[52/52-Challenge] Die Geschichte vom Tod

Montag, 23. März 2015 | Kommentieren
Stichwort: Sonne
Wörter: 1200


Die Geschichte vom Tod

"Erzählst du mir die Geschichte vom Tod?" Stirnrunzelnd sieht er seine kleine Schwester an und sie schaut mit vor Aufregung glitzernden Augen zurück. "Aber nicht die, die alle immer erzählen. Ich möchte die richtige hören. Die von dem traurigen Jungen, der nicht mehr allein sein wollte."
Langsam nickt er. Er weiß ganz genau, welche Geschichte sie hören will. Er hat sie kurz erwähnt, nachdem ein Freund sie ihm erzählt hat. Eigentlich ist es gar keine Gute-Nacht-Geschichte und wären ihre Eltern an diesem Abend zuhause, würden sie es wahrscheinlich verbieten. Aber sie sind nicht zuhause und Emy ist kein kleines Kind mehr. 
"Rutsch mal ein Stück."
Sie tut, was er ihr sagt, und er setzt sich zu ihr ins Bett. Seine Stimme ist ruhig, als er anfängt zu erzählen, und wie immer beginnt er, als sei es ein Märchen, obwohl es dieses Mal keines ist: "Es war einmal ein Junge, der lebte in einer sehr düsteren Welt..."

Die dunklen Wolken hangen tief, wie immer. Nebelbänke türmten sich über den Wiesen, die mehr grau als grün waren, und links neben ihm stiegen die letzten Rauchwolken aus den Ruinen eines einsamen Dorfes auf. Alles wie immer. Nichts änderte sich an diesem Ort. Stets gleich.
Er blieb, wer er war. Längst hatte er aufgehört, die Tage zu zählen. Einst gab es eine Zeit, da änderte er sich mit jedem Jahr, das verstrich, während die Natur um ihn herum in ihrem ewigen Kreislauf lebte, starb und, einem Phoenix gleich, von Neuem zum Leben erwachte, so jung und unschuldig, als wäre nie etwas geschehen.
Er blieb, wer er war. Wuchs nicht, alterte nicht. Gefangen irgendwo zwischen Junge und Mann, ohne die Chance, einmal mehr oder weniger zu werden. Lebte er eigentlich noch? Sein Herz pochte dumpf in seiner Brust. Schlug stetig weiter. Oder bildete er es sich nur ein und es hatte längst das Schlagen aufgegeben - es änderte wohl sowieso nichts.
Er blieb, wer er war. Und er blieb einsam. 
Wie sich nichts änderte, blieb er immer allein in seiner grauen Welt, ohne Sonne, ohne Tiere, ohne Menschen. Tage kamen, Tage gingen, ohne Veränderung. Er streifte durch diese, seine, Welt, kam in neue Regionen, die er nie zuvor gesehen hatte, und doch sahen sie nur auf den ersten Blick anders aus. Auf den Zweiten waren es stets die gleichen Orte, die er schon so oft, viel zu oft, gesehen hatte.
Immer allein. 

"Es muss doch noch jemanden dort gegeben haben. Er kann nicht ganz allein gewesen sein", unterbricht seine kleine Schwester ihn und ihre Stimme klingt traurig.
Er muss sie enttäuschen. "Da war niemand außer ihm. Er war wirklich allein."
"Aber Tommy, er braucht doch Freunde. Und eine Familie."
Tom nickt langsam und fährt fort mit der Geschichte: "Eines Tages beschloss er, den Stimmen zu folgen, die der Wind manchmal zu ihm trug..."

Bisher hatte er diesen "Stimmen" nie eine größere Bedeutung beigemessen. Hirngespinste. Er war schließlich allein. Oder nicht?
Zu verlieren hatte er längst nichts mehr und auch wenn er nie mehr als verlassene Städte und Dörfer gefunden hatte, lief er los. Querfeldein, immer den Stimmen nach, die mal lauter, mal leiser klangen, mal gänzlich verstummten. Nur dann ruhte er für einige Zeit, bis sie wiederkamen. Essen brauchte er nichts. Hunger und Durst hatte er schon vor langer Zeit vergessen, nicht einmal schlafen müsste er eigentlich, doch er liebte seine Träume. Träume, in denen er sich vorstellen konnte, nicht mehr allein zu sein.
Tage verstrichen, ohne Wandlung. Alles gleich.
Bis zu diesem einen Tag, ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, als sich alles änderte. Geblendet vom Lichtstrahl einer Sonne, die er so lange nicht mehr gesehen hatte.

"Sonne? Wo kommt die denn auf einmal her?", wirft Emy dazwischen. 

Mit einem Mal war das Gras unter seinen Füßen grün statt grau und der Himmel strahlend blau mit einer noch strahlenderen Sonne, ganz ohne Nebel.
"Passt du jetzt auf mich auf?" Ein leises Stimmchen, das einem kleinen Körper entwich, einem Mädchen in einem hellen Kleid. Hinter ihr erkannte er eine Kutsche, umgestürzt, Menschen darum geschart. Seine Blicke konnten sie nicht ganz aussperren. 
Langsam nickte er, ohne ein Wort, traute seiner so lange stummen Stimme nicht recht. Sanft ergriff er ihre Hand, die sie ihm entgegen streckte. Endlich nicht mehr einsam, nach so langer Zeit. Endlich Gesellschaft.
Doch als sich ihre Hände berührten, verschwand die Sonne, verschwand der blaue Himmel, das grüne Gras, die Kutsche. Einen letzten Blick erhaschte er auf sie, sah ein kleines Mädchen in hellem Kleid, das gleiche kleine Mädchen, das er nun an der Hand hielt, begraben unter der schweren Kutsche. Reglos. Leblos. Dann war er zurück in seiner Welt, der Grauen, immer Gleichen, aber wenigstens nicht mehr einsam.

"Das ist schön", flüstert Emy, schon ganz müde. "Warum ist seine Welt immer grau? Weil er der Tod ist?"
Tom zuckt ratlos mit den Schultern. "Sie wird schöner", verspricht er, ehe er fortfährt.

Wieder vergingen die Tage, nun gemeinsam gelebt, und mit den Tagen kehrten immer wieder die Stimmen zurück, die ihn in die Sonne zerrten. In diese andere, schönere Welt, auch wenn sie an manchen Tagen der seinen so sehr glich. Ein jedes Mal nahm er jemanden mit, manchmal auch gleich zwei, Junge und Alte, und führte sie hinüber in seine Welt, die sich allmählich zu wandeln begann.
Der Nebel zog sich zurück, ganz langsam, öffnete den Blick ins weite Land und hinauf zum Himmel, an dem immer öfter Vögel auftauchten, um sich im schwachen Wind treiben zu lassen. Allmählich schwand der graue Schleier und offenbarte Farben, die er an diesem Ort nie zuvor gesehen hatte.
Und als das erste Dorf komplett bewohnt und lebhaft in seinem neuen Glanz erstrahlte, kehrte die Sonne in seine Welt zurück. Kein Tag mehr sollte von nun an ohne sie vergehen und der Junge begann wieder, die Zeit zu zählen.
So verstrichen die Jahre, seine Welt füllte sich, bot denen ein neues Leben, die ihr altes hatten aufgeben müssen. Bot neue Chancen, neues Glück.

Er strich Emy durch die Haare. Sie war schon fast eingeschlafen. "Und während die Welt um die Verlorenen trauerte, ohne zu wissen, wie gut es ihnen in der neuen Welt ging, wurde dem Jungen ein Name geschenkt. Sie nannten ihn Bote, Begleiter und Engel, Helfer und Wegweiser, Gesandter und Geist. Im Glauben des Volkes jedoch wurde er zum Sinnbild dessen, was keiner begreifen konnte. Zum Tod."

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