[Adventskalender] 15. Türchen

Sonntag, 15. Dezember 2013 | Kommentieren
Irgendetwas stimmt mit Riley nicht. Ich meine nicht, dass er sich plötzlich für die Schule interessiert. Dass er seine sogenannten Freunde verloren hat. Dass er mit einem Mal ein Einzelgänger an seiner Schule ist. Dass er zwar seltener auf der Treppe vorm Haus sitzt, aber dafür, wenn er dort ist, richtige Spirituosen und nicht mehr nur Bier trinkt. Dass er seinen Job verloren hat.
Das ist es nicht.
Ich wünschte, ich könnte sagen, was mit ihm los ist, was ihm fehlt. Krank ist er nicht mehr. Es geht ihm besser. Das Fieber ist weg, die Übelkeit und der gelegentliche Husten auch.
Ich vermag nicht zu sagen, was mit ihm nicht stimmt. Ich weiß lediglich, dass es so ist. Dass irgendetwas anders ist.
Vielleicht ist es der Ausdruck in seinen Augen, der seit Neustem getrübt erscheint. Vielleicht sind es seine Bewegungen, die zeitweise schleppend, langsam, schwerfällig erscheinen. Vielleicht hat die Normalität, mit der er auf der Treppe sitzt und trinkt, etwas damit zu tun. Vielleicht liegt es an seiner Maske. Genauer gesagt, an der teilweise fehlenden Maske, die nun wieder perfekt sitzt. Er hat sie repariert, aber ich bin mir nicht sicher, zu welchem Preis.
Es gibt vieles, was sich verändert hat, aber ich bin unschlüssig, was mir das Gefühl gibt, Riley habe sich verändert. Und vor allem, was die Ursache dafür ist. Normalerweise würde ich sagen, dass es an der ganzen veränderten Situation liegt, in der er nun steckt, aber erst zwei oder drei Tage, nachdem er seine Clique und seinen Job verloren hat, war er irgendwie anders drauf. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es daran lag. Es war einfach zu viel Zeit zwischen den Ereignissen. Es muss noch einen anderen Grund geben, da bin ich mir sicher.
Oder ich bilde es mir ein und alles ist in Ordnung und Rileys neues Auftreten ist nur eine Nebenerscheinung seiner wiederhergestellten Maske.
Möglich wäre es, aber dann müsste ich ernsthaft darüber nachdenken, diese Maske zu hassen, zumal ich das Gefühl habe, Riley wolle immer mehr verbergen, wer er wirklich ist. Sein wahres Selbst verschwindet immer mehr hinter der Figur „Riley“, die er geschaffen hat.
Es ist Dienstag. Hofpause in der Schule. Riley steht wieder allein in der Nähe des Eingangs, Mel und ihre Freundinnen unterhalten sich nur wenige Meter neben ihm. Er scheint sie dennoch nicht zu beachten. Gestern Abend habe ich erstmals versucht, Mels Aufmerksamkeit zu erregen. Ich habe mit ihr geredet, habe versucht, ihr möglichst knapp zu erklären, wer Riley eigentlich ist und dass es ihm helfen würde zu wissen, wie sehr sie ihn mag. Ich fürchte, mit dieser Äußerung war ich etwas zu forsch. Während sie anfangs noch zuzuhören schien, hat sie sich schließlich abgewendet und gar nicht mehr reagiert, egal, was ich gesagt habe.
Für heute habe ich beschlossen, sie ein Stück auf dem Heimweg zu begleiten. Was ich sagen soll, weiß ich noch nicht, aber vermutlich werde ich das ebenso spontan entscheiden wie vieles, was ich in letzter Zeit getan habe. Meiner Meinung nach ist das der beste Weg, denn die passendsten Ideen entstehen sowieso oftmals aus der Situation heraus.

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