[Adventskalender] 21. Türchen

Samstag, 21. Dezember 2013 | Kommentieren
Am nächsten Tag schläft Riley länger als gewöhnlich, steht erst gegen halb elf auf. Das Frühstück fällt aus – vermutlich eher aus Geldnot als aus Mangel an Hunger, aber was soll ich dagegen schon machen? Es tut mir leid, dass er hungern muss, aber Geld herbeizaubern kann ich nicht. Vielleicht könnte ich mit etwas Mühe Scheine und Münzen aus Schnee und Eis basteln, aber ich bezweifle stark, dass ihm das helfen würde. Lange halten würden diese Provisorien jedenfalls nicht. Einen neuen Job habe ich für ihn auch nicht. Jedenfalls nichts, was für jemanden in seinem Alter geeignet ist. Vermutlich könnte er in irgendeiner abgelegenen Kneipe eine Anstellung bekommen, aber ich fürchte, dann würde er wieder endgültig in seinen alten Trott fallen – vielleicht sogar wieder Anschluss an seine alte Clique suchen – und das will ich auf keinen Fall.Er verbringt den ganzen Vormittag in seinem Zimmer, hört Radio und zum Mittag holt er sich eine trockene Scheibe Brot. Sonst nichts. Sein Magenknurren hört dadurch zwar auf, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass das lange vorhält. Warum er heute nicht zur Suppenküche geht, weiß ich nicht. Vielleicht will er nicht zu sehr auffallen.
Gegen halb drei geht er aus dem Haus – schaut sich, bevor er die Treppe hinuntergeht, noch einmal vorsichtig um, als fürchte er, die drei Männer von gestern Abend würden sich hier irgendwo versteckt halten und nur darauf lauern, dass Riley unvorsichtig wird. Auf direktem Weg geht er zum Markt. Es schneit wieder ganz leicht. Wind weht heute nicht. Auf den Fensterbrettern haben sich stellenweise mehrere Zentimeter Schnee angesammelt, sodass fast schon kleine Mauern entstanden sind.
Mel wartet bereits an der Statue eines Soldaten, die in der Mitte des Marktes – und früher, vor der großen Süderweiterung, im Zentrum der Stadt – steht. Sie blickt sich nach Riley um, hat ihn bisher jedoch noch nicht entdeckt. Riley sie dagegen schon. Seine Schritte stocken, bis er gänzlich stehen bleibt. Zögert. Wartet. Worauf? Er scheint unsicher, fast schon ängstlich. Mel ist doch eigentlich nur wieder jemand aus seiner Schule. Er hat sie schon so oft gesehen. Warum zögert er jetzt? Flüchtet sogar?
Moment. Flüchtet?! Der Gedanke war schneller gedacht als begriffen. Tatsächlich ist Riley umgekehrt und läuft schnellen Schrittes wieder zurück. Ich renne ihm hinterher, stelle mich vor ihn. Er geht an mir vorbei, beachtet mich nicht.
„Riley!“ Er hört mich nicht. „Riley, bleib sofort stehen!“ Nichts.
Ich schnaube, spüre Wut in mir aufsteigen. Wie kann man nur so feige sein?! Es soll doch lediglich ein einfaches Treffen werden, nichts weiter! Der Schnee – eben noch sanft und in kleinen Mengen gefallen – wird plötzlich mehr. Tausende kleine Kristalle werden von einem heranrasenden Windstoß erfasst, der sich Riley in den Weg stellt. Stehen bleibt er trotzdem nicht. Es wird immer mehr Schnee. Bald schon bezweifle ich, dass er nichts mehr sehen kann, was ihn letztendlich wirklich zum Innehalten zu bewegen scheint. Seine Schultern sinken herab. Er seufzt.
Schließlich kehrt er wieder um und geht mit schleppenden Schritten zurück zum Markt – dieses Mal tatsächlich zu Mel, die ihn bereits lächelnd empfängt.
Die Schneeflocken gleiten sacht hinab zur Erde. Kaum ein Lüftchen weht.
Meine Ruhe ist mir wieder eigen.

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