[Adventskalender] 5. Türchen

Donnerstag, 5. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich bin dort, wie versprochen. Ich stehe auf der anderen Straßenseite und warte auf ihn. Warte, dass er endlich wieder aus dem Haus kommt, nachdem er vor einer guten Stunde nach Hause kam. Ich bin mir sicher, dass er kommen wird. Warum weiß ich nicht, schließlich sitzt er nicht jeden Abend auf der Treppe vor der Tür, aber ich glaube, heute wird er hier sein. Und ich werde auf ihn warten.
Die Straßenlampen sind längst wieder eingeschaltet und winzige Schneeflocken tanzen dem Boden entgegen. Ich beobachte sie dabei; sehe zu, wie sie schweben, von Windstößen erfasst werden, davon treiben und zurückkehren. Es ist ein ewiger Reigen mit unendlich vielen Tänzern, die einer Musik folgen, die nur die wenigsten verstehen. Heute ist es nicht wie vor einiger Zeit im Park. Der Himmel ist verhangen, kein Stern ist zu sehen. Der Wind pfeift um Häuserecken und über Dachspitzen, doch auf Eiszapfen und Schneekristallen vermag er heute kein Lied zu spielen. Es ist still, eigentlich müsste es mir gefallen, aber eine wahre Harmonie mag sich nicht einstellen. Dafür ist es der falsche Ort. Vielleicht vermag ich es auch erst wieder zu hören, wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe. Ich weiß es nicht.
Mein Blick richtet sich wieder auf die gegenüberliegende Straßenseite, als die Haustür sich öffnet und Riley nach draußen tritt. Er sieht betrübt aus, schaut hinauf in den Himmel – blinzelt, als ihm Schneeflocken in die Augen rieseln. Er scheint nicht begeistert von dem plötzlichen Schneefall, aber es hält ihn nicht davon ab, sich auf die kalten Steinstufen niederzulassen. Wieder hat er eine Flasche dabei. Ich seufzte. Er trinkt eindeutig zu viel für jemanden in seinem Alter. Selbst für die heutige Zeit.
Eine Weile beobachte ich ihn, wie er dort sitzt und trinkt. Wie so oft davor. Oft genug, um sich Sorgen zu machen.
Es macht mich traurig, ihn so einsam zu sehen. Deswegen gehe ich schließlich hinüber zu ihm und setze mich ebenfalls auf die Stufen. Es ist nicht so kalt, wie ich erwartet habe, aber vielleicht täusche ich mich auch und es erscheint mir wärmer, weil ich bereits so lange in der Kälte stehe. Am liebsten möchte ich meinen Arm um ihn legen und ihm anbieten, sich an mich zu lehnen. Ihm Trost spenden. Einfach für ihn da sein. Aber ich traue mich nicht. Ich möchte ihn nicht belästigen. Ihm stattdessen die Möglichkeit geben, von sich aus die Nähe zu suchen. Ganz untätig möchte ich jedoch auch nicht bleiben.
„Willst du nicht lieber reingehen? Es ist doch viel zu kalt, um draußen zu sitzen.“ Er schweigt und trinkt einen Schluck. Zeigt nicht einmal, ob er mich verstanden hat. Wieder vergehen die Minuten, in denen wir schweigend dem Wind lauschen, die Schneeflocken bei ihrem Tanz beobachten – und vielleicht auch einfach nur unseren Gedanken nachhängen. Schließlich fährt Riley sich mit einer Hand übers Gesicht und steht auf. Das Bier ist längst leer.
„Darf ich dich nach drinnen begleiten?“, möchte ich von ihm wissen. Er starrt einige Zeit zum Himmel hinauf, zuckt dann mit den Schultern und geht die Treppe hinauf. Ich kann mein Glück kaum fassen und laufe ihm eilig hinterher. Er hat endlich auf mich reagiert! Er ignoriert mich nicht mehr vollständig!
Hinter uns klickt die Tür ins Schloss. Wir gehen durch einen vermüllten Flur nach oben. Als Riley die Wohnungstür aufschließt, schlägt mir ein beißender Geruch entgegen und ich muss mich zwingen, ihm hinein zu folgen. Es riecht nach abgestandener Luft, viel zu viel Alkohol und Zigaretten. Und es ist kalt. Als wäre selbst bei diesen Temperaturen die Heizung nicht eingeschaltet. Ein Wunder, dass Riley noch nicht krank geworden ist...
„Riley, bis' du dass? Komm ma' her, i' muss di' ma' wass sag'n!“, lallt sein Vater aus einem der Nebenzimmer. Riley ignoriert ihn, geht in sein Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Ich kann gerade noch rechtzeitig hineinschlüpfen. Scheinbar hat er mich wieder vergessen, aber ich bin zu glücklich darüber, dass er wenigstens einmal auf mich reagiert hat, als dass ich ihm böse sein könnte.
Er wirft sich auf sein Bett, ohne auch nur seine Jacke auszuziehen, und zieht sich die Decke über den Kopf. Anscheinend will er schlafen. Ich beschließe, dass es wohl das Beste ist, ihn für heute allein zu lassen, und schleiche mich aus der Wohnung. Glücklicherweise muss die Tür hinter mir nicht ins Schloss fallen – so bemerkt mich niemand.

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