[Adventskalender] 3. Türchen

Dienstag, 3. Dezember 2013 | Kommentieren
Einige Tage vergehen, bis ich ihn wiedersehe, und doch habe ich das Gefühl, die Zeit sei beim letzten Mal stehen geblieben; als wäre kein Auto gekommen, dass ihn mitgenommen hat, und als wäre es noch immer die gleiche Nacht. Er sitzt auf der Treppe – wieder nur in der dünnen Jacke, der Jogging-Hose und den Turnschuhen. Nur das Bier fehlt. Abgesehen davon alles, wie vor ein paar Tagen.
Aber das ist falsch. Es stimmt nicht, dass sich nichts verändert hat. Es stimmt nicht, dass alles noch genauso ist wie beim letzten Mal. Er ist nicht mehr der Fremde, den ich beobachtete. Er hat einen Namen und eine Geschichte, von der ich wenigstens ein bisschen weiß.
Der Jugendliche, der ihn vorhin bis vor die Tür begleitete, hat ihn Riley genannt. Riley Stewart. Das ist zumindest der einzige Nachname, der an den Klingeln steht. Er wohnt in diesem Haus, in der dritten Etage, wo beim letzten Mal der Fernseher lief. Er und sein Vater, was aus seiner Mutter geworden ist, weiß ich nicht. Der Rest des Hauses steht leer. Von außen könnte man meinen, niemand wohne mehr hier, so verlassen sieht es aus mit den kaputten Fenstern und all dem Müll.
Vorhin ist Riley sofort ins Haus gegangen, aber als der Junge, der ihn begleitet hat, verschwunden ist, tauchte er wieder auf und setzte sich auf die Stufen. Es dämmert allmählich – im Winter wird es immer so furchtbar schnell dunkel. Das ist das einzige, was mich immer gestört hat.
Ich frage mich, was mit Riley los ist. Vielleicht würde man meinen, er möchte nicht allein in der Wohnung sein oder er hat den Schlüssel vergessen und kommt nicht rein, doch seine Schultasche hat er im Haus gelassen – vielleicht nur im Flur – und bevor er kam, ist sein Vater nach oben gegangen. Riley ist nicht allein, aber vielleicht täuscht dieser Schein auch. Vielleicht gehören der Junge von vorhin und sein Vater, mit dem er sich eine kleine Wohnung teilt, ebenfalls zu seiner Maske, die ihn als jemanden erscheinen lässt, der er nicht ist.
Ich nehme all meinen Mut zusammen und gehe langsam zu ihm hinüber. Die Straßenlaternen sind bereits angegangen, der Wind frischt auf. Er sieht mich an, als ich mich ihm nähere, aber ich habe das Gefühl, er nimmt mich gar nicht wirklich wahr. Er sagt auch nichts, als ich mich neben ihn setze – einfach nur hinsetze und schweige. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Weiß nicht einmal, warum ich überhaupt zu ihm gegangen bin, denn er scheint in seiner eigenen kleinen Welt zu sein, in der er nichts bemerkt. Ich könnte „Hallo“ sagen und „Wie geht es dir?“ fragen, aber ich möchte seine Ruhe nicht stören und überhaupt wirkt die Frage reichlich unpassend. Er hat wieder diesen traurigen Ausdruck in seinen Augen. Er wird wohl kaum ein „Hallo“ erwidern und mit „Gut“ antworten. Es sei denn, er will seine Maske aufrecht erhalten, aber die möchte ich weder sehen, noch hören. Ich möchte wissen, wer Riley ist und nicht noch mehr von der Maske kennenlernen, die sich als Riley bezeichnet.
Ich sitze da und schweige und starre auf die leere Straße, genau wie er, und bemerke kaum, wie es dunkler wird. Ob er nachdenkt? Ob er einfach nur wartet? Worauf? Ich weiß es nicht und fragen möchte ich ihn nicht. Ich bezweifle, dass er mir die Wahrheit sagen würde, wenn er überhaupt antwortet. Also lasse ich es bleiben.
Genau wie beim letzten Mal fährt irgendwann ein altes Auto vor. In den letzten Tagen stand es schon öfter hier vor dem Haus und hat gewartet, aber Riley kam nicht. Heute ist er da. 
Der Mann im Inneren sieht mich nicht an. Er hat nur Augen für Riley – kalte Augen mit einem Blick, als wüsste er nicht, was Glück bedeutet. Heute sprechen sie nicht.
Noch immer genauso schweigsam wie vorher steht Riley auf und setzt sich auf die Rückbank. Die Tür fällt ins Schloss, das Auto fährt davon. Heute bleibt keine Bierflasche zurück. Heute lässt er mich ganz allein.

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