[Rezension] Lisa O'Donnell: Bienensterben

Samstag, 30. November 2013 | Kommentieren
Das Rezensionsexemplar habe ich vom Dumont Buchverlag bekommen. Vielen Dank dafür!


© Dumont Buchverlag
Rezensionsexemplar
Lisa O'Donnell: Bienensterben

320 Seiten | Taschenbuch | Dumont Buchverlag | Deutsch

Original: The Death Of Bees
Übersetzer: Stefanie Jacobs
Reihe: Einzelband

Erschienen: 04. Oktober 2013

ISBN: 978-3-8321-8756-9
Preis: 16,99 € 

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Autoren-Info

Lisa O'Donnell wohnt in Los Angeles, hat zwei Kinder und wurde für ihr Drehbuch "The Wedding Gift" bereits mit dem Orange Screenwriting Price ausgezeichnet. Mit "Bienensterben" gibt sie ihr Romandebüt.

Klappentext

Heute habe ich Geburtstag.
Heute werde ich fünfzehn.
Heute habe ich meine Eltern im Garten begraben.

Inhalt

Es ist Marnie's fünfzehnter Geburtstag, als sie und ihre kleine Schwester Nelly ihren Vater im Garten begraben und ihre tote Mutter im Schuppen verstecken. Eltern, die nie wirklich da waren, um sich um ihre Kinder zu kümmern, und doch müssen die beiden Mädchen schnell feststellen, dass es etwas gänzlich anderes ist, wenn ihre Eltern niemals wiederkommen. Wenn sie tot sind. Wenn niemand etwas davon wissen darf, denn ins Heim wollen sie beide nicht.
Ein Jahr gilt es zu überbrücken, dann wird Marnie sechzehn und darf sich allein um sich selbst und ihre Schwester kümmern. Ein Jahr verbergen, dass die eigenen Eltern tot sind.
Das Geld geht rasch zur Neige und Marnie kann mit ihrem Gelegenheitsjob als Dealerin nicht genügend verdienen. Da kommt es den beiden Mädchen ganz recht, dass sich ihr Nachbar Lennie, der in der ganzen Stadt als Perverser verschrien ist, plötzlich für sie interessiert.
Lennie merkt schnell, dass bei Marnie und Nelly etwas nicht stimmt und beginnt, sich um die Schwestern zu kümmern; ihnen ein Zuhause zu geben. Mit der bisher nie gekannten Geborgenheit und Zuwendung zeigen sich erste Risse im Lügengerüst der beiden und als die Leute beginnen, Fragen zu stellen, kommen erschütternde Tatsachen aus dem Familienleben der beiden ans Licht.

Meine Meinung

Die Geschichte beginnt erschütternd und präzise formuliert, ohne auf den möglicherweise empfindlichen Magen eines Lesers Rücksicht zu nehmen: Nelly's und Marnie's Vater Gene ist seit ein paar Tagen tot, sein Körper hat bereits begonnen zu verwesen. Flüssigkeiten treten aus seinem Körper aus und die Haut hält nicht mehr dicht, als Marnie und Nelly ihn, eingewickelt in ein Laken, die Treppe hinunter und aus dem Haus schleppen, um ihn ihm winterlichen, gefrorenen Garten zu begraben. Ähnlich ergeht es ihrer Mutter. Izzy hatte sich im Schuppen im Garten erhängt und war in einem kaum weniger erbärmlichen Zustand als Gene.
Ausgehend davon entwickelt sich eine Geschichte, die im ersten Moment wie die Geschichte zweier Teenager erscheint, deren Eltern es einfach nicht aus dem Sumpf von Alkohol und Drogen schaffen, und die daher allein zurecht kommen müssen. Doch der Schein trügt.
Abwechselnd erzählt die Autorin aus der Perspektive von Marnie, Nelly und Lennie und bietet somit unterschiedliche Blickwinkel und die Möglichkeit, die drei Protagonisten persönlich kennenzulernen. Schnell wird deutlich, dass insbesondere die Schwestern gleiche Begebenheiten unterschiedlich einschätzen. Einerseits ist da Nelly mit ihren teils kindlich-naiven Ansichten, die sich weigert, erwachsen zu werden und sich über alles den Kopf zerbricht - auch über das diesjährige "Bienensterben", nachdem sie einen Bericht darüber gesehen hat. Ein Talent auf der Violine, mit einer etwas veraltet wirkenden, aber dennoch gebildet klingenden Sprache. Das vollständige Gegenteil von ihr ist Marnie, die trinkt, raucht und ihre Unschuld schon vor längerer Zeit verloren hat. Sie ist wahrlich eine "Rotzgöre", schafft es aber dennoch ohne Mühe, super in der Schule zu sein.

Ich bin Marnie. Zu jung zum Rauchen, zu jung zum Trinken und zu jung zum Ficken, aber wer sollte mich aufhalten?
Seite 12
Nach dem erschreckenden Beginn verläuft die Geschichte eher in ruhigeren Bahnen, ehe es erst wieder gegen Ende wirklich spannend wird. Man fiebert mit den Mädchen - erlebt, wie die Beziehung zwischen ihnen und Lennie wächst, wie die Lügen immer schwerer auf den Mädchen lasten, wie sie zunehmend verzweifelt versuchen, den Schein zu wahren... Und doch wirkte die Geschichte fern. Ich als Leser blieb ein Zuschauer und konnte nicht in die Geschichte eintauchen, was mir an manchen Stellen allerdings auch ganz lieb war.
Lisa O'Donnell formuliert klar und deutlich, ohne verschönernde und verschleiernde Beigaben. Man muss kaum "zwischen den Zeilen lesen", denn die Aussagen sind präzise. Es sind die ungeschönten Gedanken zweier Mädchen und eines alten Mannes, die mit ihrem Leben zurechtkommen müssen. Die eine an der schwierigen Grenze zum erwachsen, zum Frau werden. Die andere auf der unbewussten Suche nach Zuwendung und einer klaren Richtung und der letzte mit der Last der Vergangenheit auf seinen Schultern. Die Autorin beweist ein großes Einfühlungsvermögen, als sie von den Problemen der einzelnen Charaktere schreibt, von ihrem Leben und ihren Beziehungen. 
Auch wenn ich ein Zuschauer blieb, erschien die Geschichte real, als könnte sie genau so gerade in irgendeiner verwaisten Kleinstadt stattfinden. So absurd die Geschichte manchmal erscheinen mag, am Ende musste ich mir eingestehen, dass es so etwas in der heutigen Gesellschaft wirklich geben kann. Erschreckend...
Gestalterisch war ich zunächst etwas irritiert von dem Cover. Schwarz-weiß, mit zwei Gesichtern im Profil und so manchen Kleinigkeiten. Nach dem Lesen ergibt jedoch so einiges einen Sinn. Nelly und Marnie, umgeben von dem, was sie ihr Leben nennen - nennen müssen. Einerseits Nelly's Violine, Lennie und ein Zuhause, das so wirklich gar keines ist. Andererseits Drogen, Zigaretten und Gewalt.
Ein Zwiespalt, in dem die Schwestern von einem auf den anderen Tag allein gelassen werden...

Fazit

"Bienensterben" wirkt, als hätte man es aus drei Tagebüchern zusammengesetzt. Schonungslose Wahrheiten, die nicht immer auch für zart Besaitete geeignet sind. Es ist eine Geschichte, die man zunächst gern als reine Fiktion abtun möchte, aber bei der man dann doch irgendwann einsehen muss, dass es tatsächlich real sein kann.
Wirklich als spannend bezeichnen möchte ich es nicht, aber es war interessant, den Weg der Schwestern ein Stück zu begleiten.
Für die Geschichte und das schreibtechnische Talent der Autorin, Präzision und Einfühlungsvermögen zu verknüpfen, gebe ich gern vier Pergamentfalter, doch ein letztes Fünkchen fehlte, damit mich das Buch richtig hätte packen können.


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