[Adventskalender] 16. Türchen

Montag, 16. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich hatte recht mit meiner Ahnung: Riley hat sich verändert und das auf keinen Fall zum Positiven.
Heute ist der dritte Tag, an dem mich mein Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmt, begleitet. Er trinkt immer häufiger – nicht mehr nur abends und nicht mehr nur noch auf der Treppe. Und es wird immer mehr. Erst nur ein oder zwei Flaschen Bier, dann Wodka und anderes Höherprozentiges, aber davon maximal eine halbe Flasche. Ohnehin schon zu viel für so einen jungen Kerl. Zuletzt hat er im Laufe eines Nachmittags und Abends eine ganze Flasche Wodka geleert – die Pappe Orangensaft, von der er ab und zu etwas Saft mit Wodka gemischt hat, war am Ende trotzdem noch fast voll. Ich hatte gehofft, dieses Verhalten wäre nur eine Phase, die sich wieder gibt, aber mittlerweile habe ich die Befürchtung, dass sich Riley direkt in eine Sucht manövriert. Und ich weiß nicht, wie ich ihn davon abhalten soll. Ich habe bereits versucht, mit ihm zu reden, habe ihm erklärt, was für schreckliche Folgen ein hoher Alkoholkonsum haben kann, aber es schien ihn nicht zu interessieren. Er war ebenso unbeteiligt wie sonst auch. Als wäre ihm alles egal.
Bis vor kurzem hatte ich auch gedacht, sein Verhältnis zur Schule habe sich gebessert, schließlich hat er sich wieder am Unterricht beteiligt und sogar Hausaufgaben gemacht. Aber vorgestern ist er nach der Hälfte seiner Stunden grundlos gegangen, ohne sich abzumelden, und gestern und heute hat er den Unterricht komplett geschwänzt. Ich habe noch versucht, auf ihn einzureden, aber ebenso gut hätte ich mich vor eine Wand stellen können. Der Effekt wäre der gleiche gewesen.
Also habe ich beschlossen, mein Glück weiterhin bei Mel zu versuchen. Ernsthaft vorangekommen bin ich bei ihr auch noch nicht. Sie weiß inzwischen über Riley Bescheid – ich hoffe zumindest, dass sie mir richtig zugehört hat – und sie dürfte auch wissen, dass er ihre Hilfe braucht. Ich habe ihr gesagt, dass es reichen würde, wenn sie versucht, mit ihm zu reden. Vielleicht sogar eine Freundschaft aufzubauen. Mehr bräuchte es vermutlich nicht. Wenn er erst jemanden hat, dem er etwas bedeutet, wird es ihm sicher bald besser gehen. Hoffe ich. Obwohl ich noch immer nicht verstehe, was seinen Sinneswandel in den letzten Tagen bewirkt hat.
Ich warte auf dem Schulhof auf sie, stehe neben einer Bank und beobachte, wie sich zwei Spatzen um einen Sonnenblumenkern zanken. Der eine ist rundlich, der andere dürr. Ich strecke die Finger meiner rechten Hand. Wind, durchzogen von kleinen Schneekristallen, wirbelt auf und schubst den dicken Spatz fort. Der kleine Dünne schnappt sich das Körnchen und fliegt davon. Ich lächle. Der andere schimpft und hüpft weiter über den Schnee – auf der Suche nach weiteren Körnern, doch von dem, was irgendwer dorthin gestreut hat, sind ansonsten nur noch Schalen übrig.
Es klingelt zum Unterrichtsende und ich brauche nicht lange warten, bis Mel herauskommt. Sie verabschiedet sich von ihren Freundinnen und geht Richtung Straße – kommt direkt auf mich zu. Sie schaut kurz zu mir, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie mich wirklich sieht, und geht an mir vorbei. Ich folge ihr, versuche sie erneut davon zu überzeugen, endlich mit Riley zu reden. Nach einigen Momenten holt sie Kopfhörer aus ihrer Jackentasche und stöpselt sie sich in die Ohren. Ich glaube zwar nicht, dass sie mich noch hört, aber ich rede trotzdem weiter auf sie ein.
Es scheint tatsächlich zu helfen, denn wenig später stehen wie in Sichtweite zu Rileys Haus. Mel wirkt ebenso überrascht wie ich.
Riley sitzt wieder auf der Treppe und ehrlich gesagt möchte ich gar nicht wissen, was in der Flasche ist, die neben ihm steht.
Ich drehe mich zu Mel, möchte ihr sagen, dass sie doch endlich mit Riley reden soll, doch da ist sie schon losgegangen, direkt auf ihn zu. Er bemerkt sie erst, als sie sich neben ihn setzt, ihm die Flasche wegnimmt und, ohne mit der Wimper zu zucken, neben die Treppe zu den anderen Flaschen wirft. Sie fällt auf eine zweite und beide zerspringen klirrend. Der Inhalt sickert unwiederbringlich in den Schnee.
Einen Augenblick starrt er sie fassungslos an, ehe er seine Stimme wiederfindet: „Sag mal, hast du sie noch alle?!“
„Riley“, beginnt sie, doch er lässt sie nicht zu Wort kommen.
„Verpiss' dich!“
Sie lässt sich nicht davon irritieren, aber ich kann sehen, wie sehr sie Rileys Verhalten trifft. „Und dich hier ganz allein lassen?“
„Das kann dich einen Scheißdreck kümmern! Verschwinde!“
Sie bleibt sitzen. Schließlich ist es Riley, der aufsteht und ins Haus geht. Ich seufze. Irgendwie hatte ich mir das doch einfacher vorgestellt...

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