[52/52-Challenge] Sünde

Montag, 29. Dezember 2014 | Kommentieren
Heute geht es ganz schnell weiter. Der Kerl des heutigen Textes wollte einfach raus und gehört werden, ohne Widerrede. Und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass von ihm noch mehr kommt. Vielleicht versteht ihr meine Faszination an seiner Figur, nachdem ihr den folgenden Text gelesen habt ;)

Stichwort: Gott
Wörter: 872

Sünde

Am sechsten Tag schuf Gott den Menschen nach seinem Abbild, einen Mann und eine Frau. Und Gott sprach: "Vermehret euch und bevölkert diese Erde. Ich vertraue euch an, was auf ihr lebt: Die Vögel in der Luft, die Fische im Wasser und die übrigen Tiere an Land. Den Wald mit seinen Bäumen, die Wiesen mit ihren Blumen und all die übrigen Pflanzen. Gehet sorgsam mit ihnen um."
Und Gott besah sich alles, was er geschaffen hatte und er sah, dass es gut war. So ging der sechste Tag zu Ende.

Dumpfe Schritte, die in den Weiten des Kirchenschiffs widerhallten. Eine Erinnerung, verblassend wie der Rest eines Lebens, an das er sich zu klammern versuchte. Ein Leben, das ihm mit jeder Stunde, die verstrich, unwirklicher erschien.
Beinahe vollkommen lautlos waren nun die Schritte, mit denen er zwischen den Bänken hindurchging. In seinem Rücken erhob sich auf einer Empore die mächtige Orgel. Er erinnerte sich noch gut an die vollen Klänge, mit denen sie zu Gottesdiensten die Kirche füllte. Keiner konnte sich dieser göttlichen Musik verschließen, keiner hob nicht den Blick, wenn sie zum ersten Mal erklang.
Nun schwieg sie. Eine stille Anklage, obgleich er nichts für das konnte, was geschehen war. Zumindest versuchte er, sich das einzureden.
Es gelang ihm nicht.
Neben der vordersten Bank verharrte er unschlüssig. Vor ihm erblickte er den Altar mit einer Darstellung des gekreuzigten Christus darauf. Dahinter erhob sich eine prächtige Retabel - die heilige Jungfrau Maria mit ihrem Kind im Zentrum und an den Seiten die Apostel, alle akribisch geschnitzt und mit Blattgold und kräftigen Farben verziert. Er erkannte die feinen Kerben an den Figuren, die die Werkzeuge hinterlassen hatten. Eigentlich unsichtbar, doch für ihn nun so deutlich zu erkennen wie die Figuren selbst.
Zögerlich ließ er sich auf die Bank sinken, stützte die Ellenbogen auf seine Knie und legte das Kinn auf die Handrücken. All das fühlte sich so unwirklich an, absonderlich, unbegreiflich. Er konnte nicht fassen, was seit letzter Nacht mit ihm geschehen war. Zu was hatte diese gottesferne Kreatur, dieser teuflische Dämon ihn gemacht?
Sein Blick hob sich zur Figur des Gekreuzigten. Er fühlte sich fehl an diesem Gott verbundenen Ort. Er, der sein Leben in die Hände des Herrn gelegt hatte, und nun kaum mehr als ein Wesen reiner Sünde war. Sollte er sich verraten fühlen? Hintergangen? Galt die Unantastbarkeit der göttlichen Entscheidung auch für ihn, der nur noch die Hülle eines von Gott geschaffenen Wesens trug?
Im Buch Genesis der Heiligen Schrift hieß es untrüglich, dass Gott in den ersten fünf Tagen die Welt schuf. Am sechsten Tag formte er den Menschen, am siebten, dem heiligen Tage, ruhte er. Wo blieb in dieser Geschichte sein Platz? Wo gehörte er hin, halb tot, halb lebendig - halb Mensch?
Er schreckte auf, als sich eine der Seitentüren öffnete.
"Ah, Markus, mein Sohn, ich hatte bereits gefürchtet, dir sei etwas zugestoßen, als du heute morgen nicht zum Gottesdienst erschienst", begann der Priester sofort, als er ihn erblickte.
Hastig stand er auf und taumelte zwei, drei unbeholfene Schritte rückwärts. Ein rasendes Verlangen ließ seinen Hals brennen. Seine Hand umfasste seine Kehle, konnte jedoch nichts ausrichten.
"Was hast du? Geht es dir nicht gut? Deine liebe Mutter schien heute Morgen reichlich besorgt. Wenn du krank bist, solltest du dich ins Bett legen. Der Herr wird deine Gebete an jedem Ort hören."
Der Priester folgte ihm mit besorgtem Bick auf seiner taumelnden Flucht rückwärts. Seine Mutter... sie hatte ihn ebenso angesehen. So besorgt, so gleichzeitig hilflos.
'Oh Herr, bitte schenke ihr einen Platz an deiner Seite. Sie folgte immer treu dem Glauben. Strafe sie nicht für meine Sünde.'
"Markus, sag doch etwas. Du siehst blass aus. Setze dich besser, bevor du mir noch zusammenbrichst." Der Priester überbrückte die letzte kurze Distanz, legte einen Arm an seine Schulter und wollte ihn zu einer der hölzernen Bänke dirigieren.
"Nein!" Panisch wich er weiter zurück. War das eben seine Stimme gewesen? So rau, so verängstigt. So voller unerfüllter Sehnsucht.
Mächtig erhob sich die Orgel nun genau über ihm, doch ihm war der Blick für ihre Schönheit abhanden gekommen.
"Markus, mein Sohn!" Wieder folgte er ihm. Wieder ergriff er seinen Arm. Warum begriff er nicht?
Sein Blick suchte den des Priesters, sah Fragen und tiefe Sorge. Halten konnten sie ihn nicht. Beinahe magisch, fern jedes Göttlichen, wurden seine Augen von dem sanften Pulsieren am Hals des Priesters angezogen und verharrten dort. Bumm-bumm. Bumm-bumm. Bumm-bumm. Magisch. Hypnotisierend.
"Markus?"
Er erstarrte, als er die dämonische Macht in sich spürte, das reißende Verlangen, unmenschlich, unbezwingbar.
"Vergib meine Schwäche, Herr."

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