[52/52-Challenge] Blackout

Samstag, 28. März 2015 | Kommentieren
Hey ihr Lieben!
Vorangestellt mal eine Frage: Lebt ihr eigentlich noch?
Ich seh zwar immer, dass Posts gelesen werden, aber abgesehen davon wirkt es hier leider ziemlich tot...

Stichwort: Vergessen
Wörter: 757

Blackout

"Setz dich hin und sei ruhig."
"Geh mir nicht auf die Nerven."
"Hast du irgendetwas nicht richtig verstanden?"
"Sei still."
"Halt endlich deine verdammte Fresse!"
Schmerz.


Er schreckt auf. Ein Junge auf einer Matratze. Er wirkt klein und verloren. Ein Arm ist von einem Verband eingewickelt, eine Hand und ein Bein ebenfalls. Blaue Flecken. Kratzer. Abschürfungen. Nur Schmerzen hat er keine.
Die Pillen wirken noch.Ächzend stemmt er sich hoch und lehnt sich mit dem Rücken gegen die kühle Wand. Sitzen, wenigstens für ein paar Minuten. Die Wand hält ihn. Kraft hat er schon lange keine mehr. Sie ist weg, wie so vieles.
Dumpf hallen die Stimmen in seinem Kopf nach. Nur ein Traum. Alles nur geträumt. Oder nicht? Im Halbdunkel tasten sich seine Blicke über die geschundene Haut. Nein, kein Traum. Nur eine Wiederholung.
Endlosschleife.
Trotzdem bleibt sein Kopf leer. Da sind keine Bilder. Nur die Stimmen, immer und immer wieder. Sie wecken merkwürdige Gefühle in ihm, die er nicht zu deuten versteht. Müsste er sie kennen? Bestimmt. Nur woher? Wem gehören sie? Wer sind die schwarzen Schemen, die sich im noch schwärzeren Raum um ihn scharen, ihn anschreien, beschimpfen. Ihm wehtun. Was haben sie eigentlich getan?
Er weiß es nicht.
Nichts. Alles ausgelöscht. Weg.
Sein Name ist Alex, wenigstens das weiß er. Aber auch nur, weil ihm das der Mann gesagt hat. Der, der ihm die Pillen bringt. Essen und Trinken. Der seine Wunden verbindet und andere mit Salbe beschmiert. Wie heißt der eigentlich? Hat er es ihm gesagt? Hat er sich jemals vorgestellt? Sollte er ihn kennen?
Vielleicht. Er weiß es einfach nicht. Weiß nichts.
Wunde Hände raufen durch kurze Haare. Schorf zupft an viel zu empfindlicher Haut. Noch kein Schmerz. Noch. Nur dumpfes Pochen, das sich anfühlt, als käme es durch eine dicke Schicht Watte. Warum weiß er nichts? Warum ist da nur ein schwarzes Loch? Was ist passiert?
Die Stimmen müssen etwas damit zu tun haben. Bestimmt. Oder? Haben sie sein Gedächtnis gelöscht? Ihn verletzt?
Was sicher sein sollte, ist es nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Was ist noch real? Was ist Wirklichkeit, was Einbildung? Was ist nur ein Traum, der viel zu real erscheint? Der sich real anfühlt?
Vielleicht bildet er sich all das nur ein. Sein Leben - nur ein Traum. Ist es überhaupt noch ein Leben, ganz ohne Erinnerungen?
Vielleicht ist er auch durchgedreht, hat irgendeine psychische Krankheit, die seinen Kopf glauben lässt, alles vergessen zu haben. Einbildung. Wahnsinn.
Wo liegt die schmale Grenze zwischen Realität und Einbildung? Wann taumelt man noch auf ihr, wann überschreitet man sie?
Er weiß es nicht. Gar nichts. Alles nur schwarz. Alles leer.
Wer ist er - außer ein Name, der alles bedeuten kann?
Er seufzt. Ein leises Geräusch, das in dem kahlen Raum untergeht. Wo ist die Hoffnung, wenn man sie braucht? Wo der Glaube daran, irgendwann wieder zu wissen, was geschehen ist?
Er fröstelt. Die Kälte der Wand kriecht ihm über den Rücken und zieht in seinen Körper ein. Er hasst sie, die ständige Kälte. Wenigstens etwas, das er mit Sicherheit weiß. Glaubt er. Ist Kälte besser als Schmerz? Oder ist doch Schmerz besser als Kälte? Sollte er sich wünschen, dass die Pillen endlich aufhören zu wirken? Dass der Schmerz die Kälte überlagert? Keine Antwort.
So viele Fragen. Zu viele. Nie eine Antwort. Niemals. Nur immer neue Fragen.
Das einzige, was er kann: Fragen stellen. Antworten hat er schließlich keine. Keine einzige.
Entkräftet rutscht er an der Wand hinab und legt sich wieder auf die Matratze. Mit einem letzten Rest Energie angelt er nach der Decke und zieht sich den dünnen Stoff bis über das Kinn. Wenn ihm nur wieder warm würde... Die Beine zieht er an, so gut es geht, presst die Knie gegen den Brustkorb und schlingt die Arme darum.
Warum weiß er nur nichts mehr, gar nichts?
Warum sagt ihm dieser Mann nicht, was passiert ist?
Er zieht die Decke fester um sich. Zittert.
Leise klirrt die Kette an seinem Knöchel.

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