[52/52-Challenge] (Un)perfekt

Donnerstag, 12. März 2015 | Kommentieren
Stichwort: Luxus
Wörter: 866

(Un)perfekt

"Sasha, wo bleibst du schon wieder?"
"Verzeihung, Sir", murmelte er und stellte den Tee vor seinem Herrn ab, ehe er sich auf leisen Sohlen in die Ecke neben der Tür zurückzog. Wahrscheinlich würde er sich niemals an all das gewöhnen.
Mittlerweile waren es schon sieben Monate. Vor sieben Monaten war er noch bei seinen Eltern, in dem kleinen Dorf außerhalb der Mauern der Kronstadt. Vor sieben Monaten tauchten die Männer in weißen Anzügen auf und nahmen ihn mit. Ohne seine Einwilligung. Nur wegen seines Aussehens. Nur, weil jemand aus der Kronstadt einen Diener mit genau seinen äußerlichen Merkmalen gefordert hatte. Der Vater seines Herrn.
Seit sieben Monaten.
An sein neues Leben gewöhnt hatte er sich noch lange nicht. Zu viel war in der Kronstadt anders. Er seufzte beinahe lautlos. Was hieß eigentlich "zu viel"? Wollte er sich selbst belügen? Nichts war in der Kronstadt wie daheim bei seinen Eltern, abgesehen von so banalen Dingen wie dem Himmel über seinem Kopf, dem Boden unter seinen Füßen und dem Grundsatz, dass es um ihn herum lebende Menschen gab.Alles andere war so vollkommen anders. Er erinnerte sich noch genau an die ersten Augenblicke, nachdem er das Stadttor passiert hatte. Daran, wie ihn das Weiß der hohen, prächtig verzierten Fassaden blendete. An seine Verwirrung über die Perfektion und den schieren Reichtum, die sich in jedem Teil Detail der Kronstadt widerspiegelten. An die Blicke der anderen Menschen.
Mittlerweile war er sich sicher, dass sie ihn nicht nur wegen seiner etwas schmuddeligen Kleidung mit diesen herablassenden Blicken gestraft hatten. Er hätte ebenso gut die perfekte beige Dieneruniform tragen können, die er jetzt immer trug. Es hätte kaum etwas geändert. Es ging nicht um die Kleidung. Ging es nie. Zumindest nicht in erster Linie. Er hatte es in jenem Moment begriffen, als er zum ersten Mal seinem Herrn gegenüber gestanden hatte.
Er war ein junger Mann. Groß, schlank, sportlich. Der kronstädtische Standard. Seine dunklen Haare weckten im ersten Moment den Eindruck, wirr und ungekämmt zu sein, ehe man erkannte, dass das ebenso geplant war wie der Rest seines Aussehens. Seine unnatürlich perfekte helle Haut beispielsweise, die keine einzige Unebenheit, keinen Pickel, nicht einmal ein kleines Fältchen besaß. Oder seine Augen von einem derart leuchtenden Blau, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Sein gesamter Körper schien wie nach einem perfekten Plan geschaffen. Jeder einzelne Muskelstrang war klar definiert, aber nicht übermäßig auffällig. Er wirkte einfach nur fit. Gesund.
Perfekt.
Genau wie all die anderen Bewohner der Kronstadt, die nicht als Diener aus den umliegenden Dörfern geholt worden waren. Es brauchte wahrlich keine Kleidung, um in dieser Welt herauszufinden, wer zu welcher Klasse gehörte. Das Gesicht, der gesamte Körper verriet genug. Entweder, er war perfekt oder nicht. Wer es nicht war, bekam das ziemlich schnell zu spüren.
Sein Blick glitt zu seinem Herrn, der, ganz in sein Buch vertieft, seinen Tee vergessen zu haben schien. Er musste zugeben - so fehl er sich in dieser Welt fühlte, er hatte Glück gehabt. Das merkte er immer wieder, wenn die Eltern seines Herrn zugegen waren. Sie straften ihn mit jedem Blick. Machten ihm stets, mit Worten oder Gesten, klar, dass er nur an diesem Ort geduldet wurde, weil es seine Bestimmung war, einem der höheren Herren zu dienen. Aus keinem anderen Grund.
Sein Herr dagegen war anders, auf eine merkwürdig verdrehte Weise. Er teilte die Ansichten seiner Eltern und manchmal hatte er diese arrogante Haltung, die ihn innerlich zur Weißglut trieb. Eine Emotion, die er sich eigentlich gar nicht erlauben durfte. Offen Emotionen zu zeigen, war gefährlich. Besonders als Diener. Doch zeitgleich war er freundlich und sanft. Er schlug ihn nicht, schrie ihn nicht an und sorgte dafür, dass es ihm an nichts fehlte.
Und manchmal, in winzig kleinen Augenblicken, die nur allzu leicht zu übersehen waren, bekamen seine leuchtenden Augen etwas Mattes, Nachdenkliches, das überhaupt nicht in diese Welt der Perfektion passen wollte. Es waren jene Momente, in denen er den normalen Menschen hinter der perfekten Fassade erkannte. Jene Momente, die viel zu schnell wieder vergangen waren.
Sein Herr schlug das Buch zu und er schaute wieder zu ihm. Matt-leuchtend blaue Augen betrachteten ihn. Wie lange schon? Warum hatte er es nicht gemerkt?
"Erzähl mir von jenseits der Mauern, Sasha." Seine Stimme war sanft. Gleichzeitig fordernd und gütig. Freundlich.
Es waren jene Momente, die sein Leben in der Kronstadt leichter machten. Momente, in denen er wenigstens kurz vergessen konnte, wie falsch er sich inmitten der Perfektion und des Luxus fühlen sollte. Momente, in denen er glauben könnte, dass sein Herr gar nicht so anders war als er selbst, egal, wie sehr sie sich äußerlich doch unterschieden.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Vielen Dank für eure Kommentare!