[Adventskalender] 8. Türchen

Sonntag, 8. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich bleibe eine ganze Weile in dem Club und als ich den Zigarettenqualm nicht mehr ertragen kann, warte ich draußen. Ich habe das Gefühl, Riley nicht allein lassen zu können. Er wirkte so verletzlich, so schwach. Hilflos. Ein verlorener Junge, den man am liebsten an die Hand nehmen möchte, um ihm einen Ausweg aus all der Misere zu zeigen.
Stunden vergehen. Ich habe es aufgegeben, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie jemand einen Jugendlichen mitten in der Woche nachts beschäftigen kann. Ob Riley ihn belogen hat? Ob er ihm einfach gesagt hat, er wäre älter oder gehe nicht mehr zur Schule? Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Mann ihn hier beschäftigt, obwohl er die Wahrheit kennt. Obwohl er weiß, wie jung Riley ist und dass er am nächsten Morgen wieder zur Schule muss. Aber wenn ich an den Blick dieses Mannes denke, an seine Ausstrahlung … Vielleicht ist ihm auch einfach egal, wer für ihn arbeitet. Vorstellen kann ich es mir bei ihm.
Gegen vier Uhr morgens kommt Riley aus dem Club. Er ist erschöpft, kann die Augen nur mit Mühe offen halten.
„Ich bringe dich noch nach Hause“, informiere ich ihn, weil ich nicht will, dass er irritiert ist. Mich womöglich noch für einen Stalker hält. Aber er reagiert nicht. Ist zu müde. Ich nehme es ihm nicht übel.
Auf seinem Heimweg schweigen wir. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und er braucht all seine verbliebene Kraft, um nicht auf der Stelle einzuschlafen. Es hat wieder zu schneien begonnen. Der eiskalte Wind pfeift noch immer um die Dächer und Häuserecken. Riley zittert und läuft immer schneller. Rennt schon bald.
Als wir endlich an seinem Wohnhaus ankommen, möchte ich am liebsten voraus laufen und die Tür für ihn öffnen, aber den Schlüssel hat nur er. Ich begleite ihn nach oben. Insgeheim hoffe ich, dass sein Vater gestern nur zufällig betrunken war. Dass es nicht zum Alltag gehört. Dass ich mir ein falsches Bild von ihm gemacht habe. Doch als wir die Wohnung betreten, höre ich sofort das kehlige Schnarchen seines Vaters und der durchdringende Geruch von Alkohol – nicht nur Bier – steigt mir in die Nase. Ich weiß nicht, ob Riley das noch bemerkt. Er verzieht keine Miene, gähnt nur ausgiebig und geht schlafen. Ich setze mich neben der Tür auf den Boden. Passe auf ihn auf.
 
Nur knappe drei Stunden später klingelt bereits Riley's Wecker. Ich fahre erschrocken zusammen – habe nicht damit gerechnet, dass die Zeit so schnell vergeht, obwohl ich schon auf dem Heimweg wusste, dass ihm nicht viel Zeit zum Schlafen bleibt.
Riley regt sich träge ihm Bett, steht jedoch nicht auf. Der Wecker piept weiter. Er tastet nach ihm, findet jedoch nicht den Ausschalter und gibt wieder auf. Ich runzele die Stirn. Irgendetwas scheint mit ihm nicht zu stimmen. Ob er einfach nur noch zu müde ist? Ich stehe auf und gehe zu ihm. Er hat sich die Decke bis unters Kinn gezogen und die Augen nur halb geöffnet. Seine Wangen sind gerötet, doch gleichzeitig sieht er blass aus. Zögerlich beuge ich mich zu ihm hinunter und lege ihm meine Hand auf die Stirn. Er glüht. Fieber. Eigentlich kein Wunder, so dünn, wie er bei der Kälte angezogen war.
Ich habe mich gerade wieder zurückgezogen, als er aufspringt und nach nebenan ins Bad hastet. Ich bleibe in seinem Zimmer, höre jedoch, wie er sich geräuschvoll übergibt. Armer Kerl. Er gehört eindeutig ins Bett. Vielleicht kann ich seinen Vater sogar davon überzeugen, für seinen Sohn zur Apotheke zu gehen...
„Aber Dad...“
„Kein 'Aber' und jetzt beeil dich.“
Ich habe nicht mitbekommen, wie sein Vater ins Badezimmer gegangen ist, und noch weniger, was er zu Riley gesagt hat. Der kommt gerade in sein Zimmer – kann sich kaum auf den Beinen halten. Er zieht sich die dünne Jacke über, die er in der Nacht auf den Boden fallen gelassen hat, wirft sich seinen Rucksack über die Schulter und verlässt die Wohnung. Ich kann kaum glauben, dass er das tatsächlich macht. Er ist krank und gehört ins Bett!
Eilig laufe ich ihm nach. Als ich ihn endlich einhole, wischt er sich über die Augen, als wollte er nicht, dass ich ihn weinen sehe. Aber es ist zu spät. Ich habe seine Tränen gesehen. Und ich kann sie verstehen. Kein Vater dürfte sein Kind in die Schule schicken, wenn es ihm schlecht geht. Außerdem hatte ich das Gefühl, irgendetwas zwischen den beiden nicht bemerkt zu haben. Warum hat Riley sofort auf ihn gehört, ohne auch nur ansatzweise zu versuchen, ihn umzustimmen?
Wir erreichen den Schulhof und Riley geht sofort zu seiner Clique. Die Tränen sind wieder versiegt, seine Augen sind nur noch leicht gerötet, doch das kann man übersehen, wenn man nicht explizit darauf achtet. Blass ist er noch immer.
Wie beim letzten Mal bietet ihm einer eine Zigarette an. Riley nimmt sie. Heute lacht er nicht über ihre merkwürdigen Witze. Schmunzelt nicht einmal. Sie scheinen ihm das übel zu nehmen. Als eines der Mädchen über ihren Geschichtslehrer herzieht, verteidigt Riley ihn. Ich glaube, er mag ihn, doch er begreift ebenso schnell wie ich, dass diese Äußerung ihm in der Clique alles andere als Pluspunkte bringt.
Um rasch davon abzulenken, zieht er an der Zigarette. Keine gute Entscheidung. Dieses Mal kann er das Husten nicht unterdrücken. Ich sehe deutlich, wie er binnen eines Augenblickes noch blasser wird. Dann beugt er sich zur Seite über einige Büsche und übergibt sich. Er hätte Zuhause bleiben sollen, egal, was sein Vater darüber denkt. Er hustet, muss noch einmal würgen, Tränen stehen ihm wieder in den Augen.
Die anderen beobachten ihn zunächst ungerührt, bis einer der Jungs anfängt, sich über ihn lustig zu machen. Die anderen stimmen mit ein und entfernen sich schließlich von ihm.
Riley bleibt allein und erstmals habe ich das Gefühl, dass seine Maske allmählich fällt.

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