Broken - Eine "Harry Potter"-Fanfiktion

Sonntag, 21. April 2013 | Kommentieren
Figur: Draco Malfoy
Thema: Verzweiflung
Zeit: spielt nach dem Krieg im letzten HP-Band

Von meinem Zimmerfenster aus beobachtete ich die untergehende Sonne und das zögerlich über den Himmel kriechende Abendrot. Fünf Monate waren seit dem Ende des Krieges vergangen. Die Toten hatte man begraben und langsam kehrte die Normalität zurück. Zumindest für diejenigen, die an der Seite des großen Retters gekämpft hatten. Mir begegnete man immer noch mit feindseligen Blicken und größtenteils auch mit purem Hass, nicht nur hier in Hogwarts. Ich ließ es mir nicht anmerken, hielt meine Maske immer aufrecht, doch innerlich sah es anders aus. Ich war gebrochen, der Krieg hatte auch bei mir seine Spuren der Verwüstung hinterlassen.
„Ein Malfoy kennt keinen Schmerz.“ Wie oft hallten die Worte meines Vaters in mir wider? Nachts jagten sie mich über das Schlachtfeld, übersät von Toten, weil ich mich von Harry Potter hatte retten lassen müssen und nun als Schwächling dastand. Tagsüber quälten mich eigene Vorwürfe und die Abneigung der anderen. Alle glaubten sie, ich hätte mich nicht verändert, doch das hatte ich. Ob es gut war, konnte ich nicht wirklich sagen, Freunde hatte es mir jedenfalls noch keine gebracht. War ich daran selbst schuld? Wahrscheinlich schreckte sie mein Verhalten ab, doch was sollte ich anderes machen, als mich hinter meiner eisigen Fassade zu verstecken? Ohne sie wäre ich für alle ersichtlich ein seelisches Wrack. Mochte sein, dass andere mit den Bildern des Krieges umgehen konnten, doch ich, als ehemaliger Todesser, der die Chance auf ein neues Leben bekommen hatte, konnte es nicht. Sie machten mir Angst, ließen mich manchmal mit Tränen in den Augen aufwachen.
„Ein Malfoy weint nicht.“ Ich konnte es nicht mehr hören! Stärke hier, Ehre da. Für meinen Vater, einen jetzigen Askabanhäftling, gab es nichts anderes; einer der vielen Gründe, weswegen ich kein Interesse daran hegte, ihn wiederzusehen. Für mich war das Leben und die Freude wichtig geworden, durfte ich bisher kaum fühlen.
Ich seufzte traurig, stand auf und ging in den Speisesaal. So vieles hatte in den letzten Monaten Veränderungen erlebt. So vieles, was für mich unveränderlich und bestehend gewesen war, existierte nicht mehr oder befand sich nun im Wandel der Zeiten.
Ablehnende Blicke folgten mir zu meinem Platz. Ich starrte die ganze Zeit auf den Boden, wollte sie nicht ansehen. Sie sagten mir nur immer wieder, wie viel ich falsch gemacht hatte.
„Verpiss dich, Malfoy! Wir wollen hier keine Todesser!“ Eine Stimme unter vielen. Eine Beleidigung, die ich nur zu gut kannte. War ich wirklich noch eine dieser schattenhaften Gestalten? Mit dem Tod Voldemorts war das Zeichen auf meinem Arm erst verblasst und schließlich gänzlich verschwunden. War diese düstere Zeit meines Lebens, auf die ich ganz sicher keineswegs stolz war, nicht eigentlich damit vorbei?
„Halten Sie sich zurück, Mister Weasley“, schaltete sich Professor McGonagall, die seit dem Tod Dumbledores die Schulleitung übernommen hatte, ein. Wiesel hatte mich beleidigt? Scheinbar war ich schon so in meine eigene gedankliche Welt aus Trauer und Isolation versunken, dass ich nicht einmal mehr Stimmen erkennen konnte.
Danach blieb es still. Während ich aß, blickte ich kurz zu den wenigen anderen an meinem Tisch. Vielleicht waren es zehn oder fünfzehn weitere Slytherins, die noch in Hogwarts waren. Ein Großteil hatte die Schule verlassen oder war im Kampf umgekommen. Mein Glück, dass ich hier meinen Abschluss machen durfte, war damals der Zwang meiner Mutter gewesen, uns zu ergeben, da der Kampf längst verloren gewesen war. Ich hatte eine zweite Chance bekommen, auf die ich heute stolz war.

Es war bereits dunkel, kurz bevor die Ausgangssperre für diesen Abend verhängt werden würde, und ich stand noch immer oben auf dem Astronomieturm. Dann würde ich eben Ärger bekommen, ein Risiko, welches ich für das bisschen Ruhe und Frieden hier oben gern einging. Besonders in den ersten Nachkriegstagen hatte ich oft hier gestanden, hinunter geschaut und mit dem Gedanken gespielt, einfach zu springen. Es hätte alles beendet. Kein Schmerz mehr, keine Beleidigungen und erst recht nicht mehr die ständige Ablehnung, die ich auf Dauer kaum auszuhalten vermochte.
Ob andere unter dem Vergangenen ebenso litten wie ich? Hufflepuff's, Ravenclaw's oder Gryffindor's sicher nicht. Die freuten sich vermutlich über den Ausgang des Krieges und den Tod Voldemorts. Und die anderen aus meinem Haus? Nur wenige hatten damals das dunkle Mal erhalten, nur dieser kleine Teil wurde wirklich ausgegrenzt. Nur sie waren unerwünscht. Einer von ihnen war ich.
Deprimiert ließ ich mich mit dem Rücken zur Wand nach unten gleiten, bis ich auf dem kühlen Boden saß. Was sollte das nur werden? Was sollte aus MIR werden? Fast alle hatten sich von mir abgewandt. Mit Blaise, meinem eigentlich besten Kumpel, schrieb ich selten, ich wusste kaum von dem, was er jetzt tat. Pansy war zwar noch an der Schule, hatte allerdings sämtlichen Kontakt unterbunden. Crabbe war im Krieg gestorben und Goyle wollte nichts mehr von mir wissen, auch er hatte die Schule verlassen. Ich war allein zurückgeblieben. Allein mit meiner Trauer und meiner Angst vor dem Ungewissen. Meine Mutter konnte mir auch nicht helfen. Sie war genauso am Ende wie ich; sie hatte die Verhaftung und Verurteilung meines Vaters nicht verkraftet.
„Malfoy?“ Ich zuckte zusammen, als ich die mir bekannte Stimme so nah hörte. Ich sah auf und mein Blick traf die dunklen Augen meines Gegenübers. Potter.
Mühsam stand ich auf, versuchte meine kurzzeitig verschwundene Maske wieder aufzubauen.
„Was willst du, Potter?“ Ich scheiterte kläglich dabei, den eisigen Ton in meine Stimme zu legen, der für mich so typisch war. Wieso musste ich ausgerechnet gegenüber dem großen Retter der Zauberwelt meine Schwächen zeigen?
„Das wollte ich dich auch gerade fragen.“ Er musterte mich kurz. „Alles okay? Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“
Verdammt, warum kam er jetzt mir der Mitleidsnummer? Warum ausgerechnet bei mir; ausgerechnet jetzt, wo es mir so schon mies ging? „Verzieh dich einfach, Potter, und lass mich in Ruhe“, entgegnete ich und endlich gelang es mir, abfällig zu klingen. Ob ihm das leichte Zittern meiner Stimme aufgefallen war? Äußerlich ruhig ging ich an ihm vorbei. Innerlich war ich aufgewühlter denn je. Auf der einen Seite sollte er einfach verschwinden, ich wollte ihn nie wieder sehen. Woher dieser Hass kam, der uns beide verband, wusste ich nicht. Andererseits wünschte ich, er würde hinter meine Fassade blicken können; den verletzten jungen Mann sehen, der ich war, und mich unterstützen. Er war immer der Stärkere gewesen, auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte. Er konnte mit den Schrecken des Krieges umgehen, er hatte den dunklen Lord besiegt. All das hätte ich nie vollbringen können.
Zu gern würde ich mich jetzt umdrehen und ihm sagen: „Bitte hilf mir.“ Doch ich kann es nicht. Mein Stolz ist zu stark – oder bin ich zu schwach? – und so verlasse ich den Turm ohne ein Wort.

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