[52/52-Challenge] Ein Tag im November

Mittwoch, 11. Juni 2014 | 2 Kommentare
Heute habe ich für euch meinen ersten Challenge-Beitrag zu "52 Worte - 52 Geschichten". Mein dafür genutztes Stichwort ist "Verlust" und der Text hat 560 Wörter.

Ein Tag im November

Es war ein Tag im November, als ich dir zum ersten Mal begegnete. Grauer Nebel wallte durch die Gassen, darüber ein ebenso grauer Himmel, der keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht mehr zu machen schien.
Es war kalt, an jenem Tag im November. Kalt und einsam.
Du saßt auf der Treppe vor dem Haus deines Vaters. Beobachtest, wie ein Karton nach dem anderen hinter der großen Doppeltür verschwand. In einem Haus, das nicht deines war.
Ich blickte aus dem Fenster auf die andere Straßenseite. Ich sah nicht das viktorianische Reihenhaus mit dem kleinen Erkerfenster in der ersten Etage, nicht die breite Treppe mit den steinernen Figuren auf dem Geländer, nicht den gepflegten Vorgarten mit dem prächtigen Springbrunnen. Ich sah nicht die Perfektion, die mich Tag für Tag blendete. Ich sah nur dich, das kleine schüchterne Mädchen auf den breiten Stufen. Du wirktest so verletzlich, so verlassen. Du hattest nie hierher kommen wollen. Dein Herz sehnte sich nach den ländlichen Weiten, dem Duft des Waldes und den Gesängen der Vögel. Nun warst du eingesperrt zwischen hohen Mauern und geteerten Straßen.
Du hast so unendlich traurig ausgesehen, als hätte man dir jeden Grund genommen, glücklich zu sein. Du hattest verlernt zu lächeln. Dein Blick suchte erfolglos einen Hauch der Farbenpracht, die du hinter dir hattest lassen müssen. Du sahst eine Vielfalt von Grautönen, hörtest die unterschiedlichen Geräusche von Autos, Straßenbahnen und Bussen und manchmal, wenn du dir seufzend wieder eine deiner langen Strähnen hinter die Ohren schobst und du noch ein Stück kleiner zu werden schienst, glaubte ich, dein Herz ganz leise weinen zu hören.
Du hattest hinter dir lassen müssen, was dir etwas bedeutete, was dich ausmachte. Alles war fort, vergangen, für immer verloren. Als hätte ein Feuer in deinem Leben, in deinem Inneren gewütet und alles vernichtet. Zurückgeblieben war nur die graue Asche, die deine neue Welt überzog.
An jenem Tag im November verschluckte der Nebel alles. Tag und Nacht, Licht und Schatten, Farben und Leben. Selbst dich.
Du hast lange gebraucht, um dich wiederzufinden. Ich versuchte, dir zu helfen, doch es fiel dir unendlich schwer, nicht nur den neuen Ort, sondern auch die neuen Menschen zu verstehen. Alles hatte sich verändert, selbst du.
Lange wolltest du das nicht akzeptieren, nicht wahrhaben. Dein Leben zog an dir vorüber wie ein Film. Einer von der Sorte, die man zurückspulen will, weil einem irgendwann die Handlung und die Darsteller nicht mehr gefallen. Du hättest ihn gern noch einmal von Anfang gesehen oder einfach einen anderen Film gewählt, doch es war zu spät.
Als du das begriffst, war es Frühling geworden. Du standest auf der Treppe vor dem Haus deines Vaters und blicktest auf den kleinen Vorgarten. Klares Wasser plätscherte in dem kleinen weißen Springbrunnen. Eine Amsel hatte sich auf dem Rand des verzierten Beckens niedergelassen und trank ein paar Schlucke, ehe sie ihr Lied von Neuem anstimmte und davonflog. Frühblüher reckten ihre bunten Köpfe den ersten warmen Sonnenstrahlen entgegen. Die Welt strahlte, wie sie es immer getan hatte. Eine sanfte Brise wehte durch die Straßen, blies die letzte Asche davon, die den Winter überdauert hatte.
Und wie du die Treppe herunter und zu mir hinüberkamst, auf dem Weg in einen neuen Tag, sah ich dich lächeln. Ehrlich und aufrichtig. Zum ersten Mal, seit du an jenem Tag im November auf den Stufen eines Hauses gesessen hattest. Dem Haus deines Vaters. Deines Hauses.

2 Kommentare

  1. Hey :)
    Eine sehr traurige und sehr schöne Geschichte.
    Hab selten etwas gelesen, wo eine Person mit ''Du'' bezeichnet wurde. Dafür gibt es sicher einen Begriff, den ich aber leider nicht kenne. Das war also für mich mal was ganz anderes und das ist mit einer der Gründe, warum es mir gefallen hat :)
    Es gefällt mir, wie bildhaft du die Orte und die Umgebung beschreibst und überhaupt, dass du das mitbedenkst. Ich glaube, ich habe zu viele FanFiktions gelesen, in denen das nicht der Fall war xD
    Und ich merke gerade, dass ich einen extremen Smiley-Tick habe o.O
    Mir gefällt auch, wie die den Hintergrund der Geschichte, also das, was das Mädchen fühlt, nur angedeutet hast und dass es trotzdem am Ende klar geworden ist :)
    Und natürlich bin ich auch froh über das Ende, denn es gibt einem ein gutes Gefühl von Hoffnung und einem besseren Morgen.
    Ich wünsch dir viel Spaß beim Schreiben der anderen Geschichten und werde mich jetzt gleich selbst an meine erste wagen :)

    Liebe Grüße :*

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    1. Dankeschön :)
      Für ich war die "Du"-Anrede auch komplettes Neuland, aber es wollte einfach raus ;)

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