[Adventskalender] 10. Türchen

Dienstag, 10. Dezember 2013 | Kommentieren
Riley irrt den ganzen Tag durch die Stadt. In den ersten Stunden, nachdem wir den Schulhof verlassen haben, versuche ich noch, ihn davon zu überzeugen, zum Arzt zu gehen, gebe es aber irgendwann auf. Ich fühle mich, als würde ich mit einer Wand reden. Nicht, dass Riley sonst großartig auf mich reagiert hätte, aber ein gewisses Maß an Reaktionen hat er in letzter Zeit immerhin gezeigt. Die zurückgekehrte Ignoranz macht mich traurig.
Er streift durch die Stadt – ungeachtet der Kälte und der voranschreitenden Zeit. Irgendwann habe ich das Gefühl, jede Straße, jede Gasse, die wir passieren, an diesem Tag schon einmal gesehen zu haben. Ich weiß nicht, ob es Einbildung ist. Eigentlich war ich immer der Meinung, jeder, der krank ist, hätte kaum Kraft und würde es dementsprechend höchstens unter Zwang schaffen, sich lange auf den Beinen zu halten. Doch Riley überzeugt mich von einem Gegenteil. Seine Augen haben noch immer diesen fiebrigen Glanz und er ist blass – gesund ist er also nicht. Das vorhin war kein Anflug von morgendlicher Übelkeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihm viel besser geht als heute Morgen.
Als es ihm letztendlich doch zu kalt zu werden scheint, geht er ab und zu in eines der Geschäfte, die die Straßen säumen. Der Auslage schenkt er keinerlei Beachtung. Er geht lediglich langsamen Schrittes durch die Gänge, ignoriert die irritierten Blicke mancher Verkäuferinnen und verlässt den Laden wieder Dass ihm durch diese kurzen Abstecher tatsächlich wärmer wird, bezweifle ich.
Ihm scheint es ähnlich zu gehen, denn anstatt nach einiger Zeit wieder in einen Laden zu gehen, betritt er ein kleines Café und setzt sich an einen der Tische. Ich rutsche ihm gegenüber auf eine Bank und beobachte ihn. Er stützt die Ellenbogen auf den Tisch und legt das Kinn auf seine Hände. Er starrt mich an und dennoch habe ich das Gefühl, dass er mich nicht sieht. Als wäre ich Luft für ihn.
Es dauert nicht lange, bis ein Kellner auf ihn aufmerksam wird. Als er dienen will, Riley jedoch kein Geld bei sich hat, schickt er ihn fort. Seine Schultern hängen herab, als wir das warme Café verlassen. Riley versucht es noch zwei weitere Male, doch die enden kaum anders.
Letztendlich stehen wir wieder auf der Straße. Allmählich scheint er zu begreifen, dass es nichts bringt, ziellos durch die Stadt zu laufen. Ich versuche noch einmal, ihn davon zu überzeugen, endlich nach Hause zu gehen. Die Wohnung an sich war zwar nicht sehr warm, aber dafür wartet dort sein Bett. Er seufzt und schaut hinauf zu der großen Uhr am Rathaus. Es ist schon nach vier Uhr nachmittags.
Ich denke, nach und nach zeigen meine Worte Wirkung, denn er nimmt nun eine Straße, von der ich mir recht sicher bin, dass sie zu ihm nach Hause führt. Die Stadt leert sich langsam und der Himmel wird dunkler. Es wird Abend. Waren wir wirklich so lange in der Stadt unterwegs? Ich kann es mir kaum vorstellen.
An der Ecke zu jener Straße, in der Rileys Zuhause liegt, bleibt er plötzlich abrupt stehen, atmet tief durch, zögert noch einmal, dreht sich dann um und geht in die entgegengesetzte Richtung. Mittlerweile bin ich mir recht sicher, dass ich irgendetwas zwischen ihm und seinem Vater nicht mitbekommen habe. Für wenige Augenblicke stand in seinen Augen ein Ausdruck, den ich nicht wirklich zu deuten vermag. Irgendetwas zwischen Unsicherheit und Angst, aber so wirklich nichts von beidem.
Also laufen wir wieder durch die Stadt. Ziellos. Wie zuvor. Ich beobachte ihn, wie er mal vor, mal neben mir läuft. Wie er mal auf den Boden, mal in den Himmel starrt. Und wieder frage ich mich, wie ich ihm helfen kann. Was ich tun kann, um ihm das Leben etwas zu erleichtern. Wie ich...
Ich stutze, erinnere mich an meine eigene Vergangenheit und mit einem Mal habe ich eine Idee, was ich tun kann. Damals, als es mir so schlecht ging, wurde der Winter zu meinem Paradies. Damals erkannte ich, welch wundersame Wirkung die weißen Flocken haben können.
„Was hältst du davon, wenn wir ein wenig in den Park gehen?“, möchte ich von Riley wissen. Er antwortet nicht, aber dass er mir folgt, als ich den kürzesten Weg dorthin einschlage, reicht mir.
Der Park sieht noch genauso verwunschen aus, wie ich ihn in Erinnerung habe. Ich suche uns eine schöne Stelle zwischen zwei alten Eichen, an der die weiße Schneedecke noch gänzlich unberührt ist, und lasse mich in den Schnee fallen. Riley tut es mir gleich. So liegen wir im Schnee, um uns herum eine angenehme Stille, ab und zu das Rauschen der Bäume und unter unseren Körpern die feinen filigranen Formen der Schneekristalle. Ich sehe ihn an, folge seinem Blick hinauf in den Himmel. Es schneit wieder. Und es dämmert. Vor dem dunkler werdenden Himmel leuchten die Flocken, die sanft hinab schweben.
Ich atme tief durch. Genieße diese einmalige Atmosphäre, die ich so liebe. Sehe, wie Riley die Augen schließt.

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