[52/52-Challenge] Geblieben

Montag, 9. März 2015 | Kommentieren
Stichwort: Ruhe
Wörter: 505


Geblieben

"5. Januar 2015"
Seit zwei Monaten hängt das Kalenderblatt unverändert an der Wand mitten in einem Wohnzimmer, das keines ist. Gegenüber steht ein alter verschlissener Fernsehsessel, der vermutlich noch nie einen Fernseher gesehen hat. Und auf eine der weiß getünchten Wände ist ein Fenster gemalt, das nie den Blick nach außen öffnen wird. 
Seit zwei Monaten ist es still hier. Still und leer. All die Stimmen sind verhallt. Die der Nachbarn, die der Besucher, die der Kinder nebenan. Seine. Geblieben bin nur ich. Was mich hält, weiß ich nicht. All die anderen sind gegangen, vor Tagen, Wochen, Monaten. 
Liz war geblieben, fast bis zum Schluss, und doch hat sie am Ende aufgegeben und ist den anderen ins Ungewisse gefolgt. Ich erinnere mich an sie alle. Erinnere mich an Mrs. Harrison, die alte Dame, die ihm immer die Zeitung brachte. An den siebenjährigen Tommy. An Joyce, die Krankenschwester. An Peter, dessen Schreie mich heute noch manches Mal begleiten. An seinen Zwillingsbruder Phil, der alles mit ansehen musste, ehe er selbst Ruhe fand. An Liz, die eigentlich nur nach dem Weg hatte fragen wollen... Sie alle waren einige Zeit hier, waren bei mir und sind wieder gegangen. Sehen kann ich sie noch immer. Einen Teil von ihnen. Doch alles, was sie ausmachte, ist fort. So vieles vergangen und nur eines geblieben: Das Unbedeutende. Was immer als vergänglich bezeichnet wurde, bleibt unveränderlich. Das Ewige dagegen, das ist vergangen. Ewig scheine nur ich zu sein.
Ich seufze und sinke in den Sessel, vor mir das alte Kalenderblatt, das ich nicht mehr sehen will. Ich will es umblättern, abreißen, irgendetwas. Doch ich kann nicht. Nie wieder. Nie.
Stattdessen sitze ich hier und starre an die Wand. Die weiße Wand, an der ich das Blut sehe, das längst abgewaschen ist. Die weiße Wand, die mir eine Geschichte erzählt, die niemand mehr hören wird. Weil mich niemand mehr hören wird.
Ich erinnere mich an die Geschichten all der anderen. Erinnere mich an meine Geschichte. Den Abschluss gerade in der Tasche, auf der Überholspur Richtung Zukunft. Gestrandet in dieser Gegend. Ich erinnere mich an die verregnete Nacht, in der mein Wagen den Geist aufgab. Erinnere mich an die Kälte und daran, dass es weit und breit kein freies Zimmer gab. Erinnere mich an den freundlichen Herrn Mitte Fünfzig, der mir für diese Nacht einen Platz auf seinem Sofa anbot, nachdem ich stundenlang im Wagen gefroren hatte.
Ich erinnere mich an den Schmerz, als er das Messer wieder und wieder über meine Haut zog. An meine Schreie, die niemand hörte. An all das Blut.
Geblieben ist nichts. Nur die Ruhe. 
Und ich.
Was mich hält, weiß ich nicht, doch ich bete Tag für Tag, davon erlöst zu werden. Bete zu einem Gott, in den ich jeglichen Glauben verloren habe.
5. Januar 2015. Längst vergangen. Geblieben bin ich. Seit dem 23. März. Seit 1998. Für immer siebzehn. Für immer gefangen?
Alles vergangen. Sie und er.
Geblieben bin nur ich. Und die Ruhe. Und die Körper in der weißen Wand, die wohl niemand je finden wird.

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