[Adventskalender] 19. Türchen

Donnerstag, 19. Dezember 2013 | Kommentieren
Am nächsten Tag begleite ich Riley wieder zur Schule. Seine Augen sind rot gerändert, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Im Unterricht passt er nicht auf, dabei ist seine erste Stunde Geschichte und das schien ihn zu interessieren. Kurz bevor es zur Pause klingelt, kommt der Direktor in den Klassenraum, verkündet, dass er Riley in der Pause in seinem Büro erwartet, und geht wieder. Nicht wenige seiner Klassenkameraden werfen ihm verstohlene Blicke zu – manche mitleidig, der größere Teil belustigt. Sein Lehrer scheint einen Augenblick aus der Bahn geworfen, findet aber schließlich seinen Faden wieder und bringt den Unterricht wie geplant zu Ende.
Auch wenn Riley sich nach dem Pausenklingeln vermutlich beeilen sollte – er tut es nicht. Während die anderen einpacken, starrt er abwechselnd auf die Tafel und aus dem Fenster. Während die anderen den Raum verlassen, packt er langsam seine Sachen zusammen. Als der Lehrer schon verschwunden ist, steht er auf und geht langsamen Schrittes in Richtung Direktorenbüro. Man sieht es ihm nicht an – seine Maske sitzt wieder perfekt – doch ich kann mir denken, dass ihm nicht wohl zumute ist. Vor der Tür des Büros zögert er einen Augenblick, ehe er anklopft. Seine Hand zittert ganz leicht. Der Direktor scheint bereits auf ihn gewartet zu haben, denn es vergeht kaum eine Sekunde, bis Riley hereingebeten wird. Er muss sich auf einen schmalen Holzstuhl vor dem riesig wirkenden Schreibtisch setzen. Im Vergleich zu dem weichen Sessel des Direktors erscheint dieser Platz wie blanker Hohn.
Das Gespräch verläuft, wie ich es mir denken konnte. Dem Direktor ist aufgefallen, dass Riley des Öfteren schwänzt, was selbstverständlich überhaupt nicht in seinem Sinne ist. Er hält ihm eine Standpauke und wiederholt mehrfach, dass es für Riley wichtig ist, regelmäßig zur Schule zu gehen und dass es verboten ist, zu schwänzen. Von einem Brief an seinen Vater sieht er ab, weil – wie er sagt – Weihnachten so kurz vor der Tür steht und Riley bisher nicht negativ aufgefallen ist. Da kann er mal drüber weg sehen, sofern sich Rileys Verhalten in Zukunft bessert. Natürlich verspricht Riley ihm das. Ich bin mindestens genau so erleichtert wie Riley, dass der Direktor seinen verschwunden Vater nicht sprechen will. Es gibt schon genügend Probleme, für die im Moment die Lösung fehlt.
Der Rest des Schultages verläuft ruhig. Nach sechs Stunden verkündet die Schulglocke das Unterrichtsende für diesen Tag. Glücklicherweise ist heute so ein Tag, an dem Mel und Riley zeitgleich Schulschluss haben, was bedeutet, dass sie in etwa den gleichen Heimweg haben. Normalerweise nimmt Mel sonst eine Abkürzung durch diverse kleine Nebenstraßen, doch heute hat der Wind den Schnee dort so hoch aufgetürmt, dass es kaum ein Durchkommen gibt. Ich lächle. Alles funktioniert, wie ich das geplant habe. Ich hatte schon befürchtet, die Schneewehen seien zu niedrig.
So sind die beiden gezwungen, einen ganzen Teil ihres Weges gemeinsam zu gehen und nachdem sie sich eine Weile in Schweigen gehüllt haben, schließt Mel zu Riley auf und versucht mit ihm zu reden. Es ähnelt einem Gespräch mit einer Wand. Sie fragt ihn nach dem Treffen mit dem Direktor, nach seinem Tag, wie es ihm ansonsten so geht, was er macht, ob er nicht Lust hat, am nächsten Tag mit ihr in ein Café zu gehen.
Als sie das sagt, bleibt Riley verdutzt stehen und schaut sie an.
Sie grinst. „Ich mein's ernst. Hast du Lust?“
Riley schüttelt den Kopf und geht weiter. „Ich kann nicht.“ 'Ich kann es nicht bezahlen' würde es wohl noch eher auf den Punkt bringen.
„Auch nicht, wenn ich dich einlade?“ Ich mag Mel. Immer mehr.
„Warum solltest du das machen?“
„Ich möchte dich kennenlernen. Einfach so. Ohne Hintergedanken. Lass uns morgen irgendwo hingehen, ich lad dich ein und danach kannst du dich immer noch entscheiden, ob du mich weiterhin ignorieren willst oder nicht.“
Sie haben die Kreuzung erreicht, an der sich ihre Wege endgültig trennen. Es sind zwei Hauptstraßen. Eine blockierende Schneewehe wäre hier nicht möglich gewesen.
Riley zuckt mit den Schultern. „Meinetwegen.“
„Okay, dann morgen Nachmittag um drei am Markt?“
Riley nickt und Mel winkt ihm zum Abschied, während sie geht. Normalerweise müsste er jetzt geradeaus gehen, aber er biegt nach links ab – geht in die entgegengesetzte Richtung wie Mel. Irgendwo in dieser Gegend auf einem Hinterhof gibt es eine Armenspeisung. Ich denke, er will versuchen,dort etwas zu essen zu bekommen. Die zwanzig Euro müssen schließlich noch lange reichen...

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Vielen Dank für eure Kommentare!