[52/52-Challenge] Lebensgeschichten

Donnerstag, 19. März 2015 | Kommentieren
Stichwort: Buch
Wörter: 978


Lebensgeschichten

Ich war schon in vielen Bibliotheken.
Ganz kleine verwinkelte in ebenso kleinen Städten. Große mit vielen Etagen und noch mehr meterhohen Regalen. Neue, gerade erst Eingerichtete und Alte mit antikem Flair. 
Ich war in allgemeinen Bibliotheken in Städten und Dörfern. War in Schul- und Universitätsbibliotheken. 
Ich war in solchen mit wenigen Büchern zu besonderen Schwerpunkten oder mit einer besonderen Geschichte. Und in solchen mit riesiger Auswahl, mit allem, was man sich von A bis Z, von Sachbuch bis Lyrik wünschen kann.
Ich kenne so viele Bibliotheken. Auf den Anblick, der sich mir bietet, konnte mich dennoch keine einzige vorbereiten.
Ich stehe in einer riesigen Halle in den verschiedensten Brauntönen, von der unzählige Gänge abzweigen. Kunstvoll gearbeitete Statuen in Gold und Weiß säumen sie ebenso wie hohe dunkle Regale voller Bücher. Purpurne Stoffe schmücken die Wände. Meine Schritte sind leise auf den dunklen Dielen. Ab und an klingt ein feines Knarzen durch die Gänge. Ob von meinen Schritten oder denen eines anderen vermag ich allerdings nicht zu sagen.
Ich wähle einen der Gänge, ohne zu wissen, wo er mich hinführen mag. Es gibt keine Schilder, keine Inschriften, nicht einen Hinweis, wohin die Wege führen. Ich weiß nicht einmal, wie ich überhaupt an diesen Ort kam. Meine letzten Erinnerungen sind unklar und verwaschen. Ein Aquarell der Realität, das mit zu viel Wasser und zu wenig Farbe gezeichnet wurde. Eine Geschichte, deren Schrift viel zu blass ist, um gelesen werden zu können.
Als ich aus dem Gang in eine weitere Halle trete, raubt es mir für einige Augenblicke den Atem. Ich kann nicht mal sagen, ob es wirklich eine Halle ist, denn um ehrlich zu sein, kann ich gar nicht weit sehen. Vor mir und zu meinen Seiten erheben sich riesige Regale, so hoch, dass sich ihre Enden weit über meinem Kopf verlieren. Sie stehen voll mit Büchern, alle in Leder verschiedenster Farbnuancen gebunden. Manche sind nur dünne Bände, andere mächtige Folianten.
Ich trete näher an eines der Regale und fahre ehrfürchtig mit den Fingern über die Einbände. In goldenen Lettern ist auf jeden Buchrücken ein Name geprägt, vielleicht der des Autors, doch weder sind die Bücher nach dem Vor- noch nach dem Nachnamen sortiert.
Langsam gehe ich weiter, betrachte Regal für Regal, ohne mir zu wagen, eines der Bücher hinauszuziehen und es zu lesen. Eine merkwürdige Stimmung liegt über diesem Ort. Die Ruhe strahlt einen unbändigen Frieden aus. Eine Reinheit, die nicht gebrochen werden darf. 
"Wahrheit", kommt es mir in den Sinn. Ich habe nie gewusst, wie sich etwas Wahres anfühlt, sofern man es tatsächlich fühlen kann, aber nun glaube ich zu verstehen, ohne wirklich beschreiben zu können, was ich fühle.
"Beeindruckend, nicht wahr?"
Erschrocken fahre ich herum. Mein Herz scheint für einen Takt zu stolpern, ehe es in seinen Rhythmus zurückfindet. Vor mir steht ein älterer Herr mit schütterem Haar, einer kleinen goldenen Brille auf der Nase und einem der ledernen Bücher im Arm. Ein Bibliothekar im wahrsten Sinne des Klischees. Die Erkenntnis lässt mich lächeln. Als ich mir seine Frage zurück ins Bewusstsein rufe, nicke ich.
"Was ist das für ein Ort?"
Er lacht und stellt das Buch zurück ins Regal, an den einzigen freien Platz. "Nenne es nicht Ort, denn es ist nicht das, was du unter einem Ort kennst. Es sind die erhabenen Hallen der Geschichten."
"Was für Geschichten?", möchte ich von ihm wissen und meine Stimme klingt dabei viel zu laut, obwohl ich fast flüstere.
Er deutet auf die Regale. "Lebensgeschichten", erwidert er lächelnd. "Was auch immer geschieht im Leben eines jeden, wird auf den Seiten seines Buches festgehalten und ein jedes dieser Bücher findest du hier. Jeder Mensch, der einmal, vielleicht auch nur für kurze Zeit, auf dieser Welt lebte, besitzt irgendwo in diesen Hallen sein Buch. Du auch", fügt er schmunzelnd hinzu.
Ich stutze einen Augenblick. Ich auch? Ich kenne keinen Autor, keinen Biographen, niemanden, der mein Leben zu Papier bringen könnte. "Wer schreibt all diese Geschichten?"
Er bedeutet mir, ihm zu folgen, und wir gehen langsam zwischen den Regalen entlang. "Als Geheimniswahrer darf ich dir das leider nicht verraten." Er schaut an den Bücherreihen entlang und stutzt. "Oh, das ging nun aber doch sehr schnell." Er greift ein Buch mit graubraunem Einband, zieht es aus dem Regal und blättert, am Ende begonnen, zur letzten beschriebenen Seite. "Diese Krankheit fordert auch immer mehr Opfer", kommentiert er die Sätze kopfschüttelnd, nachdem er sie überflogen hat.
"Dieser Mensch... er ist tot?", frage ich und verstehe mich selbst dabei kaum. All das sollte mich verwirren, unsicher machen oder wenigstens Fragen aufwerfen. Aber das tut es nicht. Fast nicht. Ich nehme es hin, Herz und Verstand akzeptieren es, ohne es zu hinterfragen. Als wüsste ich all das schon mein Leben lang. Eine Folge der merkwürdigen Stimmung?
Der Mann nickt als Antwort auf meine Frage.
"Warum sind noch so viele leere Seiten übrig?" Es ist gerade einmal die Hälfte der Seiten gefüllt.
Er lächelt und stellt das Buch zurück an seinen Platz. "Es ist noch nicht vorbei. Es beginnt nur ein neues Kapitel."

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Vielen Dank für jedes Kommentar.