[Adventskalender] 6. Türchen

Freitag, 6. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich lasse ihn fast den gesamten nächsten Tag alleine. Brauche Zeit zum Nachdenken. Allmählich begreife ich, warum Riley so ist. Warum er sich hinter einer Maske versteckt. Warum er niemanden wirklich an sich heranlässt. Warum er abends mit einem Bier auf der Treppe sitzt, obwohl es eisig kalt ist. Ich verstehe, was ihn dazu treibt. Dass er es nicht mehr aushält in der Wohnung, gemeinsam mit seinem betrunkenen Vater. Allein mit ihm.
Ich gehe durch den Park, genieße den leise rieselnden Schnee, während ich nachdenke. Von Tag zu Tag lerne ich mehr über Riley, aber es hilft mir nicht, herauszufinden, was ich tun soll. Wie ich ihm helfen kann. Er tut mir leid – niemand sollte so einsam sein wie er. Erst recht keiner in seinem Alter. Er ist noch so jung, er braucht Kontakte. Richtige Kontakt, keine Pseudo-Freunde. Ich habe das Gefühl, er musste viel zu schnell erwachsen werden und das Kind in sich begraben, das tief in ihm noch immer ums Überleben kämpft. Das im Moment zum Scheitern verurteilt ist. Ich möchte ihm helfen, ihn retten, aber mir fällt einfach nichts ein, wie ich das schaffen kann. Er ignoriert mich die meiste Zeit. Ich fürchte, es würde nicht einmal etwas bringen, auf ihn einzureden. Vielleicht würde er mir nicht einmal zuhören.
Eine Mutter, die ich um Hilfe bitten könnte, scheint er nicht mehr zu haben. In der Wohnung habe ich kein Foto gesehen, keinen einzigen Hinweis darauf, wer sie gewesen und was mit ihr geschehen sein könnte. Möglicherweise ist sie gestorben. Möglicherweise auch einfach fort gegangen. Aber warum hat sie Riley dann nicht mitgenommen? Es hätte ihm so einiges erspart. Dann müsste ich ihm jetzt wohl nicht helfen. Mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, was ich tun kann.
Ich seufze, blinzele – schaue irritiert hinauf zum Himmel. Der Mond steht schon hoch am Himmel und es dämmert bereits. Warum habe ich nicht bemerkt, wie die Zeit verging? War ich so sehr in Gedanken? Es hat aufgehört zu schneien. Dafür hat wieder ein eiskalter, schneidender Wind eingesetzt, der den Schnee aufwirbelt und kleine Schneewehen erzeugt.
Ich verlasse den Park, mache mich wieder auf den Weg zu Riley. Auch wenn ich noch immer nicht weiß, was ich tun soll, bin ich davon überzeugt, ihm beistehen zu müssen. Irgendjemand muss etwas tun.
Als ich das Haus erreiche, sitzt er bereits auf der Treppe. Dieses Mal nicht ganz allein. Betrübt muss ich dabei zusehen, wie er die Bierflasche zum Mund hebt und trinkt. Um ehrlich zu sein, hätte ich ihn dieses Mal lieber allein gesehen.
Heute zögere ich nicht, zu ihm hinüberzugehen und mich neben ihn zu setzen. Er nimmt keinerlei Notiz von mir, aber daran habe ich mich längst gewöhnt. Es macht mir nichts aus. Obwohl ich keine Ahnung habe, ob er mir überhaupt zuhört, beginne ich, mit ihm zu reden. Ich erzähle ihm, dass ich ihn verstehe. Verstehe, warum er sich versteckt. Verstehe, was für eine schwere Last er zu tragen hat. Verstehe nicht, wie er all das schaffen kann, obwohl er noch so jung ist. Ich schwöre ihm, dass ich für ihn da sein werde. Dass ich ihm helfen werde, verschweige aber, dass ich noch nicht weiß, wie.
Riley sitzt die ganze Zeit nur da und trinkt. Mittlerweile ist es gänzlich dunkel geworden. Und doch sehe ich ihm Licht der Straßenlampen ab und an ein kurzes Lächeln, das manchmal sogar seine Augen erreicht. Spätestens in diesen Momenten bin ich mir sicher, dass ich ihm nicht völlig egal bin. Dass er zumindest weiß, dass ich da bin. Für ihn. Immer.

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