[Adventskalender] 24. Türchen

Dienstag, 24. Dezember 2013 | Kommentieren
Heute habe ich für euch den letzten Teil meines diesjährigen Adventskalenders. Es ist überraschend, wie schnell die Zeit mal wieder vergangen ist.
Ich hoffe, diese kleine Geschichte hat euch die Vorweihnachtszeit ein wenig versüßt. Vielleicht möchte der eine oder andere von euch ja seine Meinung dazu teilen?
Nun wünschte ich euch erholsame Feiertage und ein schönes Weihnachtsfest, das wohl leider in diesem Jahr nicht weiß werden wird. Macht es euch trotzdem schön und genießt die Tage!


Heute ist der vierundzwanzigste Dezember. Heute ist Heiligabend. Heute soll es das Fest der Liebe werden.
Heute verlasse ich ihn.
Wieder sind ein paar Tage ins Land gezogen. Vorgestern hat Mel mit ihren Eltern gesprochen – hat ihnen Rileys Situation erklärt und sie um Hilfe gebeten. Ihre Eltern waren zunächst ebenso ratlos wie wir, aber sie haben versprochen zu helfen. Es sind nette Leute. Keine von der Sorte, die der Meinung sind, das Leid der Welt gehe sie nichts an und sie bräuchten nur vor ihrer eigenen Tür zu kehren. Sie interessieren sich auch für das, was hinter ihrem Tellerrand liegt. Und mit Riley haben sie sich, als er Mel das erste Mal bei ihr besucht hat, sofort verstanden.
Dennoch war er überrascht, als Mel ihn gestern besucht und dazu eingeladen hat, mit ihrer Familie Weihnachten zu feiern. Erst wollte er nicht, aber sie hat nicht locker gelassen. Ich mag sie. Selbst einen Dickschädel wie Riley kann sie kleinkriegen.
Nun sitzen sie gemeinsam – Mels Familie, Mel und Riley – gemeinsam unter dem Weihnachtsbaum in dem kleinen, weißen Reihenhaus mit dem hübschen, verschneiten Vorgarten, den eine kunstvolle, doch zugefrorene Vogeltränke ziert. Ich stehe einige Zeit im Schnee und beobachte sie durch die Scheibe. Mels Eltern haben Riley versprochen, ihm nach Weihnachten zu helfen. Gestern Abend habe ich mitbekommen, wie sie über ein betreutes Wohnen für Jugendliche hier in der Stadt gesprochen haben. Ich bin mir sicher, dass es ihm in ihrer Obhut gut gehen wird.
Jetzt kann ich ihn ruhigen Gewissens allein lassen. Ich lächle und kehre dem kleinen Haus den Rücken zu. Auf der Fensterscheibe entsteht ein Strauß Eisblumen – ein letztes Geschenk zum leisen Abschied. Noch lange begleiten mich die hellen Weihnachtslichter in dieser Nacht auf meinem Weg.
Ich kehre zurück in den Park, dorthin, wo alles angefangen hat. Vor vielen Jahren. Dort, inmitten einiger Rosensträucher, die früher noch nicht dort waren, steht eine alte Eiche, die bereits in meiner Kindheit so mächtig war. An einigen Stellen sind runde Löcher in der dicken Rinde – letzte Erinnerungsstücke an den längst vergangenen Krieg, der die ganze Welt in Atem gehalten hat. Und es gibt noch eine weitere Erinnerung an diese Zeit: Dort, am Fuße der Eiche, ist ein „L“ in die Rinde geritzt worden. L wie Lily.
Es fühlt sich an, als käme ich nach Hause.
Ich lasse mich zu Boden sinken, streichle zärtlich über den einfachen, unscheinbaren Buchstaben. Mama hat ihn hier eingeritzt, nachdem sie mir ein Bett im Schnee bereitete. Ich erinnere mich noch genau an ihre bitteren Tränen, an ihr Lächeln voller Hoffnung, dass es mir an einem anderen Ort besser gehen würde. Ich bin mir nicht sicher, ob sie damit das winterliche Paradies meinte, in dem ich nun Jahr für Jahr erwache, um jemandem zu helfen wie sie mir half, aber besser geht es mir in jedem Fall. Die schmerzhafte Kälte, der bohrende Hunger und die ständige Angst vor den todbringenden Kugeln sind endgültig fort. Meine Mutter ebenso, doch der Winter ist mir geblieben. Mein persönliches Paradies.
Ich lehne mich gegen die Eiche, spüre, wie die Schneeflocken allmählich zu einem Teil von mir – wie ich ein Teil von ihnen werde. Der Wind treibt mich hinfort.
Im nächsten Jahr werde ich zurückkehren. Vielleicht werde ich Riley dann wiedersehen.

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