[Adventskalender] 17. Türchen

Dienstag, 17. Dezember 2013 | Kommentieren
Mel bleibt noch einige Minute auf der Treppe sitzen. Vielleicht hofft sie, dass Riley wiederkommt, aber er bleibt im Haus. Sie wirkt traurig. Anscheinend hat sie sich mehr von dem Treffen erwartet. Ich auch. 
Als sie aufsteht und sich auf den Heimweg macht, entschließe ich mich, nach oben zu Riley zu gehen. Weder die Haustür noch die Wohnungstür sind abgeschlossen, aber selbst wenn, das hätte mich nicht behindert. Leise öffne und schließe ich die Tür. Kurz überlege ich, ob es nicht bessere wäre, anzuklopfen oder zu klingeln oder mich irgendwie anders bemerkbar zu machen, damit er sich nicht erschreckt, aber schließlich entscheide ich mich doch dagegen. Ich möchte nicht, dass er wieder die Maske aufsetzt. Möchte ihn sehen, wie er wirklich ist. Möchte wissen, wie es ihm tatsächlich geht. Eventuell kann ich dann herausfinden, was mit ihm los ist.
In der Wohnung ist noch immer die gleiche schlechte Luft wie beim letzten Mal. Ich höre es in der Küche klappern. Sicher sein Vater. In Rileys Zimmer läuft leise das Radio. Die Tür ist einen Spalt offen und ich schlüpfe hinein. Eigentlich hatte ich gehofft, es sei wärmer hier, aber es ist ebenso kalt wie in der ganzen Wohnung. Nicht nur kalt, weil keine Heizung läuft, sondern auch emotional. Hier stehen keine Fotos, keine Poster, nichts Persönliches. Hier könnte jeder wohnen. Nichts weist auf Riley oder seinen Vater hin.
Ich sehe mich weiter in seinem Zimmer um, doch er ist nicht hier, also verlasse ich es wieder und gehe langsamen Schrittes durch die Wohnung.
Aus dem Bad höre ich keine Geräusche. Kein Fernseher läuft im Wohnzimmer. Nur das beständige Klappern in der Küche. 
Noch während ich hineingehe, frage ich mich, wo Riley hingegangen sein kann, denn die Überzeugung, dass sein Vater dort ist, verlässt mich nicht. Aber Riley steht vollkommen allein in der Küche – durchsucht die Schränke, das Gefrierfach, den Backofen. Ich beobachte ihn eine ganze Weile, ehe ich feststelle, dass er wohl nach etwas zu essen sucht. Die Tüten und Packungen, die er findet, sind nahezu komplett leer. Sie landen nacheinander auf dem Fußboden. In den unteren Küchenschränken stehen einige Sixpack Bier und mehrere Flaschen Hochprozentiges. Nichts Essbares. Im Kühlschrank findet er schließlich doch noch hinter vergammelter Wurst und einem schimmligen Apfel zwei Scheiben harten Käse, der wenigstens halbwegs essbar aussieht. In einer Dose auf der Arbeitsplatte liegt noch eine Scheibe Brot. Die verschimmelte Stelle auf einer Seite schneidet er ab. Ich bin mir nicht sicher, ob das Brot dadurch wieder essbar wird, aber Riley scheint es zu genügen. Auch wenn es bei weitem nicht satt machen kann.
Er nimmt sich das Käsebrot mit in sein Zimmer. Ich sehe mich noch einen Moment in der Küche um. Vielleicht kann ich doch noch irgendwo etwas zu essen für Riley finden. 
Ich habe ebenso viel Erfolg wie Riley. Das einzige, was ich finde, ist ein Zettel, der mich allmählich verstehen lässt, warum es Riley so schlecht geht. Er ist von seinem Vater, geschrieben in krakeliger Schrift.
„zihe zu einen freund. du komst schon alein zu recht. in schrank im schlafzimmer liegen noch zwanzich euro. reicht eine weile.“
Ich fürchte, sein Vater hat keine Ahnung, was man heutzutage zum Leben braucht.

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