[52/52-Challenge] Die Musik in mir

Sonntag, 28. Dezember 2014 | Kommentieren
Nach langer Zeit sind die Ideen endlich wieder da und es gelingt mir sogar, sie in vernünftige Texte zu bannen. Endlich. Ich weiß gar nicht, wie lange ich darauf gewartet habe.
Jedenfalls geht es damit auch endlich mal mit der Challenge weiter.

Stichwort: Gedanke
Wörter: 993

Die Musik in mir

Die letzten Töne sind längst verklungen. Die letzten Zuschauer haben den Saal verlassen. Auch die Musiker sind nicht mehr hier. Joe, der Gitarrist, hatte ihn zu einem Bier mit den anderen Jungs eingeladen, aber er hatte abgelehnt. Nicht, dass er die Jungs nicht mag. Sie sind seit fast einem Jahr zusammen auf Tour. Aber er hat keine Lust.
Vergleicht er mit den letzten Gigs, war es nur ein kleines Konzert. Nur für ausgewählte Gäste. Die Karten hatte es bei irgendwelchen Radiosendern und Teenie-Zeitschriften zu gewinnen gegeben, nicht im offenen Verkauf. Geändert hat das für ihn nichts. Ein Konzert wie jedes andere, ein bisschen kleiner vielleicht, und doch so Kräfte zehrend wie all die anderen.
Immerhin ist nun wieder eines geschafft.
Heute ist ihr letzter Tag in dieser Stadt. Morgen würden sie fort sein. Neue Bühne, neue Stadt, neues Land. Hunderte Kilometer weit weg. Neues Hotel, neue Leute, neue pseudoverliebte Teenager.
Immer die gleichen Lieder. Das aktuelle Album nervt ihn nur noch.
Dem Produzenten hatte er gesagt, dass die Songs nicht nach ihm klingen. Nicht wie früher. Alles neu, alles besser. Na klar. Seine eigenen Texte interessieren niemanden mehr.
Noch fünf Konzerte, dann ist die Tour vorbei. Noch ein paar Fernsehauftritte. Noch eine Charity-Gala.
Mit etwas Glück würde er in vier Monaten endlich eine Pause einlegen können.
Bis zum nächsten Album. Der nächsten Tour.
Und dann sind da ja noch die ganzen Fans, die News von ihm wollen, die Interviews und noch mehr Fernsehsauftritte.
Und die Paparazzis, richtig, an die hat er noch gar nicht gedacht. Als würden die ihn jemals in Frieden lassen.
Er schiebt eines der lästig gewordenen Kuscheltiere zur Seite und lässt sich von der Bühne rutschen, an deren Rand er bis eben gesessen hatte. Seine Schritte klingen dumpf in dem leeren Saal, der vor nicht einmal zwei Stunden eng wie eine Abstellkammer schien. Im Halbdunkel erkennt er die hintersten Wände kaum.
Kleines Konzert und doch über Hundert Fans.
Es ist so gänzlich anders als seine Anfänge. Nichts hat dieser Saal mehr gemein mit der kleinen verrauchten Kneipe, in der er zum ersten Mal aufgetreten ist. Oder mit der zugigen Sperrholzbühne auf dem Stadtfest, bei der er ständig Angst gehabt hatte, einzubrechen. Oder mit der Bar, in die ihn der Türsteher nicht hatte reinlassen wollen, weil er damals jünger aussah, als er tatsächlich war.
Die Erinnerungen zaubern ein kurzes Lächeln auf seine Lippen. Nicht einmal zehn interessierte Zuhörer waren es am Angang gewesen. Und heute?
So genau erinnert er sich an die ersten Songs, die ersten Auftritte, die ersten Fans, während die vielen Konzerte auf den großen Bühnen der Welt in einem einzigen flackernden Nebel verschwinden. Gemeinsam mit ihr.
Irgendwann bei einem der ersten kleinen Konzerte war sie aufgetaucht, ganz vorn in der ersten Reihe. Ihr Strahlen hatte ihm die Worte seiner neuen Songs geschenkt und die Stimme, um sie mit ganz neuem Gefühl zu singen. Er hatte dafür gelebt, sie auf jedem einzelnen Gig wiederzusehen. Hatte die Zeit auf der Bühne, die Zeit vor ihr, genossen, wie nichts, was er zuvor gekannt hatte. Hatte stets Blicke mit ihr getauscht und nicht selten geglaubt, dass mehr hinter diesem wunderschönen Lächeln lag, als sie ihm zeigen konnte.
Nach jedem Konzert hatte er auf sie gewartet - auf der Bühne, an der Bar, am Ausgang. Wo immer er gewesen war, sie war fort gewesen. Unauffindbar. Und doch tauchte sie bei jedem Konzert wieder auf, egal, wo er gespielt hatte.
Bis vor einem Jahr, drei Monaten und achtundzwanzig Tagen.
Auf den Tag genau erinnert sich an das erste Konzert ohne sie. Und an die vielen, die ihm folgten. Sie war fort, einfach so. Verloren gegangen auf seinem einsamen Weg nach oben.
Wiedergesehen hat er sie bis heute nicht.
Vielleicht will deswegen keiner mehr seine Texte. Sie sind trauriger geworden, düsterer. Nicht mehr der fröhliche Pop-Rock-Mix, mit dem er begonnen hat und den er widerwillig weiterhin spielt.
Er seufzt, sieht sich ein letztes Mal im Saal um und kehrt ihm schließlich den Rücken. So viele vor ihm haben es getan. Haben ihn verlassen, sich von ihm abgewandt, sind gegangen. Was hält ihn davon ab, es ihnen gleichzutun?
Die Musik, die er so liebt, die ihn zusammenhält. Die Musik, die er nicht mehr spielen kann, weil sie ihn an sie erinnert. Die Musik, die er nicht spielen darf, weil es nicht die ist, die ihn berühmt gemacht hat.
Die eisige Nachtluft kühlt ihn ab, als er das Theater verlässt. Er zieht die Jacke enger um sich und die Mütze tiefer ins Gesicht. Um diese Zeit ist kaum noch jemand auf den Straßen. Er könnte sich ins Hotel fahren lassen oder in den Club, in dem die Jungs sind, doch weder ist er müde, noch hat er das Bedürfnis nach Gesellschaft. Selbst der dunkle Schatten hinter ihm, sein Bodyguard, ist ihm zu viel.
Im Licht der Straßenlaternen funkeln die Tropfen vom letzten Regen. Ein bisschen riecht es noch danach.
Er schiebt die Hände in die Taschen und läuft los. Ziellos, einfach irgendwohin. Um nachzudenken, vielleicht Pläne für die Zukunft zu schmieden, vielleicht von dem namenlosen Mädchen zu träumen.
Ob seine alte Musik, die Songs von damals, die Konzerte in kleinen Bars und auf zugigen Stadtfestbühnen sie zurückholen könnten?

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Vielen Dank für eure Kommentare!