[Adventskalender] 2. Türchen

Montag, 2. Dezember 2013 | Kommentieren
Er sitzt auf einer verwitterten Treppe, die hinauf zu einer noch verwitterten Holztür hinaufführt. Das Haus, zu dem sie gehört, sieht nicht besser aus. Früher muss es mal von Efeu bewachsen gewesen sein – die Ranken sind fort, aber die dunklen Punkte, an denen sich das Efeu an der Wand festgehalten hat, sind geblieben. Putz bröckelt ab, zwei von fünf Fenstern im Erdgeschoss sind eingeschlagen und notdürftig mit Pappe verschlossen. Nur ganz oben, in der dritten Etage, flackert das bläuliche Licht von einem Fernseher durch die Scheibe. Sonst ist es dunkel. Vor dem Haus und neben der Steintreppe sammelt sich Müll – Tonnen quillen über, Flaschen, volle Tüten und kaputtes Spielzeug liegen verteilt. In den wenigen Zwischenräumen trotzt hohes Unkraut dem Winter. Seltsamerweise hat der Schnee hier nichts bedeckt. Alles ist noch genau so schmutzig wie im Herbst...
Er sitzt dort, ganz allein, und hat das Gesicht auf die Hände gestützt. Das Haar fällt ihm ins Gesicht und verbirgt sein Gesicht. Eine Bierflasche steht neben ihm. Sie ist nur noch halbvoll. Eine zweite hat er vor einiger Zeit an der Seite die Treppe hinuntergestoßen. Dabei ist er noch so jung, nicht einmal achtzehn. Zu jung, um nachts allein auf einer Treppe zu sitzen und sich zu betrinken. Ich weiß, dass das heute wohl bei jedem Jugendlichen dazugehört, aber dennoch finde ich es falsch.
Es ist Wochenende, ein Samstag, und er sitzt hier, in einer verlassenen Gegend, ohne Freunde, ohne Familie. Mitten in der Woche würde ich es vielleicht noch verstehen, aber am Wochenende hat er Zeit. Er könnte in einen Club gehen oder einen Filmabend mit Freunden machen oder ins Kino gehen oder den Abend mit seiner Familie verbringen, wenn seine Freunde keine Zeit haben. Er könnte auch lernen, wenn er sehr strebsam ist, aber ich glaube nicht, dass ihm Schule wichtig ist. Ich glaube, er ist eher einer von der Sorte, der so tut, als wäre ihm alles auf der Welt egal, aber in Wahrheit ist es das gar nicht. Er versucht nur, etwas zu verstecken. Das gelingt ihm zwar, aber erfolgreich ist er deswegen trotzdem nicht, schließlich macht er sich mit so einer Einstellung viele Chancen kaputt. Aber das merkt er nicht. Natürlich nicht, sonst würde er sich anders verhalten.
Er bemerkt mich nicht, wie ich auf der anderen Straßenseite stehe, im Schatten zwischen zwei Laternen, und ihn beobachte.
Ich sehe, wie er fröstelt – die dünne Jacke, die er trägt, kann gar nicht wärmen, da bin ich mir sicher. Er hat nicht einmal einen Schal oder eine Mütze. Nur diese dünne Jacke, eine abgetragene Jogging-Hose und Turnschuhe. Mitten im Winter. Wo doch schon Schnee liegt. Am liebsten würde ich hinüber gehen zu ihm und mich neben ihn setzen. Vielleicht würden wir uns einfach nur anschweigen, vielleicht würden wir uns stumm ansehen und beschließen, dass es in Ordnung war, wie wir dort nebeneinander saßen auf der Treppe, mitten in der Nacht, wir beide allein und doch irgendwie gemeinsam. Vielleicht würden wir aber auch ins Gespräch kommen, uns unterhalten, ein wenig über den jeweils anderen herausfinden, uns kennenlernen. Vielleicht könnte ich ihn sogar trösten, denn er sieht traurig aus, wie er dort sitzt, mit gesenktem Kopf, und trinkt.
Aber es geht nicht, es würde nicht funktionieren. Deswegen bleibe ich weiterhin im Schatten der Laterne, auch wenn ich genau so gut in ihrem Licht stehen könnte. Er würde mich nicht bemerken. Er bemerkt nichts. Sitzt nur dort, friert und trinkt ab und zu einen Schluck Bier.
Irgendwann – ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist – fährt ein Auto die Straße hinauf und hält vor ihm. Ich höre ein leises Schleifgeräusch wie ein alter, automatischer Fensterheber. Danach Stimmen, die ich nicht verstehe. Als es weiterfährt, ist er verschwunden.
Ich bleibe allein zurück. Einsam, wie die fast leere Bierflasche, die auf der anderen Straßenseite auf der Treppe steht.

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