[Adventskalender] 7. Türchen

Samstag, 7. Dezember 2013 | Kommentieren
Wir sitzen lange dort. Es muss schon bald Mitternacht sein, als er aufsteht. Zunächst glaube ich, er geht jetzt nach drinnen – sich aufwärmen und schlafen – doch er nimmt die letzten Stufen der Treppe nach unten und biegt nach links ab, auf einen dunklen Weg mit einem mir unbekannten Ziel. Für einen Moment bleibe ich unschlüssig stehen, dann folge ich ihm.
Ich bleibe einige Schritte hinter ihm; habe das Gefühl, er weiß selbst nicht recht, wo er hin will. Wir lassen die schäbige Straße, in der er wohnt, zurück. Die Gegend, in der wir uns wiederfinden, ist mir unbekannt. Ich kann mich nicht daran erinnern, hier jemals gewesen zu sein. Die Häuser kann ich nicht als hübsch oder ansehnlich bezeichnen. Sie sind schlicht grau mit dunklen Schieferdächern, aber immerhin sind sie nicht kaputt. Die Fenster haben alle noch intakte Scheiben. Müll befindet sich, wo er hingehört – in den dafür vorgesehenen Tonnen.
Kleine Personengruppen und einzelne Menschen kommen uns entgegen, aber niemand nimmt Notiz von uns. Die Anonymität einer Großstadt. Jeder ist sich selbst der Nächste. Man könnte meinen, so etwas wie Zwischenmenschlichkeit sei verloren gegangen. Manchmal fürchte ich, dass es genau so ist. Zumindest hier, in dieser Stadt. Ob es an anderen Orten ähnlich ist?
Riley hat seine Arme fest um den Oberkörper geschlungen. Als wolle er die wenige Wärme, die noch in seinem Körper ist, mit aller Macht dort halten und sie daran hindern, in die Kälte der Nacht zu entschwinden. Wenn ich könnte, würde ich ihm meine Jacke geben, aber das geht nicht. Ich frage mich, warum er sich nicht wärmer angezogen hat. Keine Winterjacke trägt. Da erinnere ich daran, dass ich in der Wohnung nichts dergleichen gesehen habe. An der Garderobe hing nur eine weitere dünne Jacke – vermutlich die seines Vaters. In Riley's Zimmer habe ich auch keine warmen Sachen gesehen. Vielleicht besitzt er gar keine Kleidung für den Winter. Aber welcher Vater lässt sein Kind frieren? Als ich mich an die lallende Stimme seines Vaters erinnere, kann ich mir sogar vorstellen, dass es ihm egal ist, was Riley macht und wie er herumläuft. Ob ihm warm ist. Ist es Riley ebenso egal oder hat er einfach gelernt, damit zu leben?
Ich seufze. Immer, wenn ich das Gefühl habe, ihn allmählich verstehen zu können, ergeben sich zig neue Fragen, neue Ungereimtheiten, für die ich keine Lösung kenne. Theoretisch könnte ich daran verzweifeln aber ich möchte nicht aufgeben. Noch nicht. Ich habe eine Chance. Mir muss nur endlich etwas einfallen, was ich tun kann.
Riley biegt so plötzlich ab, dass ich erschrocken einen Augenblick verharre. Er betritt einen kleinen, unauffälligen Club, vor dem nur ein einziges Auto steht. Ein mir leider mehr als bekanntes Auto. Damit ist Riley zweimal verschwunden.
Ich folge ihm hinein und mir schlägt Zigarettenqualm und der Geruch nach altem Frittierfett und Alkohol entgegen. Riley steht an der Bar und unterhält sich kurz mit einem Mann, den ich sofort erkenne. Der Fahrer des Wagens. Der mit dem kalten Blick. Er sagt etwas, was ich nicht verstehe, woraufhin Riley nickt und hinter den Tresen geht, um Gläser zu spülen. Ob er hier regelmäßig arbeitet?
Der Barkeeper kommt kurz zu ihm, sie unterhalten sich. Ich trete näher an den Tresen heran, um sie zu verstehen.
„Ist schon okay“, antwortet Riley gerade auf eine Frage, die ich nicht verstanden habe. „Sag mal, hast du dein Geld schon bekommen?“ Er spricht leise, sodass ich ihn über die Musik der Jukebox kaum verstehen kann.
Der andere nickt. „Schon vorgestern, warum? Du nicht?“
„Nein.“ Er fährt sich mit der Hand, die gerade eben noch die Gläser gespült hat, übers Gesicht – hinterlässt eine feuchte Spur. „Verdammt, ich brauch es endlich. Unser Vermieter nervt jetzt schon seit zwei Wochen.“ Er schüttelt den Kopf und ich sehe in seinen Augen, dass nicht nur die Miete ihm Sorgen bereitet. Ich lasse die beiden allein, möchte nicht noch mehr von einem Gespräch hören, das nicht für meine Ohren bestimmt ist, auch wenn mir allein diese paar Sätze mehr über Riley und sein Leben verraten haben, als ich vielleicht wissen wollte.

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