[52/52-Challenge] Aquario

Samstag, 14. März 2015 | 2 Kommentare
Heute gibt es mal eine "etwas" längere Szene ;)

Stichwort: Fisch
Wörter: 2469


Aquario

"Was glaubst du, wie erst die Besucher reagieren, wenn bekannt wird, dass wir dieses Tier hier haben? Die werden uns die Bude einrennen! Jetzt muss nur noch das neue Aquarium fertig werden. Die Pressefuzzies nerven schon eine ganze Weile mit ihren Fragen, was denn nun ins Becken kommt. Wenn die nur wüssten!" 
"Hast du es schon gesehen?"
Rick nickte. "Vorhin ganz kurz, als sie den Käfig abgeladen haben. Aber das musst du selbst sehen. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht. Es ist unglaublich! Hoffentlich macht es uns keine Probleme. Ich meine, es ist wild und das Aquarium ist kein offenes Meer." Er schüttelte den Kopf. "Das ist einfach so toll... Ach, das hab ich dir ja noch gar nicht erzählt, Mina! Es ist ein Männchen. Definitiv. Dr. Anders hat die beiden Meeresbiologen, die es entdeckt haben, schon beauftragt, nach einem Weibchen Ausschau zu halten. Stell dir mal vor, wir könnten eine Zucht aufbauen!" 
Ricks Begeisterung war kaum zu bremsen. Der "Aquario", wie die Forscher die Art getauft hatten, schien etwas ganz Besonderes zu sein. Das einzige, was ich bisher wusste, war, dass es sich bei ihm um eine Fischart handelte, die sowohl über Kiemen, als auch über Lungen atmete, und dass der Aquario, den sie gefangen hatten, etwa 1,70 Meter maß. Die Forscher waren sich noch nicht einig, ob er zur Gattung der Lungenfische oder zu einer vollkommen neuen Spezies gehörte. Um das herauszufinden, hätten sie ihn sezieren müssen und da sie bisher nur einen einzigen Aquario hatten finden und fangen können, war das keine Option.
Wir betraten den Aquarienkomplex durch den Angestellteneingang, gingen allerdings nicht wie sonst zu den Fischtanks im vorderen Bereich, sondern in Richtung mehrerer Becken, die für die Besucher nicht zu sehen waren. Vor uns lag ein momemtan noch unbewohntes Aquarium. Normalerweise war der 5-Meter-Tank für Seelöwen in Quarantäne gedacht. Dass er nun zeitweilig einen Aquario beherbergen würde, damit hatte wohl bis vor ein paar Wochen niemand gerechnet.
Wir gingen zu einer stählernen Tür, hinter der wir gedämpft Stimmen hören konnten.
"Verdammt, pass' doch auf!", rief wir jemanden genau in dem Moment, in dem Rick die Tür öffnete und mich vorließ. 
"Halten Sie ihn ruhig, sonst kann ich ihm die Impfung nicht geben", wies der Tierarzt, Dr. Anders, gerade die beiden Pfleger an, die mühsam versuchten, ein Fischernetz auf dem Boden zu halten. Ich musste zweimal hinschauen, um zu erkennen, dass sich unter dem Netz ein Wesen befand, das sich nach Leibeskräften wehrte. Hatte Rick nicht erzählt, der Aquario hätte silber-grüne Schuppen? Stattdessen war das einzige, was ich unter dem Netz erkannte, nackte helle Haut, bevor der Tierarzt mir den Blick versperrte und ihm die Spritze setzte. Er schaute kurz über die Schulter, als Rick die Tür schloss. "Ah, Chandler, Thomas, da sind Sie ja endlich."
"Doktor", meldete sich einer der Pfleger gepresst. Er zitterte bereits vor Anstrengung.
"Thomas, reichen Sie mir bitte eine der Spritzen, die dort drüben auf dem Käfig liegen?" Rick nickte und holte sie. In dem winzigen Käfig hatten sie ihn hierher transportiert? Er wirkte viel zu klein für einen 1,70m-Aquario. Abgesehen davon konnte ich keinen einzigen Tropfen Wasser darin entdecken. Kam er tatsächlich vollkommen ohne aus, obwohl er im Meer lebte?
Dr. Anders injizierte ihm den Inhalt der zweiten Spritze. Kurz darauf wurden die Bewegungen unter dem Netz fahriger, bis sie ganz aufhörten.
Der Doktor stieß erleichtert die Luft aus. "In Ordnung. Ich denke, Sie können ihn loslassen. Das Sedativum sollte ihn einige Minuten ruhigstellen. Jetzt nur noch der Chip und dann kann er ins Becken." Er trat zurück und förderte aus seiner Tasche eine weitere Spritze zutage, die den winzigen Transponder enthielt. Auch die Pfleger erhoben sich langsam, blieben jedoch weiterhin angespannt, falls sich der Aquario entgegen der ärztlichen Prognose doch wieder wehren sollte.
Nach einer kurzen Prüfung seiner Reaktionen schob der Tierarzt das Netz beiseite. Ich schluckte, als ich den Aquario endlich richtig sehen konnte. Das war kein Fisch! Das... das war ein junger Mann! Ein nackter junger Mann. Er hatte absolut nichts Tierisches an sich. Nichts, was ihn als Nichtmenschen kennzeichnete. Rick musste sich die Flossen und Schuppen ausgedacht haben, denn nichts davon konnte ich entdecken. Das einzig Ungewöhnliche waren die blutigen Schnitte, die sich an den Innenseiten über die gesamte Länge seiner Beine zogen...
"Thomas, haben Sie Ms. Chandler noch nichts über unseren Neuzugang verraten?" Dr. Anders hatte die leere Spritze beiseite gelegt und musterte mich.
"Doch, aber er sagte etwas von Schuppen und Flossen", antwortete ich statt Rick, der mich nur angrinste.
Der Doktor nickte langsam und schmunzelte. "Nun, nach derzeitigem Forschungsstand, der noch nicht allzu weit ist, wenn ich das anmerken darf, ist der Aquario ein Chamäleon unter den Fischen. Schauen Sie, die Kiemen sind auch an Land sichtbar, allerdings funktionieren sie hier selbstverständlich nicht." Er drehte den Kopf des jungen Mannes zur Seite und deutete auf drei kaum sichtbare Kerben - die erste etwa drei Zentimeter unter dem Ohr. Sollten das tatsächlich Kiemen sein? 
"Flossen und Schuppen prägen sich dagegen nur bei Kontakt mit Wasser aus. Die genauen biologischen Vorgänge, die hinter dieser Wandlung stehen, konnten wir bisher nicht entschlüsseln, aber ich bin mir sicher, dass das nicht mehr lange dauern wird." 
"Was ist mit seinen Beinen?"
"Mit der Schwanzflosse muss er eine gehörige Schubkraft entwickeln können, durch die ihm unter anderem Sprünge möglich sind, wie wir sie bisher nur von Walen und Delfinen kennen", erklärte der Doktor begeistert. Schwanzflosse? Meinte er das ernst?! Das waren Beine, keine Flossen! "Nun ja, möglich waren, muss ich ehrlicherweise sagen. Meine Kollegen an der Küste haben ihm sicherheitshalber die Haut zwischen den Flossenstrahlen - den Beinen, wie Sie sagen - entfernt, damit er nicht mehr so leicht aus dem Becken abhauen kann." Er schien seine Ausdrucksweise tatsächlich ernst zu meinen, stellte ich fassungslos fest.
Dr. Anders erhob sich. "Gut. Lassen Sie ihn uns in das Becken bringen. Chandler, Thomas, Sie bereiten den Transport vor. Reynolds, Mitchell, legen Sie ihn zurück ins Netz. So lässt er sich am leichtesten transportieren." Seine Aufträge wurden sofort ausgeführt.
Ich öffnete den anderen die Türen zur Treppe, die zu einer kleinen Plattform über dem Aquarium führte, und schob Eimer und Kisten zur Seite, die im Weg sein könnten. Rick schloss die Türen, sobald die anderen drei mit dem jungen Mann, dem Aquario, hindurchgetreten waren.
Auf der Plattform angekommen, betätigte ich einen Schalter an der Steuerungseinheit und die Aquarienabdeckung wurde langsam von einer Winde auf der anderen Seite des Tanks aufgewickelt. Das Wasser reichte bis etwa einen Meter unter die Plattform.
"Sehr gut, lassen Sie ihn ins Wasser", ordnete der Doktor an.
"Besteht nicht die Gefahr, dass er ertrinkt?", warf ich ein. "Ich meine, die... die Kiemen schienen nicht sonderlich funktionsfähig und er ist betäubt." Es viel mir erstaunlich schwer, die Worte auszusprechen. Ich konnte den jungen Mann einfach nicht als Tier ansehen. Er war ein Mensch. Und die Kerben unter seinen Ohren... 
Ich wusste nicht, was all das zu bedeuten hatte. Es gab keine Nixen und Wassermänner, oder doch? Waren das keine Märchen? Menschen mit Flossen, die in den Tiefen des Meeres lebten... das konnte doch nicht real sein!
Der Tierarzt lächelte. "Keine Sorge, Ms. Chandler, es besteht kein Grund zur Sorge." Er gab den anderen beiden Pflegern ein Zeichen. Sie ließen das Netz langsam zu Wasser, bis der junge Mann gänzlich untergetaucht war, und zogen das Netz anschließend vorsichtig wieder zurück. Der helle Körper des Aquarios sank nach unten. Ich konnte sehen, wie er auf dem sandigen Grund des Beckens aufkam und reglos dort liegen blieb.
Während Reynolds und Mitchell verschwanden, blieben Dr. Anders, Rick und ich oben auf der Plattform. Was, wenn der Doktor gelogen hatte? Oder sich täuschte? Wenn es doch nur ein junger Mann war, der gerade dort unten ertrank?
"Sehen Sie sich das an! Er ist munterer, als ich dachte." Der Doktor deutete auf den Tank. Ich blinzelte. Wo eben noch der Aquario gelegen hatte, war nichts mehr zu sehen. Ich suchte das Becken ab, bis ich am gegenüberliegenden Rand eine Bewegung ausmachte. Das konnte doch nicht... Durch die Wasserspiegelungen konnte ich seinen Körper nicht genau erkennen, doch den Bewegungen nach zu urteilen, war das wirklich kein einfacher Mensch. Wie konnte das sein? Ich begriff es einfach nicht...
Die Winde setzte sich wieder in Bewegung und die Abdeckung fuhr zurück, bis der gesamte Tank geschlossen war.
"Ich habe Ihnen einen Fütterungsplan für die nächste Zeit geschrieben, bis wir genauer sagen können, wie er sich benimmt. Sollte Ihnen etwas Ungewöhnliches auffallen, informieren Sie mich bitte sofort." Dr. Anders reichte mir eine Liste und kehrte uns dann den Rücken zu. Rick folgte ihm, noch immer etwas hibbelig. War ich die einzige, die diesen Aquario, wie sie ihn getauft hatten, nicht als Tier ansehen konnte? Er mochte im Wasser leben und Kiemen haben, doch entsprechend seines Aussehens musste er mit Menschen wie mir, wie Rick und dem Doktor, verwandt sein! Lungenfische... Waren die Forscher so blind, dass sie diesen jungen Mann nur wegen des Lebensraums, in dem sie ihn gefunden hatten, zu den Fischen sortierten statt zu den Menschen, wie es sein Aussehen nahelegen würde?
"Mina, kommst du? Die Seelöwen brauchen noch Futter und nach dem Galapagos-Schildkrötenweibchen müssen wir auch noch schauen. Vielleicht können wir sie wieder zurück zu den anderen setzen."
Seufzend wandte ich mich ab und ging nach unten. Als wir an dem großen Tank vorbeigingen, konnte ich den Aquario nur als dunkle Silhouette ausmachen. Das Licht war bereits abgeschaltet, doch ich glaubte, ihn dicht an der Wasseroberfläche zu erkennen. Ob sich der Doktor wirklich sicher war, dass er durch die Kiemen atmen konnte? Ich war es ganz sicher nicht...

Einige Stunden später hatten Rick und ich unseren Rundgang erledigt und uns darauf geeinigt, dass ich heute die Versorgung des Aquarios übernahm. Vier lebendige Heringe standen auf dem Plan des Doktors. Nachdem ich sie in das Becken gesetzt hatte, schloss ich die Abdeckung wieder und ging nach unten. Das Licht ließ ich angeschaltet, sodass das Becken ausgeleuchtet blieb, während ich an die Frontscheibe trat. Ich brauchte einige Momente, bis ich den jungen Mann entdeckt hatte. Die Fische, die sich im Wasser tummelten, schienen ihn nicht zu interessieren. Er saß mit dem Rücken zu mir am Boden am hinteren Ende des Tanks und hatte die Beine angezogen. Ich beschloss, zu warten.
Nach einer Viertelstunde hatte er sich noch immer nicht gerührt. Ich seufzte. Eigentlich hätte ich längst Feierabend und sollte mit Rick einen Kaffee trinken, wie ich es ihm versprochen hatte, doch ich konnte nicht einfach gehen. Der Aquario sah tatsächlich nicht so aus, als würde er ertrinken, doch der Faszination, die er ausstrahlte, konnte ich mich nicht entziehen.
Obwohl es eigentlich ein No-Go war, klopfte ich vorsichtig gegen die Scheibe. Augenblicklich zuckte er zusammen und ich zog meine Hand zurück. Er hatte sich umgedreht und schaute mich mit schiefgelegtem Kopf an. Seine hellblauen Augen leuchteten und weckten bald den Eindruck, auch im Dunkeln zu strahlen.
Mit vorsichtigen, fast scheuen Bewegungen erhob er sich und schwamm zögerlich näher an die Frontscheibe. Ich wich einen Schritt zurück, als ich seinen Körper vollständig erkannte. Ich hatte dem Doktor nicht glauben wollen, doch jetzt, als ich es mit eigenen Augen sah... Die Kiemen an den Seiten seines Kopfes waren nun deutlich zu erkennen und bewegten sich leicht. Viel offensichtlicher waren jedoch die silber-grünen Schuppen, die in Hüfthöhe begannen und sich bis hinunter zu seinen Füßen zogen. Zwischen seinen Zehen spannten sich eindeutig dünne Schwimmhäute und generell bezweifelte ich, dass seine Bein- und Fußknochen mit meinen übereinstimmten. Dafür bewegten sie sich zu weich. Genau wie die Flossen eines Delfins oder Wals... Die blutigen Schnitte an den Innenseiten seiner Beine waren noch immer zu sehen. War dort tatsächlich eine weitere Schwimmhaut gewesen?
In einem kräftigen Ruck bewegte er seine Beine, kam jedoch kaum vorwärts und bewegte seine Füße wie Paddel. Es wirkte wie eine merkwürdige Unterwasserform des Stolperns. Anscheinend war er es nicht gewohnt, ohne die Haut zwischen seinen Beinen zu schwimmen. Ich sah kurz einen gequälten Ausdruck in seinem Gesicht, der endgültig Mitleid in mir weckte und mich wieder näher an die Scheibe treten ließ.
Er stand nicht auf dem sandigen Boden, sondern hielt sich mit leichten Bewegungen seiner Füße einige Zentimeter darüber, sodass er zu schweben schien. Erneut hatte er seinen Kopf schiefgelegt, als wollte er etwas fragen oder vielleicht auch nur Erklärungen für all das haben.
Vorsichtig legte ich meine Hand an die Scheibe. Er betrachtete sie einige Augenblicke, ehe er seine Hand hob und sie genau auf der gegenüberliegenden Seite gegen die Scheibe legte. Auch zwischen seinen Fingern spannten sich die dünnen Schwimmhäute. Ob er mich verstehen würde, wenn ich versuchte, mit ihm zu reden? Konnte er sprechen?
Ein Tier war er gewiss nicht. Nicht in meinen Augen. Er war ein Mensch. Ein ganz Besonderer, der nicht in den Zoo gehörte. Gab es noch mehr wie ihn?
Ein Scheppern ließ mich herumfahren. "Mina?" Es war Rick.
Ich blickte zurück zu dem Aquario, der sich von der Scheibe zurückgezogen hatte und mit langsamen Bewegungen den Heringen folgte. Als würde er sie beobachten oder mit ihnen spielen wollen...
Seufzend zog ich meine Hand zurück und schaltete das Licht aus. "Komme!" 

2 Kommentare

  1. Hey :D
    Und ich habe weitergelesen. Was ist heute los mit mir? xD Ich bin so motiviert, aber weiß nicht wozu und ach, es ist alles sehr dramatisch. xD
    Aber diese Kurzgeschichte! Die ist wirklich sehr toll! Sehr, sehr toll, zu toll! Schreiben! Du musst das Schreiben! O.O Hilfe, ich glaube, ich stehe zu sehr auf Wasser und diese Idee und O.O
    Ich will auch selber mal unbedingt was mit Unterwasserlebewesen schreiben, im Moment noch eher als FF gedacht und so ganz will ich mich von dieser Idee nicht lösen... Vielleicht was Ariellmäßiges. xD
    Aber gut, uninteressant oder so.^^ Ich mag die Idee mit dem Aquario auf jeden Fall sehr! Und die Szene mit der Hand an der Scheibe! Und wie er den Kopf schief legt! Ahhh, ich will das, jetzt! ;D
    Wünsche dir auch hier viel Spaß, wenn du das umsetzen wirst. :D
    LG

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    1. Hey!
      Ich stell mir gerade vor, wie du total augeregt durch die Gegend hüpfst xD
      Die Szene an der Scheibe liebe ich auch . Davon wirds definitiv mehr geben :D

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Vielen Dank für jedes Kommentar.