[Adventskalender] 14. Türchen

Samstag, 14. Dezember 2013 | Kommentieren
In den folgenden zwei Tagen folge ich Riley überall hin, in der Hoffnung, jemanden zu finden, der ihm helfen kann. Die Tage unterscheiden sich kaum von den vorangegangenen. Ich habe das Gefühl, Riley bemüht sich wieder mehr in der Schule. Er zeigt Interesse am Unterricht, macht sogar Hausaufgaben. Von seiner alten Clique wird er dafür zwar verachtet, aber er gibt sich große Mühe, alles so aussehen zu lassen, als wäre es ihm egal. Ist es ihm nicht, aber der Schein zählt. Ein Teil seiner Maske – der verzweifelte Versuch, sie irgendwie wieder vollständig zu schließen. Ob es ihm gelingt, weiß ich nicht. Manchmal wünsche ich es ihm, manchmal bete ich, es würde ihm nicht gelingen. Das eine würde seine Seele vor noch größeren Schmerzen schützen, das andere könnte ihn vielleicht retten. Ich kann unmöglich sagen, ob seine Maske Fluch oder Segen ist. Vermutlich beides zugleich.
Ich beobachte ihn auf dem Weg zur Schule, während des Unterrichts, in den Pausen, nach der Schule, auf dem Heimweg, Zuhause, auf der Treppe, beim Schlafen. Es vergeht kaum ein Moment, in dem ich ihn aus den Augen lasse. Einerseits möchte ich nicht, dass ihm im Augenblick einer Unachtsamkeit etwas geschieht, andererseits hoffe ich, jemanden zu finden, der mir hilft, meinen Plan in die Tat umzusetzen.
Und ich kann nicht behaupten, niemanden zu sehen.
Dort ist die Oma aus Rileys Nachbarschaft, die ihm auffällig oft mitleidige Blicke zuwirft. Ich denke, sie weiß in etwa, was mit ihm los ist. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wie Riley auf sie reagieren würde. Was mit seiner Mutter geschehen ist, habe ich immer noch nicht herausfinden können. Ich will keine alten Wunden aufreißen, wenn jemand in sein Leben tritt, der ihn entfernt an seine Mutter erinnert, die nicht für ihn da ist.
Dort ist der Geschichtslehrer, bei dem Riley manchmal Vertretungsstunden hat. Er versucht oft, ihn für seine Geschichts-AG zu begeistern. Riley ist wirklich gut in Geschichte, das habe ich in den letzten beiden Stunden gemerkt. Ich glaube auch, dass er tief in sich drin Interesse daran hätte, sich aber nicht traut, zuzusagen. Warum weiß ich nicht. Auch dieser Lehrer kommt nicht in Frage. Für einen Freund ist er wohl zu alt, auch wenn Freundschaft kein Alter kennt, doch er ist ungefähr so alt wie Rileys Vater, hat die gleiche Haarfarbe und ebenfalls einen kurzen Kinnbart. Wie soll ihm jemand helfen, der ihn so sehr an seinen Vater erinnert, der sich nicht um ihn sorgt?
Und dort ist dieses Mädchen, Mel. Eigentlich heißt sie Melanie, aber sie mag es nicht, so genannt zu werden. Sie ist in Rileys Jahrgang, sie haben sogar manche Unterrichtsstunden gemeinsam, aber er scheint sie noch nicht bemerkt zu haben. Sie ihn dagegen schon. Anfangs habe ich noch geglaubt, ihre Blicke wären zufällig, doch so häufig, wie sie zu ihm sah, konnte das kein Zufall mehr sein. Während einer Gruppenarbeit in Philosophie hat sie Riley gebeten, mit in ihre Arbeitsgruppe zu kommen. Er wollte erst nicht, aber nachdem die anderen Gruppen voll waren und der Lehrer ihm verboten hat, allein zu arbeiten, musste er mit zu ihr gehen. Anfangs hat er gar nichts gesagt, erst nach einer Weile hat er sich an der Lösung der Aufgaben beteiligt. Seinen Blicken nach zu urteilen war er überrascht von dem, was Mel alles über Sokrates, Platon und Co. weiß. Ich denke, es hat ihm gefallen. Er hat ihr gefallen, das habe ich ihr angesehen.
Nach der Stunde wollte sie noch mit ihm reden, aber er ist regelrecht aus dem Klassenraum geflüchtet. Wenig später stand er draußen auf dem Schulhof und hat sich die Haare gerauft, den Kopf geschüttelt. Er hat sich geärgert. Eindeutig.
In diesem Moment bin ich mir absolut sicher: Mel ist die Richtige. Ich kann nur hoffen, dass sie nicht so ignorant ist wie Riley. Dass sie mir hilft.
Dass sie ihm hilft.

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