[52/52-Challenge] Regentanz

Dienstag, 17. Juni 2014 | 2 Kommentare
Wieder ein Beitrag zu 52/52 - Challenge. Dieses Mal zum Stichwort "Tropfen".

Regentanz

Sie tanzt im Regen.
Tausend zarte Tropfen fließen über ihre Haut. Hundert Wasserkristalle verfangen sich in ihren langen dunklen Jahren. Zehn silbrig schimmernde Perlen hängen in ihren Wimpern. Einen wässrigen Diamanten trägt sie auf ihrem Finger, betrachtet ihn, lässt ihn nach links rutschen, nach rechts, lässt ihn über ihre Hand rinnen, um ihn schließlich wieder auf der Kuppe ihres Zeigefingers zu balancieren.
Sie betrachtet ihn, schaut ihn an. Ihn, den einen unter tausend anderen. Ihre zarten Züge spiegeln sich auf seiner Oberfläche. Sie wendet den Finger, sieht zu, wie er erst länger wird und schließlich hinabtropft. Im freien Fall wird er wieder einer von vielen, einer von den anderen, und verschwindet im Gras.
„Einer von vielen. Untergegangen im Meer der anderen. Allein bedeutungslos“, hallt es in ihrem Kopf. Sie löst ihren Blick von den Tropfen, dreht sich, dass ihre Haare zu fliegen beginnen, reckt das Gesicht dem graublauen Himmel zu. Tropfen trommeln auf ihr Gesicht und rinnen über ihren schlanken Hals.
Nässe und Kälte fühlt sie nicht. Das Wasser ist ihre Reinigung, ihre Befreiung von der Last, den Sorgen des Tages.
Sie ist untergegangen. Sie ist einer von vielen. Sie ist bedeutungslos.
Die Erkenntnis wiegt schwer auf ihren Schultern, obgleich sie sie längst gefasst hat. Ein jeder, den sie kennt, ein jeder, den sie sieht, sie alle haben ihren Weg, ihre Bedeutung, ihr Leben. Ihnen fällt es nicht schwer, das Wahre vom Falschen abzugrenzen, den rechten Weg zu wählen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie alle kennen nicht den Druck in der Brust, wenn man wieder einmal vor eine Entscheidung gestellt wird. Wenn man gezwungen wird, zu wählen und man doch weiß, dass jede Wahl, egal, wie sie getroffen wird, die Falsche ist. Sie kennen nicht die morgendliche Unsicherheit vor dem Kleiderschrank. Die quälende Frage nach der richtigen Kleidung, der passenden, nicht der, die wieder einmal belustigte Blicke und ablehnende Worte auf sich zieht.
Sie kennen das nicht. Sie behaupten, alles zu wissen über Toleranz und Ablehnung, über Akzeptanz und Ignoranz, über Gleichheit und über Minderheiten. Dabei wissen sie nichts. Sie schmücken sich mit den Federn der Theorie. Die Praxis ist ihnen so fern wie die Sterne, die selbst für jenen Vogel, der am höchsten fliegt, unerreichbar bleiben.
Sie kennen das nicht, denn sie wollen es nicht kennen. Sie lieben ihr behagliches Leben, ihre Freunde und Familien. Sie stehen zu ihren Entscheidungen, weil sie immer auf mindestens eine Art richtig sind. Sie verlassen gern ihr Haus, denn draußen warten Abenteuer, warten neue Entdeckungen und Inspirationen. Sie wollen die Ängste der Einsamen, der Bedeutungslosen nicht verstehen. Dafür müssten sie zu einem von ihnen werden. Wer will das schon?
Freiwillig hätte sie sich nie dafür entschieden. Ohne sie zu fragen, hat jemand beschlossen, sie zu einem Teil dieser grauen Masse werden zu lassen, die niemand wahrnimmt oder – sollte doch einmal jemand ein Auge auf sie werfen – sie wegfegt wie lästigen Staub.
Sie weiß nicht, wann es geschehen ist. Früher war alles gut gewesen. Als sie klein war, im Kindergarten und in der Grundschule. Irgendwann hat es sich geändert. Vielleicht war es nur ein Funken, ein kleiner Tropfen, der es provozierte. Freunde wandten sich ab, manche mitleidig, manche mit einem gehässigen Grinsen. Während um sie herum die Jugend erblühte, blieb sie ein staunender Zuschauer. Kein Teil des Ganzen, obwohl sie gern dazugehören würde.
Aufgegeben hat sie nie, aber allmählich beginnt sie zu akzeptieren. Den winzigen Kreis derer, mit denen sie redet, die Blicke der anderen, ihre Kommentare und ihr Lachen. Sie akzeptiert es, denn es zu ändern, dazu ist sie nicht fähig.
Das Gesicht noch immer gen Himmel gerichtet, öffnet sie die Augen. Irgendwo hinter den Wolkenbergen strahlt die Sonne. Ihr Licht bricht sich in den Kristallen, die zu Tausenden vom Himmel hernieder regnen. Seit geraumer Zeit sind sie nicht mehr allein. Falscher Regen hat sich unter sie gemischt, bricht genau wie sie das schwache Licht, tropft wie sie auf das grüne Gras. Er ist wie sie und doch ist er es nicht. Individuen in einer Masse, die absolut gleich erscheint. Sie ist es nicht.
Ihre Lippen kräuseln sich zu einem schwachen Lächeln.
Sie dreht sich weiter. Dreht sich, um zu vergessen, denn zu mehr scheint sie nicht fähig.
Sie tanzt im Regen und niemand sieht ihre Tränen.

2 Kommentare

  1. Hey :)
    Ist wohl eine Gewohnheit von mir alles zu kommentieren, was ich lese :D Ich finde, irgendwie ist man das demjenigen, der es geschrieben hat, schuldig. Ganz besonders, wenn man sich irgendwie selbst in der Geschichte wiederfindet.
    Dieses Gefühl einer von vielen zu sein. Dieses Gefühl allein und machtlos zu sein. Anders zu sein, ohne dass es jemals jemand bemerken wird. Sich bedeutungslos zu fühlen. Dazu gehören zu wollen.
    In meinem direkten Umfeld gibt es glaub ich auch niemanden, der diese Gefühle vollkommen nachvollziehen kann, deshalb kann ich das Mädchen aus deiner Geschichte sehr gut verstehen und ich finde, du hättest ihre Gedanken und Gefühle nicht besser beschreiben können :)
    Wie du die Umgebung mit dem Regen beschrieben hast und diese Metapher mit dem Tropfen gefällt mir auch sehr gut :D Genauso wie die Stimmung, auch oder gerade weil es eine sehr traurige ist.

    Liebe Grüße :)

    PS: hätte da noch ein paar Fragen ;D 1. Darf ich auch auf Englisch schreiben? 2. Kann ich auch mehrere in Bezug auf die Handlung zusammenhängende One-Shots schreiben? 3. Ich darf die Kurzgeschichten auch noch zusätzlich woanders hochladen, oder? Zur Sicherheit wollte ich das lieber vorher fragen^^

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    1. Hallo!
      Danke :)
      1. Auf Englisch darfst du auch schreiben, aber andere Sprachen sollten es dann wirklich nicht werden ^^ (es sei denn, es geht nur um ein kleines Zitat oder so).
      2. Ja, wie gesagt: Du kannst entweder einzelne Oneshots schreiben oder mehrere Kapitel von einer Geschichte.
      3. Klar, darfst du ^^ Mach ich auch ;)

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Vielen Dank für jedes Kommentar.