[Adventskalender] 9. Türchen

Montag, 9. Dezember 2013 | Kommentieren
Es hat längst zum Unterricht geklingelt, doch Riley scheint das nicht zu interessieren. Er hat sich auf eine der kalten, mit Schnee bedeckten Bänke gesetzt, die Beine angezogen und die Arme darum gelegt. Er ist nicht mehr ganz so blass im Gesicht, aber dafür ist er traurig. Dem Blick aus seinen braunen Augen nach fast schon verzweifelt.
Verstehen kann ich ihn. Zwar kenne ich seine Clique kaum, doch das, was ich bisher von ihnen gesehen hat, reicht mir, um mir ein grobes Bild von ihnen zu machen. Riley gehört nicht mehr zu ihnen. Vielleicht ist er ihnen zu „uncool“, zu langweilig. Ich weiß es nicht. Aber als sie vorhin lachend gingen und Riley allein ließen, zogen sie einen Schlussstrich unter eine Freundschaft, die so nie wirklich existiert hat. Ein Stück von seiner Maske – einfach weggebrochen.
Ich setze mich neben ihn, lege ihm meine Hand auf die Schulter, spüre sein zittern. Nur vor Kälte oder doch auch vor Verzweiflung?
„Geh nach Hause, du gehörst ins Bett“, sage ich zu ihm.
Einen Moment starrt er auf den platt getretenen Schnee am Boden, dann schüttelt er den Kopf, als wolle er unliebsame Gedanken verscheuchen und bettet sein Kinn auf den Knien. Warum lehnt er es so sehr ab, heim zu gehen? Es wäre das Beste für ihn. Sich ins warme Bett legen und schlafen.
Aber er will nicht. Bleibt stur hier sitzen.
„Dann geh wenigstens zu einem Arzt“, versuche ich es erneut. Alles ist besser, als hier in der Kälte zu sitzen. Wäre er warm angezogen und gesund, wäre es vielleicht etwas anderes, aber nicht so. „Komm schon, Riley. Du kannst hier nicht sitzen bleiben.“
Er murmelt irgendetwas, das ich nicht verstehe. Ich seufze. Warum muss er so stur sein?! Es kann doch nicht so schwer sein, jetzt aufzustehen und zum Arzt zu gehen.
Ich stehe auf und stelle mich genau vor ihn. „Jetzt komm endlich. Stell dich nicht so an!“ Als er noch immer nicht reagiert, entferne ich mich demonstrativ einige Schritte von ihm. Heimlich schaue ich über die Schulter zurück. Zunächst geschieht nichts, aber dann steht er tatsächlich auf. Ich muss grinsen. Sieg für mich!
Er folgt mir. Wir verlassen den Schulhof und gehen Richtung Stadtzentrum. Da ich nicht weiß, bei welchem Arzt er sich normalerweise behandeln lässt – wenn er überhaupt so etwas wie einen Hausarzt hat – entschließe ich mich, mit ihm auf kürzestem Weg zum Krankenhaus zu gehen. Die werden schon wissen, wie sie Riley behandeln müssen. Wir könnten natürlich auch einfach zur nächst besten Apotheke gehen, aber da ich nicht genau weiß, was er hat, halte ich das für nicht sonderlich angebracht.
Eine ganze Weile laufen wir schweigend nebeneinander her und ich bekomme allmählich das Gefühl, dass er sich mit meinem Plan abgefunden hat. Als ich an einer Kreuzung nach rechts Richtung Krankenhaus abbiege, läuft Riley geradeaus, weiter Richtung Zentrum. Zunächst stutze ich, laufe ihm dann jedoch nach. Vielleicht hat er doch einen Hausarzt und will zu dem.
Meine Hoffnungen zerstreuen sich innerhalb der folgenden Stunde. Wir kommen an diversen Apotheken und Ärzten mit unterschiedlichsten Fachbereichen vorbei, doch vor keinem bleibt er stehen. Läuft nur immer weiter kreuz und quer durch die Stadt. Ziellos. Wischt sich ab und zu über die Augen.
Irgendetwas an „Wir gehen zum Arzt“ wollte er anscheinend nicht verstehen...

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Vielen Dank für eure Kommentare!