[Adventskalender] 11. Türchen

Mittwoch, 11. Dezember 2013 | Kommentieren
Ich atme ruhig, nehme die kühle Luft in mich auf, lasse sie durch meinen Körper fließen, atme aus. Es ist ruhig. Der Wind rauscht über uns in den Bäumen, entfernt zwitschern ein paar Meisen, doch ihr Ruf wird allmählich leiser. Sie begeben sich zur Nachtruhe. Es ist jetzt sicher schon dunkel und die Sterne stehen am Himmel. Ich will meine Augen nicht öffnen, um nachzusehen. Will nur weiter diese Atmosphäre genießen.
Meine linke Hand liegt auf Rileys. Ich fühle einen ganz leichten Puls unter seiner kühlen Haut, die noch so glatt wie die eines Kindes ist. Irgendwo ist er auch noch ein Kind. Ein Kind, das in den Körper eines Heranwachsenden, fast schon eines Erwachsenen gezwungen wurde. Als wäre das sein einziges Problem... Wenn er wenigstens den Rückhalt seines Vaters hätte oder Freunde, die ihn unterstützen... Nichts davon hat er. Er ist allein. Muss sich hinter einer Maske verstecken, weil er sich nicht traut, sein wahres Ich zu zeigen. Ein Ich, das ich selbst noch nicht kennenlernen durfte. Vielleicht werde ich es sehen. Bald. Sehr bald.
Ich erinnere mich an Mama, die mir zeigte, wie wundervoll der Winter sein kann. Ohne sie hätte ich all das nie bemerkt. Wäre so blind und taub geblieben, wie es die meisten heute noch immer sind. Mama ist mittlerweile fort. Wie so viele andere.
Mit einem Ruck setze ich mich auf. Meine Hand rutscht von Rileys. Sie sind gegangen. Wie Riley gehen wird. Was danach kommt, weiß ich nicht. Kann nicht einmal sagen, ob es ihm dort, wo er hingehen wird, besser gehen wird. Wie kann ich ihn an einen Ort schicken, den ich selbst nicht kenne? Das ist keine Hilfe, das ist Mord!
Auf Knien rutsche ich an Riley heran. Er liegt ganz ruhig dort, im Schnee. Zittert nicht einmal mehr. Man könnte fast meinen, meine Einsicht käme zu spät, würde sich sein Brustkorb nicht immer wieder langsam heben und senken. Er atmet. Noch.
„Riley? Riley! Komm schon, wach auf!“ Ich rüttelte an seiner Schulter, doch er bewegt sich keinen Millimeter. „Riley, du darfst nicht hier schlafen! Steh endlich auf! Riley, bitte, es tut mir leid. Jetzt mach endlich die Augen auf!“
Er reagiert nicht. Ich bewerfe ihn mit Schnee, hoffe, eine ähnliche Wirkung damit zu erzielen wie ein Eimer kaltes Wasser, doch sein Körper ist ausgekühlt, er bemerkt es nicht. Wieder rüttele ich ihn, versuche ihn wach zu bekommen – der Wind frischt auf, fegt in kräftigen Böen über ihn hinweg, weht Schnee über ihn.
Zunehmend verzweifelt versuche ich alles, was mir einfällt, um ihn wach zu bekommen. Ich kann ihn nicht forttragen, so gern ich möchte. Es geht nicht. Warum kann es nicht gehen? Was hab ich nur getan?!
Sein Gesicht ist nahezu vollständig von Schnee bedeckt, als er zu husten beginnt und sich aufsetzt. Ich lasse mich erleichtert nach hinten in den Schnee fallen. Beobachte ihn. Er zittert wieder und steht auf wackligen Beinen auf. Einige Augenblicke starrt er entgeistert auf jene Stelle, an der er gelegen hat, ehe er zunächst rückwärts stolpert, sich dann umdreht und sich rasch entfernt.
Ich lasse ihn allein ziehen. Kann nicht begreifen, was ich beinahe getan hätte. Wie konnte es so weit kommen? Wie konnte ich glauben, Riley so zu helfen? Ich verstehe es nicht. Bin mir nicht sicher, ob es dafür überhaupt eine verständliche Erklärung gibt.
Der Wind hat nachgelassen. Es schneit nicht mehr. Mein Winterparadies ist wieder verschwunden. Eine kleine Strafe im Vergleich zu dem, was ich im Begriff war zu tun.

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