[Adventskalender] 23. Türchen

Montag, 23. Dezember 2013 | Kommentieren
Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, was die Zeit einem bringen kann und wie schnell sie vergeht. Viele Menschen eilen über den Weihnachtsmarkt, der in diesem Jahr auf dem zweiten, kleineren Marktplatz in der Stadt aufgebaut ist. Sie hetzen von einem Stand zum nächsten, trinken Glühwein, essen Crêpes und Mandeln und kaufen Weihnachtsgeschenke, während die Kinder jeden Sitz auf dem bunten Karussell ausprobieren.
Und zwischen all den Menschen, die diesen Stress als weihnachtliche Besinnlichkeit verstanden haben, stehen an diesem Tag zwei junge Menschen, die sich nun endlich der Wahrheit verschrieben haben.
Es ist nun eine Woche her, seit Mel und Riley in dem kleinen Café saßen und einen ersten vorsichtigen Kontakt gewagt haben. Seitdem haben sie sich mehrmals getroffen – in der Schule und noch öfter danach. Ich habe sie nicht immer begleitet. Manchmal hat es mir gereicht, in den späteren Abendstunden einen glücklich lächelnden Riley nach Hause kommen zu sehen. Wer nicht erkennt, dass ihm die Treffen mit Mel guttun, ist eindeutig blind.
Gestern hat sich dann alles verändert. Eigentlich wollten sie auf den Weihnachtsmarkt gehen, den letzten Schultag ausklingen lassen und die Weihnachtsferien gebührend begrüßen. Aber Riley durfte sich nicht weiterhin drücken. Weihnachten stand kurz vor der Tür. Weihnachten, das Fest der Familie. Für Riley würde es nicht einmal ein Fest werden. So durfte s nicht sein!
Also hatte es am Nachmittag angefangen zu schneien – immer stärker, immer größere Flocken. Dazu wehte ein starker Wind, der selbst den Schnee, der bereits gefallen war, wieder aufwirbelte. Die beiden hatten daraufhin beschlossen, den Weihnachtsmarktbesuch auf den nächsten Tag zu bestehen und nachdem Riley vor zwei Tagen Mel daheim besucht hatte, bestand sie nun darauf, endlich einmal ihn in seiner Wohnung zu treffen. Anfangs hatte Riley sich gesträubt – wir beide wussten den Grund dafür – doch nachdem Mel immer wieder darauf beharrt hatte, musste er sich schließlich geschlagen geben. Er wollte ihre beginnende Freundschaft und das kleine zarte Pflänzchen zwischen ihnen nicht zerstören.
Er hatte sich geschämt, als Mel die Wohnung sah. Zum Aufräumen war keine Zeit geblieben. Er konnte ihr lediglich Wasser aus der Leitung anbieten. Sie hatte es genommen und sich an den Tisch in der Küche gesetzt. Jenen Tisch, auf dem noch immer der Zettel von seinem Vater lag. Den Zettel, den Mel genommen, gelesen und auf Anhieb verstanden hatte. Riley habe ich das letzte Mal so verzweifelt gesehen, als seine alte Clique ihn ausgelacht und stehen gelassen hat. In diesem Moment ist endgültig der letzte Rest seiner Maske gefallen.
Mel hat ihn einfach nur in den Arm genommen, ihn getröstet. Und dann haben sie geredet. Lange. Ab und zu sind Tränen geflossen. Bei ihr und ihm. Mel hat ihn nicht verurteilt, ihn nicht ausgelacht und nur ein wenig bemitleidet.
Sie wissen beide nicht, wie es weitergehen soll. Nur eines ist ihnen beiden klar: Riley will nicht ins Heim und gleichzeitig fehlt ihm das Geld, um weiterhin so weiterzuleben wie in den letzten paar Tagen. Schon im nächsten Monat wird er die Miete vermutlich nicht zahlen können.
Gemeinsam gehen sie über den Weihnachtsmarkt. Sie teilen sich eine Tüte gebrannte Mandeln und schließlich schleicht sich Mels Hand schüchtern in Rileys.
Zwei junge Menschen, nicht anders als all die anderen um sie herum und doch mit ihrer eigenen Geschichte besonders.
Ich spüre, dass es für mich allmählich Zeit wird zu gehen.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Vielen Dank für eure Kommentare!