[52/52-Challenge] 3.000

Montag, 23. Juni 2014 | Kommentieren
Und wieder gibt es eine neue Geschichte :D
Stichwort: Zukunft
Wortzahl: 1046

3.000

Ich trete aus der Tür und sehe mich um. Der letzte Sturm hat ganze Arbeit geleistet. Auf den Straßen liegt Schutt. Die Wurzeln der unzähligen Pflanzen, die in dem brüchigen Haus gegenüber wucherten, konnten es nun auch nicht mehr vor dem endgültigen Einsturz bewahren. Ich vermute, der Sturm hat die letzten Stützen in der ersten Etage zerbrochen und die beiden oberen Stockwerke haben mit ihrem Gewicht alles zerlegt, was im Erdgeschoss noch intakt war. Wäre nicht das erste Mal. Dass ich nichts von dem Kollaps gehört habe, wundert mich nicht. Der Wind hat laut genug gejault und im Freien alles fortgerissen, was ihm nicht standhalten konnte. Bei zwei-, dreihundert kmh bleibt nicht mehr viel an seinem Platz. Zum Glück war es keiner von den richtig heftigen Stürmen.
Ich strecke mich und schließe die Tür zur Kellertreppe hinter mir. Die Container unter der Erde sind und bleiben die sichersten Quartiere. Ich erzähle das schon seit Jahren, aber mir glaubt man meist erst, wenn die Decke über einem zusammenbricht. „Selbst Schuld“, sage ich mir jedes Mal aufs Neue, auch wenn es mir um diejenigen, die sich nicht schnell genug retten können, leid tut.
Ich bahne mir einen Weg durch den Schutt, der die alte Straße bedeckt. Vereinzelt recken dürre Pflänzchen ihren Kopf durch den aufgebrochenen Asphalt. Feine Ranken ringeln sich über die Steine. Der Bewuchs ist hier erstaunlich gering, wenn ich mir dagegen andere Straßenzüge ansehe, aber auch das irritiert mich nicht. Früher standen hier die sichersten Gebäude der ganzen Gegend, doch auch sie haben mittlerweile ihre Stabilität eingebüßt. Während weite Teile der städtischen Bauten in den vergangen Jahren eingestürzt und längst von aberhunderten Pflanzen befallen sind, geben die Gebäude in dieser Gegend nur langsam nach. Kahle Schuttfelder künden von kürzlichen Zusammenbrüchen; die wenigen Pflanzen in der Umgebung sind von dichtem Staub überzogen.
Über mir segeln zwei Greifvögel. Ihre Namen kenne ich nicht. Am ehesten erinnern sie mich an Adler, aber sie sind fast doppelt so groß und ihr Gefieder ist schiefergrau. Vielleicht waren ihre Vorfahren Adler, schließlich haben sich viele Tiere verändert. Arten sind ausgestorben und andere haben sich verändert. „Evolution“ nannte es mein alter Biologielehrer. Ich glaube ihm nicht. Meiner Meinung nach zieht sich die Evolution über Jahrtausende. Die gravierenden Veränderungen, die sich durch die letzten fünf Jahrhunderte ziehen, können unmöglich alle unter Evolution abgestempelt werden. Selbstverständlich sind die Ozonwerte genauso wie der Wasserpegel deutlich gestiegen, von den Klimaveränderungen ganz zu schweigen. Die radioaktiv kontaminierten Gegenden in Osteuropa will ich gar nicht erst erwähnen. Sicher hat das alles zu den Veränderungen beigetragen, aber es deswegen gleich als Evolution bezeichnen? Daran glaube ich nicht. So schnell kann sich die Genetik ganzer Arten kaum verändern. Ich bin zwar kein Biologe, aber derartige Theorien wollen nicht in meinen Kopf.
Ich streife weiter durch die Straßen und atme, als ich endlich die grünen Stadtgebiete erreiche, tief durch. Hier ist die Luft nicht geschwängert von Staub, der in der Lunge kratzt. Drei, vier Menschen kommen mir entgegen, grüßen mich und wir wechseln ein paar knappe Worte. Auch wenn sie am anderen Ende der Stadt wohnen, kennt hier jeder jeden. Ich habe gehört, früher sollen allein im Zentrum ein paar Tausend Menschen gelebt haben. Heute schaffen wir es im gesamten Stadtgebiet auf knapp einhundertfünfzig.
Den Kollaps der alten Biosphäre haben viele nicht überlebt. Besonders die Alten, Kranken und die Kinder hat es damals erwischt, als der Sauerstoffgehalt rapide sank und die Ozonbelastung im gleichen Pensum stieg. Die heftigen Unwetter, die ich mittlerweile als einfaches Wetterchen abtue, und der endgültige Zusammenbruch dessen, was man damals als Zivilisation betrachtete, tat ihr übriges, um die Bevölkerung zu dezimieren.
Jedes Mal, wenn ich daran denke, bin ich froh, es nicht miterlebt zu haben. Internet, Telefon, Elektrizität – das alles kenne ich nur aus Erzählungen. Ich bin in der neuen Welt aufgewachsen. Obwohl ich es nicht anders kenne, würde ich gern einmal mit eigenen Augen sehen, wie eine Glühbirne anfängt zu leuchten, wie ein Schrank innen kalt bleibt, egal, wie warm es draußen ist, und wie Filme über die Mattscheibe eines Fernsehapparats laufen. Es wird mir nie vergönnt sein. Heute haben wir andere Probleme als einen Mangel an Luxus.
Ich sehe hinauf zum Himmel, der sich nie klärt, und beschließe, möglichst schnell zurück zu meinem Heim zu kommen. Die Wolken färben sich bereits blassgrau-rötlich und die Temperatur fängt ebenfalls an zu steigen. Die Sonne ist nirgends zu sehen. Zum Glück. Wenn sie sich hinter den Wolken hervor zwängt, sollte man sich längst nicht mehr im Freien aufhalten.
Den letzten Rest des Weges jogge ich. Mittlerweile ist es richtig heiß und der Schweiß läuft mir über Gesicht und Oberkörper. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, wärmer könnte es nicht werden, aber das ist erst der Anfang.
Ich erreiche die Tür zu meinem Quartiert, schließe auf und trete hinunter in das Dämmerlicht. Ganz dunkel ist es hier unten glücklicherweise nicht. Durch ein paar Ritzen oben zwischen Wand und Decke strömt Licht herein. Wenn ich mehr benötige oder es Abend wird, kann ich mir eine meiner wenigen Kerzen anzünden.
Erschöpft lasse ich mich auf mein Bett sinken und wische mir den Schweiß von der Stirn. Zum Glück ist es hier unten kühl. Die nächsten Stunden werde ich in diesem Zimmer festsitzen und weiter an der alten Öllampe schrauben, die ich gefunden habe. Wie ich sie ohne Öl überhaupt benutzen soll, weiß ich nicht, aber immerhin habe ich eine Beschäftigung. Nach oben kann ich erst wieder in den Abendstunden, wenn es sich ein wenig abgekühlt hat, ehe in der Nacht eine beißende Kälte die Gegend erobert.
Ich setze mich an das Tischchen mit der Lampe, das direkt im größten Lichtstrahl steht, der es hier hinunter schafft, und beginne damit, zwei kleine Schrauben loszudrehen.
Mein Leben ist nicht das Spannendste, viel zu tun habe ich nicht und in den schlechten Zeiten, die wohlgemerkt deutlich häufiger als die guten sind, muss ich kämpfen, um über die Runden zu kommen. Dennoch bin ich froh, überhaupt zurecht zu kommen. Es ist nicht einfach, aber mit dem wenigen, das ich habe, kann ich zufrieden sein. Mein Leben ist nicht besser oder schlechter als das der anderen in der Stadt. Wir versuchen alle zu überleben. Jeden Tag.
Willkommen im Jahr 3000. Vor eintausend Jahren sprach man vom Weltuntergang. Vielleicht hat er uns endlich gefunden.

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