[52/52-Challenge] Untitled

Mittwoch, 4. März 2015 | Kommentieren
Der Text dieses Mal ist etwas anders als die letzten. Sonst waren es zwar auch Szenen, aber letztendlich waren sie relativ abgeschlossen. Nicht so die Szene, die ich heute hab. Es ist mehr ein Ausschnitt, vielleicht von einem größeren Projekt, das ich noch nicht weiter kennen. Mal sehen :)

Wörter: 965
Stichwort: Feuer

Untitled

Ein Fuß vor den nächsten. Rechts. Links. Rechts. Links. Immer weiter. Nur nicht anhalten. Rechts. Links. Rechts. Links.
Ein plötzlicher Ruck am Seil lässt ihn vorwärts stolpern. Der Strick ist straff um seine Handgelenke geknotet. Zu straff. Anfangs haben seine Finger noch gekribbelt, doch mittlerweile wurde jedes andere Gefühl von Schmerz verdrängt. Jeder neue Ruck treibt das Seil tiefer in seine ohnehin schon wunde Haut. Und es werden mehr. Seine Kräfte neigen sich dem Ende zu. Er kann nicht mehr laufen. Will nicht mehr. Seine Füße tragen ihn kaum noch. Der sandige Boden bietet ihnen kaum Halt. Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel. Seine Kehle ist ausgetrocknet, Wasser gibt es nur dreimal am Tag und nie genug, um seinen Durst wirklich stillen zu können.
Kurz fallen seine Augen zu. Er stolpert, seine Knie geben nach und er landet im Sand. Gnade erwartet er nicht. Ein weiterer Ruck am Seil zieht ihn vorwärts und schleift ihn ein Stück über den Boden, ehe er taumelnd wieder auf die Beine kommt. Er hört das Lachen einiger Männer, die von ihren Pferden auf ihn hinabblicken. Mittlerweile hat er gelernt, sie zu ignorieren. Es ist besser so. Seine Beine schmerzen genügend, Schläge braucht er nicht auch noch.
Der Sand brennt unter seinen Füßen. Die glühenden Kohlen haben Löcher in die Sohlen seiner Schuhe gebrannt, durch die immer wieder heißer Sand eindringt. Längst hat er ihm die Fußsohlen wund gerieben. Wen interessieren noch Blasen, wenn die Haut längst blutig gescheuert ist? Wahrscheinlich ist er selbst der einzige, dem es etwas bedeutet. Seinen Peinigern ist er egal. Jemand anderen gibt es nicht mehr.
Das Feuer hat alles vernichtet. Alles, was ihm jemals etwas bedeutet hat. Alles, was von Bedeutung hätte sein können. Alles, was sein Leben ausgemacht hat.
Nicht mehr als Asche ist geblieben. Asche, die nun weit hinter ihm liegt. Wie viele Dünen trennen ihn mittlerweile von seiner Heimat? Wie viele von der Heimat seiner Peiniger? Vom Ort seiner Hinrichtung? Sofern sie ihn tatsächlich hinrichten und nicht doch irgendein perfides Spiel mit ihm treiben...
Sein Feuer ist erloschen. Obgleich die Hitze schier unerträglich ist, friert er tief in seinem Inneren. Wozu eigentlich noch weiterlaufen? Wozu sich quälen, wenn am Ende dieses Marsches nur der Galgen wartet? Warum nicht einfach liegen bleiben, wenn er das nächste Mal stürzt? Vielleicht schlagen sie ihn tot, wenn er sich weigert aufzustehen. Vielleicht lassen sie ihn einfach liegen. Die Sonne wird den Rest erledigen.
Er hebt den Kopf, als der ständige Zug am Seil ein wenig nachlässt. Sie sind mitten in der Wüste. Kein Baum weit und breit, nur ewige, stetig wandernde Dünen. Die Sonne hat sich bereits dem Horizont zugeneigt. Nicht mehr lange, dann wird sie verschwunden sein und die Kälte in seinem Inneren wird sich nach außen kehren. Er wünschte, für diese Zeit die Hitze des Tages in sich halten können, doch ohne Feuer keine Wärme. Der Wunsch ist dumm. Tief in sich weiß er das selbst.
Seine Peiniger errichten ihr Lager. Während sie ihren Hunger und Durst stillen können, erhält er eine Hand voll fremdartige trockene Körner zu essen, die nach nichts schmecken, und einige kleine Schlucke Wasser. Satt ist er lange nicht. Wenigstens ist das bohrende Loch in seinem Bauch für einige Zeit geschlossen. Das Wasser muss bis zum Morgen genügen, dann erst wird er ein paar weitere Schlucke bekommen, um den Tag zu überleben. Mittlerweile hat er gelernt, damit zurecht zu kommen.
Als die Nacht hereinbricht, strecken sich seine Peiniger auf dünnen Decken aus. Er selbst legt sich in den noch heißen Sand. Mehr hat er nicht. Einer der Peiniger hält das Seil, mit dem seine Hände gefesselt sind, fest im Griff, während er sich schlafen legt. Als würde er fortlaufen... Wo er nur hinsieht, ist Sand. Selbst wenn es ihm gelingen würde zu fliehen, würde er im Laufe der nächsten Tage in der Wüste sterben. Aussichtslos.
Er bemerkt einen leisen Blick, der auf ihm haftet. Keiner von der boshaften Sorte. Das glaubt er mittlerweile erkennen zu können. Er hebt den Kopf und schaut sich um. Im Licht der Sterne kann er kaum etwas sehen, doch der Beobachter ist nicht weit entfernt. Er erkennt ihn. Allmählich scheint es zum Ritual zu werden. Jeden Abend der gleiche sanfte Blick. Nie ein Wort. Fast könnte er meinen, der Mann wäre an ihm interessiert. Warum auch immer. Er weiß es besser. Hat die eisigen Blicke gesehen, als sein Dorf niederbrannte. Hat die boshaften Ausrufe gehört, als sie einige seiner Bekannten in die Flammen stießen. Dem Tode geweiht. Erinnert sich an den Hohn, mit dem sie ihn bedachten, während sie ihn zwangen zuzusehen, wie sein Dorf und mit ihm die Bewohner verbrannten.
Nein, der Blick dieses Mannes ist nur weiterer Spott. Er dreht sich weg, wie jeden Abend. Noch eine Zeit lang spürt er den Blick in seinem Rücken. Fast könnte er etwas Tröstendes haben. Doch nur fast.
Die Erschöpfung holt ihn ein und er fällt in einen unruhigen Schlaf.

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