[52/52-Challenge] Corvus

Samstag, 7. März 2015 | 2 Kommentare
Schreibtechnisch geht es im Moment recht gut voran, daher gibt es schon wieder eine neue Szene!

Stichwort: Feder
Wörter: 2109

Corvus

"Treten Sie ein! Trauen Sie sich! Nur herein spaziert in Morgard's Zauberwelt!"
Der Mann trägt einen schwarzen Frack, einen Zylinder und einen silbrig schimmernden Stab in einer Hand, der im Takt seiner übertriebenen Gesten herumwirbelt. Er steht mitten auf der Wiese und abgesehen von ein paar kleinen Lichtern aus dem Dorf und dem Funkeln der Sterne ist es finster.
"Ah, junge Lady, nur keine falsche Scheu! Tritt nur heran."
Unsicher weicht sie einige Schritte zurück. Woher der Mann plötzlich kommt, weiß sie nicht. Vielleicht ist er nur eine Erscheinung, die ihr müder Geist ihr vorgaukelt. Vielleicht liegt sie längst im Bett und schläft. Vielleicht träumt sie lediglich, im Garten hinter dem Haus zu stehen und einen merkwürdigen Mann vor ihr auf der weiten Wiese zu sehen.
Jetzt tritt er auf sie zu, streckt seine freie Hand einladend über den Zaun in ihre Richtung. "Keine Angst, junge Lady. Komm. Du kannst sehen, damit stehen dir die Pforten in Morgard's Zauberwelt offen."
"Sie sind nicht real", bringt sie zögerlich hervor und bringt den Mann damit zum Lachen.
"Was ist schon real? Vielleicht ist unser gesamtes Leben ein einziger Traum?" Er schaut über die Schulter und gestikuliert mit seinem Stab in Richtung der Wiese. "Komm nur, was hast du zu fürchten?" Kurz stockt er und mustert sie einen Augenblick. "Ah, wie recht, wie recht. Wo sind nur meine Manieren geblieben? Morgard, mein Name. Algus Morgard." Er zieht seinen Zylinder und verbeugt sich vor ihr, ehe er ihr erneut die Hand entgegenstreckt. "Und mit wem habe ich das Vergnügen, junge Lady?"
"Juli", antwortet sie vorsichtig.
"Ein Sommerkind, wie recht. Juli... welch' wundervoller Klang! Komm nur, junge Lady. Hab keine Angst. Hörst du nicht die Minicae singen? Oh, ihr Gesang ist so wundervoll. Lass dich nur in Morgard's Zauberwelt entführen. Sie erwarten dich."
Etwas in seiner Stimme lässt sie ihre Angst verlieren. Tief atmet sie ein, lässt die kühle Nachtluft durch ihre Lungen strömen und stößt sie langsam wieder aus. Dann ergreift sie Morgards Hand und lässt sich auf die dunkle Wiese führen, die mit einem Mal nicht mehr so dunkel erscheint. Wieder gestikuliert er mit seinem Stab und pötzlich ist es, als heben sich unsichtbare Vorhänge, die verhüllten, was sich hinter ihnen verborgen hatte. In schimmernde und funkelnde Lichter gehüllt, offenbart sich ihr ein Zoo mit mehreren Käfigen auf Podesten von vielleicht einem Meter Höhe, aus denen wundersame Stimmen erklingen. Ein paar Menschen entdeckt sie, die von Käfig zu Käfig gehen und hineinschauen. Unter ihnen sind auch Kinder, die lachend umherspringen, als sei es hellichter Tag und nicht kurz vor Mitternacht.
"Willkommen in Morgard's Zauberwelt, junge Lady. Wie recht, schau dich nur um. Hörst du die Minicae singen? Sie rufen nach dir. Doch gib Acht, dass du ihren Stimmen nicht verfälltst." Sie sieht ihn lächeln, ehe er im nächsten Augenblick verschwunden ist. Sie schaut sich um, vermag ihn jedoch nirgends zu entdecken und wendet sich schließlich jenem Käfig zu, aus dem die wundervollsten Klänge von allen ertönen.
Filigrane Wesen in der Größe von Achtjährigen tanzen darin herum, spielen mit wundervollen farbigen Blüten und singen. Bisher hat sie nichts dergleichen gehört. Zart und kraftvoll zugleich. Leicht, sanft, doch zur selben Zeit volltönend. Ihre alabasterfarbenen Körper, umspielt von langen weißblonden Haaren, wiegen sich im Klang ihres Gesangs. Sie vermag nicht zu sagen, ob diese Wesen, die Minicae, wie ein Schild am Käfig und zuvor schon Morgard sie nennt, weiblich oder männlich sind. Sie wirken losgelöst von derartigen Unterscheidungen. Die Minicae greifen in weichen Bewegungen nach ihr, doch durchdringen sie nicht die Gitter. Ihre feinen, roséfarbenen Lippen scheinen ewig zu lächeln und die übergroßen blassgrünen Augen strahlen in täuschender Unschuld. Ihr Blick bleibtan einem kleinen Schild haften, auf dem sich unter dem Namen eine Warnung findet: "Tödlich. Tritt nie zu nah und verlier dich in ihrem Gesang. Deine Seele können sie leicht in ihren Bann ziehen."
Sie kann spüren, wie sie sich aus den zauberhaften Klängen löst und sie sich mit einem Mal nicht mehr so wunderbar anhören. Mehr wie ein zartes Wehklagen, das vom Wind davon getragen wird.
Sie zieht sich zurück und wendet sich von dem Käfig ab. Der Wind frischt auf und eine kühle Brise weht ihr die Haare ins Gesicht. Plötzlich wirken all die Lichter nicht mehr so einladend, so wunderschön und warm. Der Glanz scheint verloren.
Instinktiv wendet sie sich nach rechts, schaut in die einzige Richtung, in die keine Lichter weisen. Dunkel zeichnet sich ein weiterer Käfig ab, der sie auf merkwürdige Weise anzieht. Sie schaut sich um. Niemand scheint von diesem abseits gelegenen Käfig Notiz zu nehmen. Keiner blickt zu ihm.
Mit vorsichtigen Schritten nähert sie sich ihm. Obgleich sich in diesem Bereich keine Lichter befinden, erkennt sie hier ein dunkles Strahlen, das keine Quelle zu kennen scheint. Es taucht den Käfig in ein merkwürdiges Licht, das sie vieles erkennen lässt, doch bei Weitem nicht genug, um in die hinteren Winkel blicken zu können. Neugierig schaut sie sich um, entdeckt jedoch weder ein Schild, das ihr verraten könnte, was darin verborgen ist, noch ein fremdartiges Wesen.
"Suchst du mich?"
Erschrocken zuckt sie zusammen und weicht einige Schritte zurück. Sanftes Lachen folgt ihren Bewegungen. Es lässt die Neugier über die Furcht siegen und sie wieder näher an den Käfig treten. Schwach erkennt sie eine Bewegung und langsam tritt eine Gestalt aus den Schatten. Es ist eindeutig ein junger Mann mit blasser Haut. Die schwarze Hose lässt ihn noch blasser erscheinen. Seine Brust dagegen ist nackt und überzogen von dünnen weißen Linien. Narben?
Er lächelt und geht hinter den Gitterstäben in die Hocke, um sie besser ansehen zu können. "Juli, richtig?" Zu überrascht, um zu einer Antwort fähig zu sein, nickt sie lediglich. "Es ist so selten, dass mich jemand besuchen kommt. Mich ruft man Corvus."
"Rabe?", fragt sie verwundert, in leiser Erinnerung an vergangene Lateinstunden.
Wieder lacht er. Es ist eben so klar und warm wie seine Stimme. "Geheimnisse liegen überall verborgen", erwidert er kryptisch.
"Was bist du?" Die Minicae erkannte sie sofort als fremdartige Wesen, doch dieser junge Mann, Corvus, scheint so gänzlich menschlich und dennoch ist er gefangen in diesem Käfig.
Lange Zeit antwortet er nicht. Mit ihrer Frage hat er den Kopf gesenkt. Soweit sie sehen kann, ist das Lächeln in seinem Gesicht erloschen.
"Wenn ich es dir sage, versprichst du mir dann etwas?" Die Wärme ist weiterhin in seiner Stimme, aber jetzt klingt sie müde und fast ein wenig traurig.
Sie nickt, auch wenn sie nicht weiß, was sie ihm geben kann.
"Komm morgen Nacht wieder. Komm mich wieder besuchen, nur diese eine Nacht noch. Dann beantworte ich dir jede Frage, die du hast."
"Der... Zoo. Ist er nicht morgen fort?"
Er schüttelt den Kopf. "Wer sehen kann, findet den Zugang, jederzeit, egal wo. Du kannst sehen. Nicht nur das Portal." Sie möchte ihn fragen, was er damit meint, aber er lässt ihr keine Zeit, sondern spricht sofort weiter: "Versprichst du es? Kommst du wieder?"
Einen Augenblick zögert sie. Der junge Mann fasziniert sie. Seine merkwürdige Ausstrahlung scheint sie anzuziehen. Anders, als die Stimmen der Minicae, und doch deutlich spürbar. "Ich verspreche es."
Endlich hebt er wieder den Kopf, lächelnd. Eine seiner feingliedrigen blassen Hände greift in die Dunkelheit hinter ihm und zieht eine pechschwarze Feder daraus hervor, glänzend und fast so lang wie sein Unterarm. Er schiebt sie durch die Gitterstäbe. "Dieser Ort ist in ständiger Wandlung. Sie wird dir den Weg weisen."
Sie ergreift sie, fühlt, wie weich und gleichzeitig kühl sie ist. Sicher verbirgt sie sie unter ihrer Jacke, wo sie sie nicht verlieren kann. "Ich werde kommen."
Sein Lächeln wird zu einem wahren Strahlen, bis es mit einem Mal zu versteinern scheint. Im gleichen Moment spürt sie, wie sie an der Schulter vom Käfig fortgerissen wird. Morgard hat sich vor sie geschoben und schlägt seinen Stab gegen das Gitter. "Verschwinde, Missgeburt! Wag es nicht, dich noch einmal blicken zu lassen!"
Ein Brüllen, fast schon Kreischen antwortet ihm von jenseits der Gitter. Wo Corvus eben noch gewesen war, ist nichts mehr. Stattdessen erhebt sich in den Schatten des Käfigs eine Gestalt fern jedes Menschlichen. Riesige Flügel wie die einer Fledermaus mit scharfen Spitzen an den Gelenken beantspruchen den gesamten Platz des Käfigs und sind trotzdem nicht vollkommen ausgebreitet. Blutrote Augen glühen in der Dunkelheit und mit einem weiteren Brüllen werden zwei Reihen spitzer Zähne sichtbar.
"Fort mit dir! Fort!" Erneut schlägt Morgard mit dem Stab gegen das Gitter. Die Kreatur weicht langsam zurück in die Schatten, bis sie nicht mehr zu sehen ist und das Kreischen verstummt.
Schockiert starrt sie auf den Käfig. Sollte das tatsächlich Corvus gewesen sein, der freundliche junge Mann, mit dem sie Minuten zuvor gesprochen hat?
"Geht es dir gut, junge Lady? Hat er dir etwas getan?" Noch einmal blitzen die roten Augen im Schatten auf. Morgard holt mit dem Stab aus, schlägt jedoch nicht zu, als die Augen wieder in der Dunkelheit verschwinden. "Missgeburt", schimpft er vor sich hin, leiser nun.
"Mir... mir geht es gut", haucht sie, noch immer schockiert. "Was war das?"
Morgard schnaubt. "Ein Roukhi. Ein Dämon schlimmster Sorte. Wie recht... Jedem täuscht er eine andere Gestalt vor, die sein Opfer in seinen Bann zu ziehen vermag, aber sobald man jede Scheu fahren lässt und ihm sein Vertrauen schenkt, da wird er zur Bestie. Wie recht, er gehört wahrlich hinter Gitter. Wie recht... Komm, junge Lady. Morgard's Zauberwelt schließt für heute seine Pforten."
Er legt ihr eine Hand auf die Schulter und führt sie langsam zurück in die lichteren Bereiche. Die Luft scheint zu flirren, doch zwischen zwei Käfigen erkennt sie deutlich das hölzerne Gartentor. Ein letztes Mal schaut sie zurück und glaubt, klare blaue Augen zu sehen, die ihren Bewegungen folgen. Blaue Augen, mit denen Corvus sie so sanft angesehen hat. Soll all das nur eine Maskerade gewesen sein?
"Ich habe noch gar nicht all die anderen Wesen gesehen", fällt ihr ein. "Nur die Minicae... Und den Roukhi."
"Die Pforten zu Morgard's Zauberwelt stehen dir jederzeit offen, junge Lady. Nur keine Scheu, zurückzukehren", erklärt er lächelnd.
Sie haben das Gartentor erreicht und im nächsten Moment sind Morgard, die Lichter, der Zoo verschwunden. In der Kürze eines Lidschlages.
Ein leises, geflüstertes "Bitte" glaubt sie noch zu hören und greift instinktiv unter ihre Jacke. Die schwarze Feder schmiegt sich in ihre Hand, nun angenehm warm von ihrem eigenen Körper. Corvus gab sie ihr. Der gleiche Corvus, der diese fledermausartigen Flügel besessen haben soll. Diese federlosen Flügel. Woher hatte er die schwarze Feder? Konnte er tatsächlich diese grauenhafte Kreatur sein?
Sie seufzt. Wer war Corvus? War sie tatsächlich seinem Bann zum Opfer gefallen und längst darin gefangen? Die Faszination für diesen merkwürdigen jungen Mann beherrscht ungebrochen ihr Innerstes.
Sie würde zurückkehren, nächste Nacht. Sie würde ihr Versprechen einhalten. Ebenso wie Corvus, hofft sie. Er hat ihr Antworten versprochen. Sie will sie haben.

2 Kommentare

  1. Hey. :D
    Ich bin endlich mal dazu gekommen, etwas zu lesen. :D
    Und wow, diese Kurzgeschichte hier ist echt gut. o.o Ich habe es so lebhaft vor Augen gesehen und diese Idee! Waaaah, es gefällt mir gerade, glaub ich, fast etwas zu gut. xD Es macht einen richtig neugierig auf mehr und man kann sehr gut erahnen, dass sehr viel mehr dahinter steckt, als das, was du hier preisgibst. Nach allem was man hieraus schon lesen und spüren kann, fühlt sich die Idee wirklich gut an. :D
    Wünsche dir viel Spaß dabei, wenn du dich weiter damit beschäftigst. :)
    LG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey!
      Danke :D Ich freue mich auch schon riesig darauf, weiter an der Idee zu basteln ^^

      Löschen

Vielen Dank für eure Kommentare!