Das Christkind

Montag, 5. Dezember 2011 | Kommentieren
Die Nacht war längst über die verschneite Landschaft hereingebrochen, als die kleine Marie Geräusche aus der Wohnstube hörte. Es war Heiligabend, die Lichter waren längst ausgeschalten und ihre Eltern schliefen mit Sicherheit.
Neugierig schlüpfte sie aus ihrem Bett und tapste auf nackten Sohlen zur Treppe im Flur. Von dort linste sie heimlich nach unten. Mit etwas Mühe konnte sie den Weihnachtsbaum entdecken, der seltsamerweise hell erleuchtet war. Goldene und rote Kugeln blitzten im Licht der weißen Kerzen. Goldenes Lametta und winzige Engelsfiguren schmückten den Baum ebenso wie ein mächtiger golden strahlender Stern auf der Spitze des Baumes. Doch das glitzernde Licht schien noch von einer anderen Quelle zu kommen, die sie nicht sehen konnte.
Mit wachsendem Interesse schlich Marie die Treppe hinab und blieb kurz am Fuße derselben stehen und lauschte. Ein seichtes Rascheln war zu hören, das wie Papier und Schleifenband klang. Ob ihre Eltern die Geschenke bereits unter den Baum legten? Wer sollte sonst zu so später Stunde in ihrem Haus sein? Lautlos huschte sie weiter, blickte verstohlen um die Ecke, erschrak und versteckte sich erneut hinter der Wand.
„Keine Angst, Marie. Komm nur zu mir“, erklang eine sanfte, melodische Stimme. Mit klopfendem Herzen kam sie hinter der Wand hervor und betrachtete die Frau vor ihr. Sie trug ein Kleid, ebenso golden wie ihr langes, lockiges Haar und auf ihrem Rücken schien sie riesige schneeweiße Flügel zu tragen.. Die ganze Gestalt dieser wunderschönen Frau schien ein gewisses warmes Licht abzustrahlen.
„Wer bist du?“, fragte Marie leise, fasziniert von dieser Erscheinung. Die Frau legte ein letztes Päckchen, dass sie in ihren Händen gehalten hatte, unter den Weihnachtsbaum und lächelte das kleine Mädchen an. „Ich bin das Christkind.“
„Das Christkind?“, fragte die Kleine verwundert. „Das gibt es doch gar nicht.“ Davon war sie überzeugt. Warum sollte Max, der immer alles ganz genau wusste, sonst behaupten, dass das Christkind nur eine Fantasie der Erwachsenen war?
„Sehe ich so aus, als würde es mich nicht geben?“, fragte die Frau lächelnd und beugte sich zu dem Kind hinab. „Weißt du, manchmal erzählen Menschen, dass es etwas nicht gibt, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es die Wahrheit ist.“
„Vielleicht träume ich“, meinte Marie nachdenklich. Anders konnte sie es sich nicht erklären. Das hier konnte nicht wahr sein. Es gab doch keine Engel...
„Nun, vielleicht“, entgegnete das Christkind. „Vielleicht aber auch nicht. Öffne deine Hände.“ Marie nickte und zeigte ihr ihre Handflächen. Die Frau legte ihre Hände darüber und kurz darauf erschien eine goldene Kugel in Maries Handflächen, die sich langsam zu einer Schneekugel formte.
„Was ist das?“, fragte Marie neugierig.
„Ein ganz besonderes Geschenk. Siehst du die kleinen Engel darin?“ Marie nickte. Bewegten sich die kleinen Geschöpfe etwa? „Wenn du einmal Hilfe brauchst, kannst du dich jederzeit an sie wenden. Jeder Engel steht für eine Hilfe.“ Sie wandte sich langsam ab und das goldene Licht um sie herum wurde stärker. „Frohe Weihnachten, Marie.“ Sie verschwand in dem hellen Schein.

Als Marie am nächsten Morgen erwachte, wusste sie nicht, wie sie in ihr Bett gekommen war. Sie streckte sich gähnend, als ihr die Ereignisse der Nacht einfielen. Ein Traum? Ihr Blick wanderte zu dem kleinen Nachttischchen. Eine gold-weiße Schneekugel stand darauf mit kleinen lebendig wirkenden Engelsfiguren. Schneeflöckchen wirbelten in dem Glas umher und sie glaubte, eines der Engelchen winke ihr lächelnd zu.

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