[Adventskalender] 4. Türchen

Mittwoch, 4. Dezember 2013 | Kommentieren
Am nächsten Tag folge ich ihm zur Schule. Er ist erst in den frühen Morgenstunden zurückgekommen – zu Fuß, nicht in dem Auto, das ihn fortbrachte. Den dunklen Schatten unter seinen Augen nach hat er die ganze Nacht nicht geschlafen. Dabei ist es Mittwoch, mitten in der Woche. Mitten in der Schulzeit. Nicht in den Ferien und Freistunden hat er auch keine, wie ich zunächst geglaubt habe. Er geht zur ersten Stunde in die Schule, kommt aber erst nach dem Stundenklingeln dort an. Er ist zu müde, um schnell zu laufen, das sehe ich ihm an. Auf der Treppe zur Schultür stolpert er und strauchelt; kann sich nur im letzten Moment abfangen. Er muss doch gewusst haben, dass er heute in die Schule muss. Warum war er dann die ganze Nacht fort? Ob sein Vater ihm das erlaubt hat?An den Schulhof schließt sich eine kleine Grünfläche an, die in einen Spielplatz übergeht, der zum nahen Kindergarten gehört. Auf der Wiese stehen ein paar Bänke. Ich stapfe durch den Schnee und wische über die Sitzfläche einer Bank. Der Schnee wirbelt auf und schwebt davon. Ich sehe ihm nach, während ich mich setze, warte.
Die Wolken der vergangenen Tage haben sich verzogen. Die Sonne scheint, bringt den Schnee zum Glitzern und die Eiszapfen zum Blitzen. Ein paar Meisen hocken aufgeplustert auf einem der Fensterbretter der Schule. Warum man nicht auf die Idee gekommen ist, hier Vogelhäuser aufzuhängen, ist mir ein Rätsel, schließlich würden sie das trostlose graue Gebäude etwas lebendiger erscheinen lassen.
Hinter mir höre ich laute Kinderstimmen. Ich sehe über die Schulter, sehe die Kinder aus dem Kindergarten rennen, sich mit Schnee bewerfen und Schneemänner bauen. Die Erzieher lächeln, genau wie ich. Wie schön war das Leben, als ich in diesem Alter war. So unbeschwert, so schön, so voller Rätsel und Geheimnisse, die es zu ergründen gab. Die Welt wurde mir damals viel zu schnell bekannt. Zu eintönig. Es gab zu vieles, über das man sich ärgern konnte. Ich glaube, irgendwann habe ich verlernt, unbeschwert zu leben wie diese Kinder dort. Einfach so. Ich weiß nicht mehr, wie das passieren konnte. Heute habe ich die Leichtigkeit glücklicherweise wieder, auch wenn mir diese Rückkehr viel abverlangt hat.
Die Schulglocke klingelt – ich habe nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Zunächst strömen die jüngeren Schüler heraus, dann erst die Älteren, zumeist in kleinen Grüppchen, manche aber auch allein. Riley ist einer von dieser Sorte. Er trägt seinen Rucksack bloß über einer Schulter. Die dünne Jacke steht offen und ich glaube, er hat darunter nur ein T-Shirt an. Er muss schrecklich frieren...
Ich erhebe mich und folge ihm, als er sich etwas von den dicht stehenden Schülern absondert und zu einer kleinen Gruppe geht. Es sind überwiegend Jungen. Sie rauchen, einer reißt derbe Witze. Riley lächelt, als fände er sie witzig, aber ich erkenne die Lüge in seinen Augen. Einer der Jungs reicht ihm eine Zigarette und ein Feuerzeug. Er nimmt es an. Es ist Routine, wie er sie sich in den Mund steckt, sie anzündet, das Feuerzeug zurückgibt, einen tiefen Zug nimmt. Das Husten unterdrückt und den Rauch ausbläst. Es ist nur ein winziger Augenblick. Sein Adamsapfel bewegt sich, als würde er schlucken, und kurz krampfen sich die Muskeln an seinem Hals zusammen. Die anderen scheinen davon nichts bemerkt zu haben, aber mich bestärkt es in dem Wissen, dass das alles nur zu seiner Maske gehört. Und ich frage mich immer mehr, wer Riley wirklich ist. Was von all dem, was er tut, wirklich ihn zeigt und nicht diese Figur, die er entworfen hat.
Wieder bemerkt mich niemand. Nicht, als ich mich zu ihnen stelle, ihnen zuhöre und versuche herauszufinden, was Riley an diesen Leuten liegt. Nicht, als es wieder klingelt und alle hineingehen bis auf diese kleine Gruppe. Nicht, als sie dann doch hineingehen, aber erst, nachdem es bereits zum Unterricht geklingelt hat. Riley geht fast als letzter hinein und einen Moment erkenne ich einen gequälten Ausdruck in seinen Augen, der jedoch mit dem nächsten Blinzeln verschwunden ist.
Hinter ihnen fällt die Tür zu. Ich beschließe, heute Abend wieder vor seinem Haus auf ihn zu warten.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Vielen Dank für eure Kommentare!