[52/52-Challenge] Taub

Montag, 29. September 2014 | Kommentieren
Ich möchte nicht behaupten, dass ich meine Schreibblockade endlich los bin, aber die Worte, die mir geblieben sind, haben wenigstens für eine neuen Challenge-Text ausgereicht.

Stichwort: Nacht
Worte: 810

Taub

Sand knirscht unter meinen Sohlen, als ich den Garten durchquere. Am Tor verharre ich einen Augenblick, atme die kühle Nachtluft tief ein und ganz langsam wieder aus. Das Tor quietscht, als ich es öffne. Ich schaudere bei dem Geräusch. Es ist unpassend. Viel zu laut.
Feuchte Grashalme streifen die bloße Haut zwischen meinen Schuhen und der Hose. Ich spüre die feine Gänsehaut, die sich bildet.
Einige Meter hinter dem Gartentor hebt sich ein Hügel sanft unter der Grasdecke. An seinem höchsten Punkt lasse ich mich ins Gras sinken.
Noch vor ein paar Jahren erstreckten sich Felder bis zu dem kleinen Wäldchen weit hinten am Horizont. Heute ist nur noch eine weite Wiese zurückgeblieben, auf der man mit etwas Glück in den frühen Morgenstunden die Rehe beim Grasen beobachten kann.
Bald schon werden die Bagger hier sein. Die Stadt wächst und Wachstum braucht Platz. Wiesen gibt es anderswo zur Genüge. Oder?
Ich atme tief durch und schaue hinauf zum Himmel. Ein dunkles Meer mit unendlich vielen funkelnden Lichtpunkten. Ein einzelner löst sich, zieht einen brennenden Schweif hinter sich her.
Seufzend sehe ich ihm nach. Wende meinen Blick schließlich ab.
Es ist bald zwei Jahre her und doch fühlt es sich wie wenige Tage, wenige Stunden an. Ein Wunder, das war es gewesen, in jener sternenklaren Nacht, die der heutigen so sehr gleicht, dass in mir der Wunsch keimt, sie zu wiederholen. Dich zurückzuholen.
Dummer Wunsch. Dumme Hoffnung.
Du wirst nicht zurückkehren. Niemals. Es sei denn ... Aber nein. Falsche Hoffnung.
So genau erinnere ich mich, wie du vor mir standest. Es war dunkel. Nur der Mond am Himmel - kaum mehr als eine schmale Sichel - und abertausend Sterne. Du warst ihr Kind. Deine Augen tiefblau wie die Nacht. Dein Haar mit seinem sternengleichen Schimmer in einem Hauch von Gold. Deine Haut fast mondfarben.
Du lächeltest mich an und ich lächelte zurück. Ganz automatisch. Einfach so. Ich wusste nicht, wer du warst. Weiß es noch immer nicht. Und doch fühlte es sich an, als kannte ich dich schon mein ganzes Leben. Vielleicht war es so, vielleicht warst du der Stern, der in jener Nacht vom Himmel fiel und doch wieder nach Hause zurückkehrte.
Vielleicht schaust du genau in diesem Moment zu mir hinab und lächelst über meine dumme Sehnsucht.
"Darf ich dich etwas fragen?", hast du mich irgendwann in der Nacht gefragt, als wir gemeinsam im Gras saßen und hinaus in die Nacht blickten.
Ein Nicken und wieder ein Lächeln. "Alles."
"Jeden Tag höre ich die Erde weinen. Sie hat Schmerzen und fürchtet sich vor der Zukunft. Warum hört ihr Menschen ihr nicht zu? Ihr könnt sie heilen."
Ich schwieg einige Zeit. Bedrückt. Lauschte in die Nacht hinein. War dort ein leises Wehklagen im Hauchen des Windes? Lag in dem Schrei des nachtschwärmenden Vogels ein Schmerz, der selbst den Himmel zum Weinen bringen konnte? War das Wiegen der Gräser nicht dem Wind geschuldet sondern dem ängstlichen Zittern der Erde?
Nein, all das war Einbildung. Ich hörte nicht mehr, nichts anderes, als in unzähligen Nächten zuvor. Und doch kam ich mir dumm vor. Schrecklich dumm, denn als ich dich sah, dachte ich an mich. An meine Gefühle. An nichts anderes. Ich hatte es immer getan. Tue es noch heute manchmal. Ganz besonders, wenn die Nächte klar sind und ich mir vorstellen kann, dass du zurückkehrst.
Meine Gefühle. Ich. Mehr war nicht von Bedeutung.
"Es ist zu leise", antwortete ich schließlich, obwohl ich nicht sagen konnte, ob ich es hören könnte, wenn es lauter wäre.
Wieder lächeltest du. Traurig. "Ihr müsst zuhören."
"Haben wir es verlernt?", wollte ich von dir wissen, denn ich konnte nichts hören.
Du standest auf. Gingst ein paar Schritte. Deine Antwort war leise, doch voller Überzeugung. "Nein." Weitere Schritte, fort von mir.
"Du gehst? Kommst du wieder?"
Ein letzter Blick zurück. "Wenn du dich erinnerst zu hören, wirst du lernen zu sehen."
Im nächsten Moment warst du fort. Einfach so, heimlich. Wie du gekommen warst.
Wieder seufze ich, blicke unentwegt hinauf zum Himmel. Eine Sternschnuppe brachte dich zu mir. Vielleicht ist sie heute verglüht. Vielleicht gelang es ihr, zu den Sternen zurückzukehren.
Vielleicht kommst du eines Tages zurück. Wenn ich gelernt habe, zu hören.

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