[Adventskalender] 13. Türchen

Freitag, 13. Dezember 2013 | Kommentieren
Nachdem Riley im Schulhaus verschwunden ist, gehe ich wieder in den Park. Ich brauche Zeit. Zum Nachdenken. Zum Pläne schmieden. Zum ruhiger werden. Auf keinen Fall darf ich mich länger von der wachsenden Verzweiflung ablenken lassen. Meine Gedanken müssen sich wieder klären.
Die Sonne hat es endlich einmal geschafft, sich durch die dicke Wolkendecke zu kämpfen. Ich weiß nicht, wann sie zuletzt geschienen hat. Wann ich das letzte Mal das Winterparadies bei Tageslicht bewundern konnte – ich habe keine Ahnung, aber ich bezweifle, dass es diesen Winter schon einmal vorkam. Der Schnee strahlt weiß, vollkommen rein, und Millionen von winzigen Eiskristallen auf den Bäumen glitzern in allen Farben des Regenbogens. Meisen und Spatzen hüpfen über den Schnee, auf einem Ast zwitschert eine Amsel. Es weht ein leiser Wind, nur ein Hauch, der sich anfühlt wie der zarte Kuss der Winterkönigin.
Ich setze mich auf eine der Bänke, von der gerade der Schnee weht und genieße einige Momente den Frieden an diesem Ort. Ich hätte schon wesentlich eher darauf kommen sollen, diesen Ort aufzusuchen. Bisher hat er mir immer geholfen. Hier beginnt alles, hier endet alles. Hier fand ich stets Ruhe, Frieden, Ideen. Warum sollte es dieses Mal anders sein?
Ich beobachte eine Mutter, die einen Kinderwagen durch den Park schiebt, eine Gruppe Jungen, die sich auf dem Weg zur Turnhalle mit Schneebällen bewerfen, einen Mann mit Aktentasche, der in den Park eilt und scheinbar schneller laufen will, doch er wird immer langsamer, je weiter er in den Park kommt, sieht sich immer öfter um, beginnt zu lächeln. Ich wünschte, bei Riley wäre es ähnlich einfach, doch seine Probleme sind tiefgreifender. Ein schöner Wintertag kann ihm nicht helfen, sonst wäre ich wohl kaum bei ihm gelandet. Riley braucht mich wirklich, braucht meine Hilfe, meinen Beistand. Doch wie ich ihm all das geben kann, während er mich ignoriert, ist mir ein Rätsel.
Wenn er mir zuhören würde, sich helfen lassen würde, wäre es so viel einfacher, doch es scheint mir, als würde er kaum eines meiner Worte überhaupt bemerken. Als wäre ich Luft für ihn. Nach unserem letzten gemeinsamen Besuch im Park kann ich es ihm nicht übel nehmen – vielleicht ist er mir doch böse – aber er hat sich schon vorher so verhalten, also kann es nicht ausschließlich daran liegen.
Ich beobachte weiter die Passanten – eine kleine Gruppe Jugendlicher geht lachend an mir vorbei. Ich folge ihnen mit den Augen, spüre, wie allmählich eine Idee in mir reift. Es müsste jemanden geben, dem er zuhört. Der nicht nur Luft für ihn ist. Ein wirklicher Freund oder eine gute Freundin, doch bisher hat Riley etwas dergleichen nicht. Noch nicht. Ich lächle. Da scheint er zu sein, der Plan, nach dem ich gesucht habe. Ich muss unbedingt jemanden finden, dem Riley zuhört. Und mir, denn ich bezweifle, dass derjenige es aus eigener Kraft schafft, hinter Rileys Maske zu blicken.
Am Abend gehe ich wieder zu meinem Schützling. Er sitzt wieder auf der Treppe – noch deprimierter, als ich ihn schon kenne. Der erste Tag vollkommen allein in der Schule, ohne seine vermeintlichen Freunde, muss schwer für ihn gewesen sein. Zu meinem Bedauern hat er wieder eine Flasche in der Hand, aus der er häufiger als sonst trinkt. Allerdings ist das nicht der Hauptgrund für das bedrückende Gefühl, dass mich bei seinem Anblick beschleicht. Es ist nicht seine traurige Ausstrahlung, seine dünne Kleidung, seine Einsamkeit oder das Trinken. Es ist das, was er trinkt. Nicht Bier wie in den letzten Tagen. Mittlerweile muss ich sagen: Leider nicht. Es ist etwas Hochprozentiges. Das Etikett kann ich nicht lesen, aber als ich näher herantrete, erinnert mich der Geruch an Wodka.
Mit aller Kraft muss ich mich an das Hochgefühl klammern, das ich durch meinen Plan hatte. Es ist schwer. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gelingt.

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