[52/52-Challenge] Apokalypse

Sonntag, 24. August 2014 | Kommentieren
Stichwort: Engel
Wortzahl: 1519

Apokalypse
Blitze zuckten über den Himmel. Blutrote Schlieren zogen sich zwischen den finsteren Wolkenbergen hindurch. Stürme fegten über die Einöde, die noch vor kurzem eine Stadt der Menschen gewesen war. Nun erinnerte kaum noch etwas daran. Verkohlte Gerippe erhoben sich zwischen Schutt und unzähligen toten Leibern. Ihr Blut formte eine klebrige Decke über der Zerstörung. Verbergen konnte sie nichts.
Er sah sie fallen, die sogenannten Gotteskrieger. Ihre Körper rasten dem Boden entgegen, auf dem sie leblos liegen blieben. Er wusste, dass sie schon lange vor dem Aufprall tot gewesen waren.
Langsamen Schrittes überquerte er das Feld, stieg über verkohlten Schutt, nutzlos gewordene Waffen und Leichen. Manchen von ihnen konnte er ansehen, was sie einst gewesen waren. Hier ein verbrannter menschlicher Körper, der zu einem Soldaten gehört haben konnte. Dort die sterblichen Reste eines Gotteskriegers. Die Flügel des Engels waren mehrfach gebrochen und mit Blut getränkt, vielleicht von seinem Sturz, vielleicht war er bereits im vorhergehenden Kampf gefallen. Direkt neben ihm entdeckte er einen Aschehaufen in Form eines Körpers. Ein Schwert steckte in seiner Mitte. Lediglich zwei gebogene Hörner und etwas, das Krallen gewesen sein konnten, wies noch darauf hin, dass dies die Reste eines Dämons waren.
Er wandte den Blick von den Toten ab. Soweit er sehen konnte, gab es kein intaktes Gebäude mehr, keine Straße, keine Pflanze, kein Leben. Alles war vernichtet worden. Es gelang ihm nicht, sich darüber zu freuen. All die Jahrhunderte hatte er darauf gewartet, sich endlich frei auf der Oberfläche bewegen zu können, doch solange Gott darüber gewacht hatte, war es ihm ebenso unmöglich gewesen wie Tausenden anderen. Nun war all das vergangen. Gottes Macht an diesem Ort war gebrochen. Jetzt konnte er sich frei bewegen, doch es war nicht so, wie er es sich erträumt hatte.
Die Erde war nicht die, von der er geträumt hatte. 
Sie war nur noch eine billige, kühlere Kopie seiner verhassten Heimat.
Er trat eine Pistole beiseite, die klappernd irgendwo zwischen den Toten landete. Er begriff nicht, was dieser Krieg gebracht hatte. Sie hatten gewonnen und die Hölle würde sich über unzählige neue Seelen freuen. Einige davon absolut rein, wie sie nur aus dem Himmel stammen konnten. Doch das Ziel, das, wofür er und all die anderen gekämpft hatten, war unwiederbringlich verloren. Die Welt, nach der sie sich gesehnt hatten, existierte nicht mehr.
Er wischte sich die blutigen Hände an der Hose ab, als er etwas hörte, das nicht so recht zu dem Bild der Zerstörung passen wollte. Ein leises Klopfen, das selbst für seine empfindlichen Ohren kaum zu hören war.
Er sah sich um. Woher kam es? Es war nahezu unmöglich, dass jemand diesen Krieg überlebt hatte. Jemand, der kein Dämon oder Höllenfürst war, denn Wesen der Hölle besaßen keinen Herzschlag.
Neugierig folgte er dem Geräusch. Es führte ihn zu einer grotesken Ansammlung gestapelter Leichen. Er zog die erste beiseite, dann die zweite, ohne den Körper mit dem schlagenden Herzen zu finden. Er wusste nicht einmal, warum er nach ihm suchte. War es der absurde Wunsch, doch noch etwas von der Welt bewahren zu können, nach der er sich gesehnt hatte?
Endlich hatte er sich zu dem kleinen Körper vorgearbeitet. Er hatte ganz unten unter all den Leichen gelegen. Es war ein menschlicher Junge, kaum älter als sechzehn. Trotz seiner Verletzungen und gebrochenen Knochen schlug sein kleines Herz tapfer weiter. Blond-blutiges Haar klebte ihm im Gesicht. Er war nicht bei Bewusstsein, doch er lebte.
Vorsichtig schob er seine Arme unter den zerbrechlichen Körper. Als er ihn hochhob, spürte er Blut, das die Ärmel seines Mantels durchtränkte. Schmerzerfüllt stöhnte der Kleine auf, als seine Finger die tiefen Wunden ertasteten.
So sanft er konnte, setzte er ihn wieder auf den Boden und beugte seinen Oberkörper nach vorn. Tatsächlich hatte der kleine Mensch zwei tiefe Löcher auf seinem Rücken. Löcher wie... Erschrocken sog er die Luft ein, als ihm klar wurde, dass es kein Menschenjunge war, den er in seinen Armen hielt. Es war ein erstaunlich junger Engel. Jünger als alle, die er jemals gesehen hatte. 
Ein Engel ohne Flügel.
Sie waren ihm abgetrennt worden. Regelrecht herausgeschnitten aus seinem zierlichen Körper. Zerfetzte Haut hing dort, wo einst seine Flügel gewesen waren. Nicht eine einzige Feder war ihm geblieben.
Er begriff nicht, warum er Mitleid mit ihm hatte. Er hasste Engel. Hatte sie immer gehasst. Sie waren der Inbegriff von allem, was er verabscheute. Was hatten sie schon? Flatterten singend durch die Gegend und faselten von unbändiger Liebe und ewigem Frieden. Diese Witzfiguren hatten nicht einmal eine eigene Persönlichkeit. Sie waren alle gleich und rannten einem Greis hinterher, der sich "allmächtig" und "gnädig" schimpfte, dabei hatte er kein einziges Mal eingegriffen, während seine Diener abgeschlachtet worden waren.
Trotzdem brachte er es nicht fertig, den Jungen zu töten. Seltsamerweise weckte er nicht den Hass in ihm, den derlei Wesen normalerweise in ihm hervorriefen. Vermutlich müsste er ihn auf der Stelle ermorden, immerhin war der Kleine ein Gotteskrieger. Doch Engel hin oder her, er war das einzige, das ihm von dieser blühenden Welt geblieben war. Von der Welt, in der er hatte leben wollen.
Vorsichtig hob er den Jungen hoch und ging mit ihm weiter über das Feld. Vereinzelt erkannte er Dämonen, die sich an den Leibern der Toten weideten. Blut lief ihnen über die aufgerissenen Schnauzen und klebte an ihren Klauen, länger als sein Unterarm.
Er spürte eine hauchzarten Berührung an seiner Brust und als er den Blick senkte, sah er die Hand des kleinen Engels, die sich blind über seine Haut tastete. Er verlagerte das Gewicht des Jungen und strich ihm mit einer Hand die von Blut durchtränkten Haare aus dem Gesicht. Seine Augen unter den geschlossenen Lidern bewegten sich unruhig, dann öffnete er sie. 
Himmelblau begegnete Blutrot. 
Er zeigte keine Angst, wie er es erwartet hatte. Er war ein Höllenfürst, ein persönlicher Diener Luzifers. Und doch lächelte der kleine Engel entrückt und legte den Kopf gegen seine Brust.
"Du bist gut." Es war nur ein Hauch. Noch während er versuchte zu begreifen, schloss der Junge wieder die Augen.
Er war nicht gut. Unter keinen Umständen. Er war ein Gesandter der Hölle. Lüge, Mord und Folter waren sein Geschäft. Dennoch hatte er Mitleid mit dem Engelsjungen gezeigt. Mitleid, das er nicht haben durfte, aber ebenso wenig verleugnen konnte.
In einer Senke voll verkohlter Erde setzte er ihn ab. Um ihn herum tobte weiterhin das Chaos. Tote Engel fielen nicht länger vom Himmel, der nun regelrecht zu bluten schien. Es war nichts, was ihn fröhlich stimmen konnte. Er konnte nicht ändern, was er war, aber insgeheim hatte er die Menschen für die Welt, in der sie leben durften, beneidet. Übrig geblieben war nichts davon.
Sanft fuhr er strich er dem kleinen Engel über den Rücken, an den Stellen, die nicht aufgerissen waren. Die Wunden hatten aufgehört zu bluten und begannen bereits, sich zu schließen. Glatte Haut wie die eines Menschen, mit einem kaum spürbaren Flaum. 
Er stutzte, besah sich seinen Rücken genauer. Tatsächlich hatte sich an jenen Stellen, an denen tiefe Löcher in sein Fleisch gerissen worden waren, hauchzarter Flaum gebildet. Und dort, vom Blut an seine Haut geklebt, entdeckte er eine letzte Feder, die er zuvor nicht bemerkt hatte und die ihn jetzt lächeln ließ.
Er war nicht "gut", wie der Junge behauptet hatte, aber er erkannte Zeichen wie dieses. Noch war nichts verloren. Es war nicht die Welt, die zerstört worden war. Es war ein Landzug, von dem es weitere gab. Es fiel ihm erstaunlich leicht, das zu erkennen, was er zuvor nicht hatte greifen können.
Was es für ihn bedeutete, wusste er nicht, aber eines wurde ihm klar, während er in der Senke hockte, den kleinen Engel im Arm, und seinen Blick schweifen ließ: Er war nicht in den Krieg gezogen, um seinen Traum zu zerstören. Es wurde Zeit, von dem vorgezeichneten Weg abzuweichen. An Schicksal hatte er nie geglaubt. Jetzt würde er nicht damit anfangen.

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