schmunzelnd schüttle ich den Kopf und widme mich der nächsten Szene, während Muse und Luzifer-Muse wie Engelchen und Teufelchen neben mir hocken. Ausnahmsweise mal ohne Streit.
Eigentlich will ich gar nicht darüber nachdenken, was Nichtschreiber von solchen Gedanken halten. Wahrscheinlich sind sie in den Augen mancher ein Grund für die Geschlossene, aber was wäre das Schreiben ohne eine Portion täglichen Wahnsinn? Wenn man sich immer nur nach Vernunft und Verstand richten würde?
Richtig: Verdammt langweilig.

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