[Adventskalender] 18. Türchen

Mittwoch, 18. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich bin noch einige Zeit bei Riley geblieben, auch wenn er mir keine Beachtung geschenkt hat. Nachdem er das kleine Käsebrot gegessen hat, hat er noch eine Weile Musik gehört, bis er schließlich das Radio ausgeschaltet hat und eingeschlafen ist. Ich habe sein Zimmer trotzdem nicht verlassen. Er erschien mir so verletzlich, so hilflos. In seinem Bett wirkte er verloren, obwohl es eigentlich seiner Größe entspricht. Selbst im Tiefschlaf hat er sich immer wieder hin und her gewälzt. Hat einfach keine Ruhe gefunden. Es hat ihm nicht einmal geholfen, als ich mich zu ihm gesetzt und ihm sanft über die Haare gestrichen habe.
Gegen Mitternacht bin ich gegangen und nun stehe ich – wie so viele Male zuvor – wieder im nächtlichen Park. Es stürmt und aus den sanft fallenden Flocken sind feste Eiskristalle geworden, vor denen sich die meisten zu schützen versuchen. Ich nicht. Mir machen sie es nichts aus.
Der Sturm scheint meinen inneren Zustand widerzuspiegeln. Vermutlich tut er das auch.
Ich hatte gehofft, es würde mir leichter fallen, Riley zu helfen, wenn ich erst begreife, was in letzter Zeit mit ihm los ist, aber dem ist nicht so. Überhaupt nicht. Es haben sich nur noch mehr Probleme ergeben, mit denen ich kaum zurechtkomme. Dem Brief seines Vaters nach hat der nicht allzu bald vor, wieder zurückzukommen. Demnach ist Riley allein, obwohl er noch minderjährig ist und eigentlich nicht allein leben dürfte. Abgesehen davon stellt sich mir immer und immer wieder die Frage, wie Riley so zurecht kommen soll. Er hat, abgesehen von dem bisschen, was sein Vater ihm gelassen hat, kein Geld. Wie soll er die Miete bezahlen? Sein Essen? Strom und Wasser? Heizung? Die zwanzig Euro, die ihm geblieben sind, werden nicht einmal einen halben Monat reichen, selbst wenn er sparsam lebt. Dass er kein weiteres Geld besitzt, hat er bewiesen, als er durch die Cafés getigert ist...
Ich seufze, sehe hinauf zu den Sternen. Allmählich bezweifle ich, dass Mel ihm wirklich helfen kann. Wie soll sie sein Geldproblem lösen? Seinen Vater kann sie nicht zurückholen. Sie kann ihm höchstens helfen, zu sich selbst zu finden, aber sind andere Probleme nicht viel dringender geworden?
Und abgesehen davon: Wie soll ich sie überhaupt davon überzeugen, mir zu helfen? Auf dem Weg in den Park war ich noch einmal kurz bei ihr. Habe versucht, ihre Mithilfe zu sichern. Erfolglos. Sie hat überhaupt nicht reagiert. Als wäre Riley ihr egal. Hat er sie mit seinem Verhalten so sehr verletzt? 
Um ehrlich zu sein, kann ich mir das nicht vorstellen, denn sie schien eher traurig, als wirklich getroffen von seinen Beleidigungen. Ich schätze, sie ahnt, dass bei ihm irgendetwas überhaupt nicht stimmt. Nur das gesamte Ausmaß seiner Schwierigkeiten kennt sie nicht.
Ich fahre mit den Fingerspitzen über einige schneebedeckte Büsche. Beobachte, wie der Schnee aufwirbelt und rasch zu einer Kaskade spitzer Kristalle wird, die durch die Luft fegen. Ich folge ihnen mit den Augen. Ganz langsam verziehen sich meine Lippen zu einem Lächeln. Ich denke, ich weiß, wie ich zumindest das kleinste Problem lösen kann. Wie ich Mel überzeugen kann, Riley zu helfen, sich selbst wiederzufinden. Mit Reden allein bin ich nicht vorwärts gekommen, aber wie heißt ein gern genutztes Sprichwort? 
„Lass Worten Taten folgen.“

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