[52/52-Challenge] Gejagt

Sonntag, 15. Februar 2015 | Kommentieren
Mich hat mal wieder ein Plotbunny überfallen :)

Stichwort: Jäger
Wörter: 871

Gejagt

Laufen. Immer weiter. Fort. Immer ferner. Einfach laufen.
Das Herz rast, der Atem geht rasselnd. Kein Schritt mehr weiter. Taumelnd kommt er zum Stehen. Seine Beine brennen. Kein Schritt mehr, unmöglich. Seine Hand sucht Halt an einem der Bäume, greift ins Leere. Seine Knöchel schaben über die raue Rinde. Haut reißt auf, doch Schmerz spürt er nicht. Nicht mehr.
Erneuter Versuch, dieses Mal erwischt er den Stamm, taumelt zwei unbeholfen-winzige Schritte darauf zu und lässt sich mit dem Rücken dagegen sinken, als seine Beine drohen, endgültig nachzugeben.
Er muss weg. Weit weg.
Die Bilder verschwimmen vor seinen Augen. Er versucht, seine Umgebung zu fokussieren. Versucht, mehr zu erkennen, als unscharfe braune Striche und verschiedene grüne Flecken, die ineinander verschwimmen. Er weiß, dass es ein Wald ist, weiß von den Bäumen und dem Moos am Boden, aber erkennen kann er es nicht.
Hastiger Atem, kaum genug Luft in den Lungen. Rasende Herzschläge trommeln in seinen Ohren. Er versucht, zu hören. Die Geräusche des Waldes, die Schritte seiner Verfolger. Irgendetwas. Keine Chance.
"Lauf."
Die Stimme seines Onkels klingt noch dumpf in seiner Erinnerung. Der Tod seiner Familie, die Bisswunde an seinem Arm, die angeblichen Wölfe im Wald - die Gedanken überschlagen sich. Er kennt die Wahrheit über die Wölfe. Hat die Männer gesehen, die kamen, und die grauen Wölfe, als die sie gingen. Die Jäger seiner Heimat, die ihnen folgten.
Er erinnert sich. Jetzt. Endlich.
Zu spät.
Jäger jagen Wölfe. Jäger jagen ihn. Er ist kein Wolf. Oder?
Kurzer Stich, der seinen Atem stocken lässt. Angst. Was, wenn er doch einer ist? Haben sie Recht? Dürfen, nein, müssen die Jäger ihn töten?
Nein. Er will leben. Mit Wolf oder ohne. Egal. Nur leben.
Moment. War da etwas? Ein brauner Fleck, kein Strich. Bewegt. Er kneift die Augen zusammen, versucht zu erkennen. Konturen werden deutlicher.
Verdammt!
Er stößt sich vom Baum ab, taumelt einige Schritte durch das Unterholz. Fängt wieder an zu rennen. Trotz brennender Beine. Trotz fehlender Luft in den Lungen. Trotz unklarem Blick.
Unvergossene Tränen sammeln sich in seinen Augen. In einer harschen Bewegung wischt er sie fort. Er wird nicht weinen. Tränen helfen nicht. Es wären nie genug, um darin unterzutauchen und zu entkommen.
Klare Gedanken lösen sich mehr und mehr auf. Er bekommt kaum noch Luft. Die farbigen Flecken vor seinen Augen beginnen zu tanzen.
Nicht zusammenbrechen. Sie werden dich kriegen.
Weiterlaufen. Bloß nicht stehenbleiben.
Seine Beine spürt er kaum noch. Alles taub. Nicht einmal seine schmerzenden Lungen spürt er noch. Sinne schalten ab.
Er braucht Ruhe. Luft. Er muss atmen. Aber er kann nicht stehen bleiben. Darf nicht. Muss weiterlaufen. Wo soll er eigentlich hin? Wo ist er? Was, wenn er nur im Kreis gelaufen ist?
Plötzlich kein Boden mehr unter den Füßen. Seine Zehen bleiben an einer Wurzel hängen. Im nächsten Moment findet er sich zwischen Blättern und Moos wieder. Der Schmerz ist auch wieder da. Hastig zieht er Luft in die Lungen. Stemmt sich zurück auf die Beine. Der rechte Fuß gibt nach. Er fängt sich gerade noch rechtzeitig an einem Baum. Wie soll er mit nur einem Fuß laufen?!
Viel langsamer humpelt er weiter. Wohin? Keine Orientierung mehr.
"Reyn!" Er erstarrt. Die Stimme ist direkt hinter ihm. "Reyn", wiederholt sie. Noch näher.
Er sinkt gegen einen weiteren Baum, dreht sich um.
Vorbei.
Der Mann steht ihm gegenüber, vielleicht acht Schritte entfernt, die Flinte im Anschlag. Onkel. Das Wort kommt ihm nicht über die Lippen. Er ist ein Jäger. Gewusst hatte er es. Irgendwie. Dennoch tut die Erkenntnis weh. Ausgerechnet er.
"Reyn." Wieder sein Name, so viel leiser dieses Mal.
Er kommt näher. Keine Regung.
Er bleibt genau vor ihm stehen. Der Blick sinkt ergeben zu Boden.
Eine warme Hand an seiner Wange, in der anderen die Flinte.
"Reyn. Lauf."
Er hebt den Blick. Fragend, ungläubig. Er kann nicht mehr laufen. Er wird ihnen nicht entkommen.
Der Jäger tritt zurück. "Lauf", wiederholt er. "Lauf weg und komm ja nicht wieder."
Meint er es ernst? Lässt er ihn gehen?
Er muss es wagen.
Langsam löst er sich von dem Stamm und humpelt los. Wirft immer wieder Blicke zurück. Der Jäger bleibt.
Noch einmal bleibt er stehen, der Atem deutlich ruhiger, das Herz weiter rasend. "Warum?"
"Für deinen Vater", sagt er nur. Ja, sein Onkel. Nicht nur der Jäger. Dann hebt er die Flinte und schießt. Einmal. Zweimal. Immer wieder schallen die Schüsse durch den Wald.
Er humpelt davon. Weit fort. Irgendwohin. Vielleicht findet er die Wölfe.
Oder sie finden ihn.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Vielen Dank für eure Kommentare!