[52/52-Challenge] Ungleiche Freunde

Dienstag, 31. März 2015 | Kommentieren
Stichwort: Freundschaft
Wörter: 1178

Ungleiche Freunde

Die Straßen sind ungewöhnlich leer, obwohl es erst kurz nach Mitternacht ist. Beruhigend. Besonders nach dem Gespräch, das hinter mir liegt. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn mich jetzt jemand anpöbelt. Das könnte wirklich unschön enden...
Seufzend streiche ich eine Haarsträhne weg, die der Wind mir ins Gesicht geweht hat. 
Ich hasse Politik und ich hasse die Schwarz-Weiß-Sicht auf die Welt, die Raoul an den Tag legt. "Vater" nenne ich ihn schon lange nicht mehr. Vor vielen Jahren, als ich neu in dieser Welt war, habe ich es getan. Er hat mich aufgenommen, hat mir beigebracht, was ich weiß, und mir geholfen, ein neues Leben aufzubauen, nachdem ich in mein Altes nicht zurückgehen konnte. Ein Leben als Vampir. Aber er ist nicht mein Vater. Nur mein Schöpfer, nicht mehr, obwohl er allzu gern die Vaterrolle spielt. Wäre ich ihm wirklich ein Sohn, wäre das heutige Gespräch anders verlaufen. Dann würde er mich verstehen.
Ich erreiche meine Wohnung in der dritten Etage eines großen Blocks und ramme den Schlüssel heftiger ins Schloss, als notwendig gewesen wäre. Warum bildet sich Raoul eigentlich ein, über mein Leben bestimmen zu dürfen? Weil er mich geschaffen hat? Weil er auf mich aufgepasst hat, als ich zu jung war, um allein in dieser Welt klarzukommen? Ich bin verdammt nochmal kein Frischling mehr! Ich kann meine eigenemn Entscheidungen treffen.
Die Wohnungstür fällt hinter mir ins Schloss und Dunkelheit hüllt mich ein. Ohne das Licht anzuschalten, hänge ich meine Jacke an die Garderobe. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Stimmen einer Dauerwerbesendung; das Licht des Fernsehers flackert unter der Tür hindurch. Vermutlich ist mein Mitbewohner mal wieder vor dem Fernseher eingeschlafen. Der Gedanke zeichnet ein kurzes Lächeln in mein Gesicht und lässt mich für einige Momente zur Ruhe kommen.
Nick und ich wohnen mittlerweile seit knapp zwei Jahren zusammen. Der Jäger und der Vampir. Wer mich nicht kennt und davon erfährt, glaubt regelmäßig, verarscht zu werden. Zugegeben, wir sind nicht die normale WG, wie es sie zu Hunderten in der Stadt gibt, aber wir verstehen uns, sind gute Freunde, so merkwürdig es auch klingt. Seine Familie verstieß ihn, bevor wir uns kennenlernten, weil er keinen generellen Hass gegen Vampire hegt und nur diejenigen jagt, die sich nicht an die Regeln halten. Vampire, die trinken, ohne zu töten, so wie ich, lässt er in Ruhe. Auf Gegenseitigkeit beruht das meistens nicht, aber er kommt zurecht. Seit wir zusammenleben, steht er zusätzlich unter meinem Schutz - vermutlich auch ein Grund dafür, dass noch keiner der friedlicheren Vampire ernsthaft versucht hat, ihn umzubringen.
Raoul treibt das regelmäßig zur Weißglut. Mit dem heutigen Gespräch habe ich dennoch nicht gerechnet...
Ich gehe ins Wohnzimmer und höre Nicks tiefen ruhigen Atem, noch bevor ich ihn auf der Couch entdecke. Er schläft friedlich. Genießt die freie Nacht, die er sich genommen hat, nachdem er heute Morgen kurz vor Sonnenaufgang fast vor der Wohnungstür zusammengebrochen ist. Ich begreife noch immer nicht, warum er den Vampir allein zur Strecke bringen wollte, der seit einer Woche Teenager verführt und getötet hat. Wie kann ein einzelner Mensch nur so stur sein?
Ich lasse mich in den Sessel sinken und vergrabe kopfschüttelnd das Gesicht in den Händen. Drei Stunden... Drei verdammte Stunden hat er mir gegeben. Wie soll ich... Nein! Ich werde Raoul nicht gehorchen. Nicht dieses Mal. Ich kann es nicht. Nick und ich haben nicht nur eine WG zusammen, wir sind Freunde, obwohl oder vielleicht auch weil wir beide das Leben des anderen kennen. Nick weiß über mich Bescheid und ich weiß, was er treibt. Wir vertrauen uns. Verdammt, Nick sagt mir sogar meistens, wo er hingeht, falls irgendetwas passieren sollte.
"Riley?" Ich schaue auf, direkt in Nicks müde Augen. "Alles in Ordnung?" Er streckt sich und setzt sich hin. Es ist kühl in der Wohnung; ich sehe, dass er fröstelt und reiche ihm die dünne Decke, die über der Seitenlehne des Sessels hängt. Er wickelt sich darin ein und zieht die Füße auf die Sitzfläche. "Wie lief dein Gespräch mit Raoul?"
Ich schüttle nur den Kopf, stehe auf und trete ans Fenster, ohne die nächtliche Stadt davor wirklich wahrzunehmen. Wie soll ich es ihm erklären? Ich weiß doch selbst nicht, was wir tun sollen. Ich werde Raoul nicht gehorchen, aber das bedeutet gleichzeitig, dass wir unser normales Leben nicht einfach so weiterführen können. Raoul duldet keinen Ungehorsam. Wenn ich es nicht tue, wird er alles daran setzen, dass sein Befehl von jemand anderem ausgeführt wird. Glaubt er ernsthaft, ich würde dann wieder so treu an seiner Seite stehen wie früher? Ich werde nie der perfekte Stellvertreter sein, den er sich wünscht. Dazu sind wir viel zu verschieden.
"Riley?"
Ich sehe über die Schulter zu ihm, erkenne die Sorge in seinem Blick. Der Clan wird auf Raouls Seite stehen, nicht auf meiner, und ohne den Clan hinter mir werde ich kaum mehr als ein Einzelgänger sein. Was ist mein Schutzversprechen Nick gegenüber dann noch wert? Ohne Clan habe ich kein Revier. Keine Sicherheit, an einem Ort bleiben zu dürfen, wenn ein anderer Vampir Ansprüche auf das Gebiet erhebt.
Solange wir hier bleiben, im Revier meines Clans, wird Raoul Nick jagen.
Die Erkenntnis ist mit einem Mal so klar, dass ich mir dumm vorkomme, es nicht eher begriffen zu haben. Solange wir hier bleiben... "Wir müssen aus der Stadt raus."
"Was?"
Ich drehe mich zu ihm um. "Pack deine Sachen. Jetzt. Wir müssen weg von hier." Ich sehe ihm an, dass er nicht begreift. Wie kann er auch? Doch es ist die einzige Chance, die wir haben. Die er hat.
"Warum? Riley, was ist passiert?" Seine Müdigkeit ist vergessen, die Jägerinstinkte haben übernommen. Wie lange er nach letzter Nacht durchhält, weiß ich nicht, aber wir müssen uns beeilen.
Ich seufze. Kurz schweift mein Blick durch den Raum, der zwei Jahre unser Wohnzimmer war. Wenn die Sonne aufgeht, werden wir längst nicht mehr hier sein. "Du weißt, dass du mir vertrauen kannst, oder? Dass ich dich beschützen werde."
"Ja... ja, natürlich", erwidert er verwirrt.
Ich nickte. Gut. "Raoul hat mir befohlen, dich umzubringen."

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