[Adventskalender] 12. Türchen

Donnerstag, 12. Dezember 2013 | Kommentieren
Erst drei Tage später wage ich mich wieder in Rileys Nähe. Zuvor habe ich ihn ab und zu aus der Ferne beobachtet, doch nie lange genug, damit er mich bemerken konnte.
Es ist Montag. Riley geht es wieder besser. Noch am Freitag war er in der Apotheke und hat sich etwas gegen Übelkeit und gegen Fieber geben lassen. Ich glaube, es hat ihm geholfen, zumindest was das Physische angeht. Der Rest dagegen sieht zunehmend schlechter aus. Das Wochenende war ruhig für ihn. Er saß nicht auf der Treppe, hat kein Bier getrunken. Eigentlich ein Lichtblick... Er hat sich die ganze Zeit in seinem Zimmer versteckt, lag in seinem Bett, hat so getan, als würde er schlafen, doch ich habe ihn weinen gehört. Sein Vater nicht. Ihn schien nicht zu interessieren, wie es seinem Sohn geht. Er hat nichts bemerkt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er Rileys Verschwinden bemerkt hätte, wenn er tatsächlich im Park, im Schnee liegen geblieben wäre.
Freitagabend wollte er wieder arbeiten gehen. Wieder mitten in der Nacht. Was genau geschehen ist, weiß ich nicht, doch er war kaum eine halbe Stunde in dem Club, bevor er wieder herauskam – mit hängenden Schultern, niedergeschlagen. Verzweifelt. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass er gefeuert wurde. Den Grund kenne ich nicht.
Nun sehe ich immer deutlicher, wie seine Maske bröckelt. Ich bezweifle, dass er sie noch lange aufrecht erhalten kann. Dafür fehlt ihm allmählich die Kraft.
Ich folge Riley auf seinem Weg zur Schule – erst in großem Abstand, der immer kleiner wird, bis ich nur noch einen Schritt hinter ihm bin. Es scheint ihn nicht zu stören. Unsicher bin ich trotzdem. Ich mache mir noch immer Vorwürfe. Erklären kann ich mir nicht, wie es so weit kommen konnte, doch allein die Tatsache, dass es beinahe geschehen ist, ist schlimm genug. Egal, ob es Gründe gibt oder nicht.
Heute ist Riley früher als sonst in der Schule. Er ignoriert seine ehemalige Clique, die wieder abseits der vielen anderen steht, und geht hinüber zum Haupteingang. Die Jungen und Mädchen, die sie einmal seine Freunde schimpften, werfen ihm hämische Blicke nach, grinsen schadenfroh, einer ruft ihm Beleidigungen hinterher. Sagt, Riley sei feige, dumm, schwach, ein Streber, langweilig. Ich bezweifle, dass er seine Anschuldigungen begründen könnte und bete, dass Riley die Worte nicht ernst nimmt. Mittlerweile möchte ich behaupten, ihn einigermaßen zu kennen, und er ist viel stärker als viele, die sich auf diesem Hof befinden. Seine alte Clique eingeschlossen.
Vor der Treppe zum Eingang bleibt Riley stehen, wartet auf das Klingelzeichen, starrt stumm auf den grauen Boden. Auch wenn viele andere Schüler dort stehen, ist er allein. Genau wie die meisten anderen, die hier auf den Unterrichtsbeginn warten. Es ist ein Ort, an dem sich die Einzelgänger sammeln, um gemeinsam allein zu sein.
Während Riley dort wartet, bin ich am Rande des Schulhofs zurückgeblieben. Es tut mir weh, ihn so zu sehen. Ich beobachte ihn, beobachte all die anderen, blicke zur Schule, hinüber zum Kindergarten und auf die Straße. Suche nach einer Idee, wie ich ihm helfen kann, doch entweder sind die Hinweise zu gut versteckt oder es gibt einfach keine. Ich weiß es nicht. Doch ich spüre, wie Rileys Verzweiflung nach und nach auf mich übergreift.

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